
Hintergrund
Vom Millionen-Slot zum Steam-Absturz: Der «Highguard»-Launch ist Drama pur
von Debora Pape

Nach nur sechs Wochen zieht das Studio Wildlight beim Shooter-Hoffnungsträger «Highguard» den Stecker. Doch während das Spiel stirbt, feiert ein Teil der Gaming-Community den Untergang mit erschreckender Häme und persönlichen Beleidigungen.
Das war’s: Der kostenlos spielbare PvP-Shooter «Highguard» wird nur wenige Wochen nach Release beerdigt. Das Entwicklerstudio Wildlight kündigt auf X an, die Server am 12. März herunterzufahren.
Wie zum Trotz veröffentlicht Wildlight vorher jedoch noch ein letztes Inhalts‑Update. Es enthält unter anderem einen neuen spielbaren Heldencharakter und eine neue Waffe. Viel Zeit zum Ausprobieren bleibt allerdings nicht mehr. Das Update zeigt jedoch, dass das Team, wie angekündigt, nach dem Release am 26. Januar weiter an dem Spiel gearbeitet hat und offenbar hoffte, das Blatt noch zu wenden.
In den Kommentaren unter der Ankündigung lese ich vor allem Häme und Hass, die mich erschrecken. Ich finde, so etwas hat kein Studio verdient, auch wenn es operativ und kommunikativ schwere Fehler zu verantworten hat.
Das Studio hatte nach dem Release noch betont, dass für einen Erfolg gar keine Massen an Spielern erforderlich seien, solange eine Kernspielerschaft erhalten bleibt. Updates und neuer Content sollten in der kommenden Zeit dabei helfen, die Basis auszubauen und neue Gamer anzulocken. Zu dem Zeitpunkt arbeiteten rund 100 Menschen an dem Projekt, die auf eine Trendwende hoffen mussten. Doch die Spielerzahlen fielen und fielen.

Am 12. Februar lag die Anzahl der gleichzeitig aktiven Spieler laut SteamDB bei 3123. An diesem Tag gab das Studio auf X bekannt, zahlreiche Angestellte entlassen zu müssen. Laut Berichten blieben nur rund 20 Entwicklerinnen und Entwickler übrig. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis mit der Einstellung des Spiels oder gar der Studioauflösung zu rechnen war.
Warum «Highguard» von Anfang an einen so schlechten Stand hatte und bei der Spielerschaft durchfiel, erfährst du hier:
Wildlight Entertainment ist ein unabhängiges Studio ohne einen Konzern wie Sony im Rücken. Der chinesische Megakonzern Tencent hatte zwar in die Entwicklung des Spiels investiert, das Risiko trägt das Studio aber trotzdem allein. Am 23. Februar fielen die Spielerzahlen unter 1000 und seit dem 1. März sind es nicht einmal mehr 500. Offenbar sieht Wildlight nun keine Möglichkeit mehr, das Spiel doch noch am Laufen zu halten und zieht die Reißleine.
Damit geht «Highguard» den gleichen Weg wie «Concord»: das Live-Service-Game wurde ebenfalls aufgrund mangelnder Spielerzahlen nach kurzer Zeit abgesetzt. Bald darauf wurde das Entwicklerstudio Firewalk, das zu Sony gehörte, geschlossen.
Die Ursachen für das Drama sind weit gefächert. Das Studio trägt natürlich einen großen Teil der Schuld, die schon bei der Konzeption eines Games in der bereits gesättigten Live-Service-Landschaft beginnt. Es kann sein, dass «Highguard» aufgrund der starken Konkurrenz sowieso keine Chance hatte, seine eigene Nische zu finden. Dann wären die Server ebenfalls abgeschaltet und die Entwickler arbeitslos geworden.
Das ist der Gang der Dinge, wenn ein Produkt nicht überzeugt. Es ist gar nicht nötig, durch Hass und Review Bombing nachzuhelfen.
Vielen Hatern geht es offenbar gar nicht darum, ob das Spiel gut oder schlecht ist. Sie haben nur ein dankbares Ziel gefunden, auf das gerade alle einschlagen und wo man sich durch noch kreativere Hate-Sprüche hervortun kann.
Jeder Fetzen Kommunikation des Studios wird von hämischen Memes und gehässigen Kommentaren quittiert. Auch unter der Ankündigung zur Absetzung des Spiels erscheinen McDonald’s-Memes, die nahelegen, wo das Entwicklerteam zukünftig arbeiten könnte. Die schlechten Devs hätten sowieso nichts anderes verdient.
Als Gamerin und somit Teil der Community schäme ich mich dafür, wie einige von uns mit anderen Menschen umgehen. Übersättigter Markt hin und her, aber «Highguard» ist ein echtes Spiel mit echten Menschen, echten Ideen und echter Arbeitsleistung dahinter.
Ich verstehe jeden Unmut, den ein mutmaßliches Scam-Game wie «The Day before» des mittlerweile geschlossenen Studios Fntastic abbekommt. Im Gegensatz zu Fntastic kann man Wildlight aber keine Betrugsabsichten unterstellen.
Ganz im Gegenteil: Das Studio erhielt in frühen Preview-Phasen durchaus positive Rückmeldungen, was die Qualität des Kern-Gameplays betraf. Das war auch der Grund, warum Geoff Keighley, Ausrichter der Game Awards, dem Studio den renommierten Platz zur Trailer-Präsentation in seiner Show anbot. Und doch wird das Studio und dessen Angestellte von einem Shitstorm überzogen, der seinesgleichen sucht.
Ich glaube kaum, dass «Highguard» wegen «schlechter Devs» gefloppt ist. Die wenigsten negativen Reviews sprechen von Bugs oder Abstürzen. An dem Spiel arbeiteten Menschen wie du und ich: Die (wahrscheinlich) ihr Bestes taten, die hinter ihrem Spiel standen und hofften, dass viele Menschen Spaß daran haben werden. Die Miete zahlen und Kinder ernähren müssen. Und die Gefühle haben. Konstruktive Kritik, auch harsch formuliert, ist eine Sache. Reines Schlechtmachen des Produkts und Beleidigungen aber eine ganz andere.
Davon berichtet auch der frühere Wildlight-Entwickler Josh Sobel auf seinem mittlerweile deaktivierten X-Account. Seine Erfahrungen sind in diesem Beitrag nachzulesen – und sie sind erschreckend.
Vor den Game Awards arbeitete das Team demnach mit Freude an dem Spiel und war überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Danach änderte sich alles. Sobel berichtet, dass seine Kolleginnen und Kollegen aufgrund früherer Erfahrungen bewusst Social Media mieden.
Diese Erfahrung fehlte Sobel, sodass er den Hass in voller Breite abbekam. Nachdem er seinen X-Account auf «Privat» stellte, um die Nachrichtenflut einzudämmen, bezeichneten Content Creator diese Schutzmaßnahme als feige. Andere Menschen bemühten aufgrund Sobels Autismus die ewige «Woke»-Litanei als Grund für den Flop des Spiels.
Solche Nachrichten machen etwas mit denjenigen, die sie betreffen. Wer so etwas nicht selbst erleben möchte, sollte das auch anderen nicht antun. Ich würde mir wünschen, dass meine Mit-Gamer mehr Gelassenheit an den Tag legen. Nicht alles muss negativ kommentiert werden. Ein Spiel floppt sowieso, wenn der Markt gesättigt ist oder das Game nicht liefert. Es ist nicht nötig, den Entwicklerinnen und Entwicklern deswegen eine zerstörte Existenz zu wünschen. Und vor allem: Nachtreten auf schon am Boden liegende Menschen ist alles andere als ein schöner Charakterzug.
Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.
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