«Irgendwann werden wir einen Walliser Champion haben»
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«Irgendwann werden wir einen Walliser Champion haben»

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 05.05.2021
Bilder: Thomas Kunz
Benedek Sarkany ist Präsident der Swiss Surfing Association (SSA) und Nationalcoach. Ein Gespräch über die Kombination Schweizer Leidenschaften, künftige Champions und den exotischsten Verband der Welt.

Ich würde gerne mit Bene reden, aber es geht nicht. Wir stehen in Sion und im Hintergrund donnern die Brecher derart laut, dass der Pegel meines Aufnahmegeräts bereits am Anschlag ist. Fürs Interview müssen wir uns hinter ein paar Holzwände verziehen. Was einerseits schade ist, denn in den Wellen der brandneuen Anlage Alaïa Bay gäbe es gerade viel zu sehen. Die Surf-Elite tummelt sich und Benedek Sarkanys Platz wäre am Wasser, nah bei den Athletinnen und Athleten. Andererseits lenkt uns so nichts ab. Wir können ungestört über die Entwicklung des Schweizer Surfens reden.

Benedek Sarkany in Sion.
Benedek Sarkany in Sion.

Dass sich einiges getan hat, beweisen nicht nur die rollenden Wellen im Wallis. Für viele ist Surfen ein Lifestyle, in den sie gerne mal reinschnuppern wollen. Für andere eine professionell betriebene Sportart, die ein ganz anderes Standing als in früheren Jahren hat. Bene, der Präsident in T-Shirt und Käppi, kennt beide Seiten. Er nahm selbst an zwei Weltmeisterschaften teil und führte zehn Jahre lang ein Surfcamp im Baskenland. Heute ist er als Nationalcoach mit der Elite unterwegs und gibt Basiskurse für Kinder. Er ist genau der richtige Mann, um über ein paar Jahrzehnte Surfgeschichte und die Zukunft des Sports zu reden.

Ihr bezeichnet euch selbst als den wahrscheinlich exotischsten Verband der Welt. Wie kommt ihr darauf?
Benedek Sarkany, Präsident SSA (lacht): Das kommt daher, dass wir schon seit 1992 an der Weltmeisterschaft teilnehmen, die in teilweise wirklich exotischen Ländern stattfand. Dort hiess es dann immer: «What? Switzerland? They don’t have an ocean!» Da mussten wir häufig erklären, dass wir in Flüssen surfen oder nach Italien, Frankreich, Spanien fahren. Das fanden immer alle sehr exotisch.

Die Bezeichnung kam also von aussen und ihr habt sie einfach übernommen.
Genau, die ist geblieben. Mittlerweile nehmen aber auch Länder wie Afghanistan an der WM teil. Die könnten sich sicher auch so bezeichnen.

Für ein Binnenland gibt es in der Schweiz mit 40 000 Surferinnen und Surfern eine recht aktive Szene. Wie kommt das?
Wir sind aus meiner Sicht einfach eine Brettsport-Nation. Wir fahren von klein auf Ski, Snowboard oder Skateboard und sind generell eher sportlich. Wir sind gerne draussen in der Natur, der Outdoor-Sport boomt. Surfen kombiniert diese Leidenschaften: Du kannst wie mit dem Snowboard irgendwo runterfahren. Ich würde sagen, inzwischen sind es schon 45 000 bis 50 000, die aktiv surfen.

Hauptsache ein Board unter den Füssen!
Hauptsache ein Board unter den Füssen!

Zum Stichwort Surfen kommen mir zuerst Reisen, Freiheit und Individualismus in den Sinn. Welche Rolle spielt da ein Verband?
Wir sind für den Breiten- und Spitzensport zuständig. Klar, wir schicken unsere Athleten auf Reisen, das gehört zu unserem Sport. Aber mit so einer Anlage wie in Sion wird es vielleicht künftig etwas weniger. Man trifft sich dann hier, nicht mehr in Hossegor.

*Wellen** à la carte im Wallis
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Wellen à la carte im Wallis

Wer Fussball spielt, ist automatisch in einer Verbandsstruktur und wird vielleicht als Talent entdeckt. Beim Surfen stehen viele nur ein-, zweimal pro Jahr in den Ferien auf dem Brett. Wie bringt ihr in der Verbandsarbeit Spitzen- und Breitensport zusammen?
Ich fange mal mit der Spitze an: Shortboarden ist jetzt olympisch, das supporten wir gemeinsam mit Swiss Olympic. Wir haben einen Kader von 22 Leuten, mit dem Nachwuchs sind es vielleicht 25 Frauen und Männer. Bislang haben wir Trainingswochen am Meer gemacht und fahren an die WM und die EM. Ausserdem gehen wir bei gutem Wasserstand auf die Flüsse und haben mit Powsurfen im Tiefschnee angefangen. So versuchen wir unsere Athleten zu trainieren. Ausserdem sind wir schon seit ein paar Jahren auf statischen Wellen unterwegs und jetzt kommt noch der Wellenpool dazu. Sion ist für uns ein neues Leistungszentrum.

Gibt es euch einen Schub, dass Shortboarden olympisch ist?
Seit 2018 sind wir Mitglied bei Swiss Olympic, das öffnet neue Türen im Leistungssport und es gibt finanzielle Unterstützung. Wir sind Stufe 5, das ist die kleinste Stufe olympischer Sportarten, da ist der Support noch nicht so gross. Aber wir können schon einiges damit anfangen.

Du bist Nationaltrainer. Wie realistisch ist das Ziel, dass 2024 Schweizer Athletinnen und Athleten bei Olympia vertreten sind?
Es kommt sicher darauf an, ob das Feld geöffnet wird. Beim Debüt in Tokio sind nur 20 Männer und 20 Frauen am Start, je zwei Leute pro Nation. Du musst für eine Teilnahme also in den Top 10 sein. Wir waren auf Rang 23 von 55 Nationen an der letzten WM. Das Ziel wäre, bei der nächsten WM in die Top 20 und nach und nach immer näher an die Top 10 zu kommen. Wenn 2024 immer noch ein 20er-Feld bei Olympia startet, schaffen wir es wahrscheinlich noch nicht. Wenn es 30 sind, haben wir eher eine Chance.

Kader-Athletin Fanny Bühlmann mit dem Musiker und Hobby-Surfer Bastian Baker.
Kader-Athletin Fanny Bühlmann mit dem Musiker und Hobby-Surfer Bastian Baker.

Dann gibt es das andere Ende der Fahnenstange, den Freizeitbereich. Du unterrichtest selbst und schreibst auf deiner Homepage sinngemäss: Wir suchen die Wellen, aber am Anfang stören sie eigentlich. Was empfiehlst du Einsteigerinnen und Einsteigern?
Unserem Verband sind elf Clubs angegliedert, die sich mehrheitlich um den Breitensport kümmern. Sie machen Paddeltrainings, Events und organisieren Surfcamps. Ein guter Einstieg ist künftig auch hier in Sion. Die können die Wellen genau auf deine Bedürfnisse einstellen. Wenn du dich richtig einschätzt und in die passende Session einteilen lässt, kannst du gezielt trainieren und besser werden. Meine Kinder sind sechs und acht, die sind hier gestern auch schon gesurft. Es kommt nicht plötzlich eine grössere Welle, es gibt Lifeguards, es ist relativ ungefährlich. Wie in der Badi.

Kann man sich im Pool in den Sport verlieben?
Ich glaube, das wird passieren. Es wird so sein, dass wir irgendwann einen Walliser Champion haben. Der geht hier nach der Schule wie im Fussballclub trainieren und verliebt sich dabei in den Sport.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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