Kette putzen nicht vergessen
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Kette putzen nicht vergessen

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 25.05.2020
Staub, Matsch, Feuchtigkeit, Salz. An einer Velokette nagen nicht nur die Zähne der Ritzel, sondern auch der Zahn der Zeit. Grund genug, ihr regelmässige Pflege zu gönnen und sie rechtzeitig auszutauschen.

Bei jeder Pedalumdrehung zerren gewaltige Kräfte an jedem einzelnen Kettenglied. Trotzdem macht diese geniale Konstruktion so viel mit, dass sie seit dem späten 19. Jahrhundert der Goldstandard für den Veloantrieb ist. Auch wenn der Zahnriemen langsam aufkommt – mit grosser Wahrscheinlichkeit steht bei dir ein Modell mit Kette im Keller. Und falls du ihr schon länger keine Beachtung geschenkt hast, wird es jetzt Zeit.

Verschleiss feststellen

Mit der Zeit nutzen sich die Verbindungen der einzelnen Glieder ab. Dadurch wird die Kette länger und erreicht irgendwann das Ende ihrer Lebensdauer. Dann springt sie über, greift nicht mehr richtig oder reisst sogar. Auf jeden Fall können Ritzel und Kettenblätter Schaden nehmen und es wird deutlich teurer, dein Bike wieder fit zu machen. Um den Verschleiss zu messen, gibt es simple Werkzeuge. Sie zeigen an, wie sehr sich die Kette schon verlängert hat.

Hier geht noch was: Erst wenn der Zahn der Messlehre komplett im Kettenglied verschwindet, hat sie sich um 0.75 Prozent verlängert.
Hier geht noch was: Erst wenn der Zahn der Messlehre komplett im Kettenglied verschwindet, hat sie sich um 0.75 Prozent verlängert.
Kettenprüfgerät CC-3.2
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Park Tool Kettenprüfgerät CC-3.2
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Kettenmessgerät CC-2
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Park Tool Kettenmessgerät CC-2
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Je nach Kette wird der Austausch empfohlen, wenn sie sich um 0.5 oder 0.75 Prozent gedehnt hat. Hast du eine 11- oder 12fach-Kassette installiert, solltest du die Kette bereits bei der 0.5-Marke tauschen. Ansonsten ist der Wechsel spätestens bei 0.75 angesagt. Bei Singlespeeds oder Nabenschaltungen kannst du die Kette bis zu einem Prozent Ausdehnung fahren.

Kette reinigen

Kette noch gut? Gut! Damit das lange so bleibt, solltest du sie sauber halten. Wo weniger reibt und scheuert, verringert sich auch der Verschleiss. Logisch. Wer wie ich bei jedem Wetter fährt und nicht immer gewissenhaft putzt, blickt gelegentlich auf ein schwarz verklebtes Desaster.

Darüber, wie der Kette am besten Gutes zu tun ist, wird ausufernd diskutiert. Die einen schwören beim Reinigen auf die simple Variante mit einem fusselfreien Lappen und ein paar Tropfen des Allheilmittels WD-40. Andere fahren das komplette Arsenal inklusive Kettenreinigungsgerät und Spezialbürsten auf. Sicher ist: Von stark entfettenden Reinigungsmitteln solltest du die Finger lassen, da sie die schützende Schicht zwischen den Kettengliedern auswaschen. Diese sollte möglichst erhalten bleiben. Aber der Dreck muss runter, bevor du neues Schmiermittel aufträgst.

Ich nutze Kettenreiniger, um den Schmutz aufzuweichen. Verklebten Dreck zwischen den Ritzeln entferne ich mit einem Inbusschlüssel oder Schraubenzieher. Für die Feinarbeit habe ich mir aus zwei alten Aufsätzen meiner Elektrozahnbürste und einer Zange ein Spezialwerkzeug gebastelt. Du kannst natürlich auch ein paar Handzahnbürsten zusammentapen und die Kette durchlaufen lassen. Ist der Schmutz entfernt, wird die Kette mit Wasser abgespült und mit einem fusselfreien Tuch getrocknet.

Ich kann mir nicht helfen: Bei dieser Arbeit muss ich an Kollegin Natalie und ihren Aktivkohle-Zahnpasta-Test denken.
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Schmieren

Wenn die Kette gründlich gereinigt und getrocknet ist, gilt es, den nötigen Schmierfilm aufzubringen. Der hält die Reibung gering und sorgt dafür, dass die Kette über die Zähne gleiten kann. Ein gutes Schmiermittel verringert den Verschleiss und schützt vor Rost. Gleichzeitig sollte es wenig Schmutz anziehen, sich optimal verteilen und einfach anzuwenden sein.

Trockenschmiermittel (Dry Lube) verflüchtigt sich zum Teil und hinterlässt einen dünnen Wachsfilm auf der Kette. Dieser ist schmutzabweisend und somit bei trockenen, staubigen Bedingungen vorteilhaft. Dafür hält er Regen schlecht stand und muss häufiger aufgetragen werden als ein Nassschmiermittel (Wet Lube). Dessen Nachteil ist, dass es Staub und Schmutz magisch anzieht. Dafür schützt es besser vor Feuchtigkeit. Wer sportlich fährt und im Gelände unterwegs ist, wird das Schmiermittel den Witterungsbedingungen entsprechend wählen und mit der Zeit die eigene Zauberformel finden.

Ich masse mir kein Urteil an. Das haben andere nach aufwändigen Labortests getan. Bei den Testern von Radfahren.de wurde das F100 Kettenöl Testsieger. Die Produkte von Muc-Off kamen beim Verschleissschutz und Schmierverhalten sehr gut weg.

Keramiköle sollen Faulpelzen gegen gutes Geld etwas mehr Langlebigkeit bieten und die Wartungsintervalle vergrössern. Sie enthalten Nanopartikel, die den Verschleiss minimieren. Natürlich gibt es auch angebliche Allwetter-Öle und wer die Umwelt im Blick hat, wählt ein biologisch abbaubares Schmiermittel. Die eine absolut richtige Variante für alle Bedingungen gibt es nicht. Aber du wirst gut damit fahren, wenn du deine Kette regelmässig pflegst.

Dry Lube? Wet Lube? Allwetterspray, beziehungsweise Öl? Die Auswahl ist gross.
Dry Lube? Wet Lube? Allwetterspray, beziehungsweise Öl? Die Auswahl ist gross.

Sprühen oder träufeln? Vor dieser Frage stehst du bei der Auswahl zu allem Überfluss auch noch. Sprays lassen sich bequem anwenden und sind sehr kriechfähig, sie verteilen sich also gut zwischen den Kettengliedern. Andererseits läufst du Gefahr, dass es an Stellen kommt, wo es nicht hingehört. Auf die Kettenblätter, Bremsscheiben oder Bremsflanken zum Beispiel. Öle sind in der Handhabung etwas mühsamer, dafür lassen sie sich ohne problematische Treibmittel punktgenau auftragen. Am besten nach dem Motto: weniger ist mehr.

Es geht darum, die Gelenke der Kettenglieder zu schmieren. Du bringst es Tropfen für Tropfen an der Innenseite der Kette direkt auf die Verbindungselemente auf, während du sie langsam rückwärts bewegst. Dabei solltest du darauf achten, dass die Kette möglichst gerade läuft. Überflüssiges Schmiermittel kannst du mit einem trockenen Tuch entfernen. Tipp: Ein alter Socken ist gut geeignet, um die Kette durchlaufen zu lassen. Verwendest du ein Nassschmiermittel und wird die Kette aussen zu ölig, hast du schnell eine neue Schmutzschicht drauf. Dann beginnt der Spass wieder von vorne. So oder so – die Suche nach der «richtigen» Pflege ist eine never ending story und es gibt mindestens so viele Meinungen wie Schmiermittel. Die Hauptsache ist, du denkst regelmässig daran!

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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