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Meinung

KI statt Menschen: Epic macht ernst – und ich seh’ schwarz

Luca Fontana
14.10.2026

Erst 1000 Menschen entlassen, jetzt soll KI den Programmcode schreiben: Epic Games macht vor, wohin die Reise geht. Das sollte uns verdammt nochmal Sorgen machen.

«No more hand-written code.»

Kein Programmcode mehr von Hand. Das soll laut Bloomberg ein Game Director bei Epic Games angeordnet haben. Betroffen ist ein gemeinsam mit Disney entwickelter Shooter mit Figuren aus «Star Wars» und Marvel. Das Spiel sollte im März 2027 erscheinen, liegt aber hinter dem Zeitplan und wird verschoben. Um Zeit aufzuholen, soll KI nun einen Grossteil der Entwicklungsarbeit übernehmen.

Nicht nur beim Programmieren. Auch sämtliche visuellen Inhalte des Spiels sollen laut der internen Anweisung mithilfe von KI entstehen. Die Menschen? Die dürfen weiterhin Anweisungen geben, kontrollieren und korrigieren. Epic nennt das «KI-beschleunigte Entwicklung», bei der die eigenen Entwicklerinnen und Entwickler weiterhin die kreative Führung übernehmen.

Klingt beruhigend. Zumindest bis ich mich daran erinnere, dass Epic erst im März rund 1000 Mitarbeitende entlassen hat. Offiziell wegen rückläufiger «Fortnite»-Einnahmen, nicht wegen KI. Trotzdem drängt sich eine unbequeme Frage auf: Wie viel menschliche Arbeit wollen Unternehmen künftig noch bezahlen, wenn Maschinen einen Teil davon übernehmen können?

Ab wann ist KI «gut genu-uuuuug»

Wenn du mich fragst, stellen wir in der KI-Debatte häufig die falsche Frage. Kann künstliche Intelligenz einen besseren Film drehen als Christopher Nolan? Eine glaubwürdigere Figur spielen als Meryl Streep? Ein besseres Videospiel entwickeln als jene Menschen, die uns «The Witcher 3», «Baldur's Gate 3» oder «Red Dead Redemption 2» geschenkt haben? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich sogar niemals.

Aber was, wenn das überhaupt keine Rolle spielt?

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Quelle: Larian Studios

Unternehmen müssen nicht zwangsläufig das bestmögliche Produkt herstellen. Es reicht, wenn genügend Menschen das Ergebnis kaufen. Und wenn eine KI eines Tages achtzig Prozent der Qualität für zwanzig Prozent der Kosten liefert – rein hypothetisch –, dann möchte ich jene Geschäftsleitung sehen, die ihren Aktionärinnen und Aktionären erklärt, warum sie trotzdem das Fünffache ausgeben will.

Natürlich ist Qualität wichtig. Sie entscheidet über Begeisterung, Mundpropaganda und langfristigen Erfolg. Nur ist sie nicht der einzige Faktor in einer wirtschaftlichen Rechnung. Genau das macht mir Sorgen. Denn irgendwo zwischen «unbrauchbarem KI-Schrott» und «menschlichem Meisterwerk» liegt ein riesiger Bereich, der wirtschaftlich durchaus interessant sein könnte.

Er heisst: «gut genug».

Erst Unterstützung. Dann Ersatz

Ich bin kein grundsätzlicher Gegner künstlicher Intelligenz. Im Gegenteil. Erst letzte Woche haben wir in unserem Podcast darüber gesprochen, wie KI die Modding-Szene bereits verändert. Also jene Gemeinschaft von Fans, die bestehende Videospiele verändern, erweitern oder gleich komplett umbauen.

Und ja, darin stecken faszinierende Möglichkeiten. Wer eine grossartige Idee hat, aber nicht programmieren kann, bekommt plötzlich Zugang zu Werkzeugen, die vorher undenkbar waren. Kleine Entwicklerteams können grössere Projekte stemmen. Mühsame Fehlersuche lässt sich beschleunigen. Warum auch nicht?

Das Problem beginnt dort, wo aus einem Werkzeug ein Ersatz wird. Besonders für den Nachwuchs. Nehmen wir einen jungen Programmierer, der seinen ersten Job bei einem Spielestudio sucht. Früher begann seine Karriere vielleicht mit einfachen Aufgaben: Code überprüfen, Fehler beheben, Funktionen anpassen. Nicht gerade glamourös. Aber ein Einstieg, bei dem er von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen lernen, Fehler machen und an seinen Aufgaben wachsen konnte.

Wenn KI diese Aufgaben übernimmt, spart das Unternehmen zunächst Geld und Zeit. Wunderbar. Aber wer bildet dann die nächste Generation erfahrener Entwicklerinnen und Entwickler aus? Dieses Problem beschränkt sich nicht nur auf die Gaming-Branche. Auch Grafikerinnen, Synchronsprecher, Drehbuchautorinnen, Cutter und Spezialeffektkünstler sind davon betroffen.

«Übertreib’s nicht, Luca. Berufe verändern sich nun mal. Dafür entstehen neue Jobs, die andere Fähigkeiten verlangen», höre ich die Kritiker schon sagen. Mag sein. Aber wenn überall dort, wo Menschen ihr Handwerk irgendwann einmal von Grund auf lernen mussten, keine Menschen mehr eingestellt werden, frage ich mich, woher diese Fachkräfte kommen sollen.

Hollywood hat längst Blut geleckt

Auch in der Filmindustrie lässt sich diese Entwicklung bereits beobachten. Kürzlich sorgte der Thriller «Deadly Patient» mit einer derart miserablen deutschen KI-Synchronisation für so viel Spott, dass Amazon den Film wieder von Prime Video entfernte.

Amazon hat daraufhin allerdings keineswegs erklärt, künftig auf KI-Synchronisation zu verzichten. Das Unternehmen beanstandete bloss die KI-Qualität dieses einen Films. Nicht das Prinzip dahinter. Eine wichtige Unterscheidung, die in der allgemeinen Schadenfreude schnell unterging.

Wie weit Amazon dabei gehen will, zeigt auch der Fall Nicolas Cage. Laut «Variety» weigerte sich der Schauspieler, eine KI-Klausel für «Spider-Noir» zu unterschreiben. Pikant: Trotz hervorragender Kritiken und elf Emmy-Nominierungen setzte Amazon die Serie nach nur einer Staffel ab. Ob Cages Weigerung dabei eine Rolle spielte, ist unklar, aber wahrscheinlich. Er selbst glaubt jedenfalls nicht, nochmals mit Amazon zusammenzuarbeiten. Ein bemerkenswertes Signal an alle, die weniger Verhandlungsmacht besitzen als ein Hollywood-Star.

Gleichzeitig erhält die computergenerierte Schauspielerin Tilly Norwood ihre erste Hauptrolle. Ihre Schöpferin Eline van der Velden argumentiert unter anderem mit – wait for it – niedrigeren Produktionskosten. KI könne Studios helfen, aufwendige Filmsequenzen zu realisieren, für die sonst das Budget fehlen würde. Das kann tatsächlich eine Chance sein. Gerade für kleinere Produktionen, die sich grosse Ideen bisher schlicht nicht leisten konnten.

Aber machen wir uns nichts vor. Was ein kleines Studio dazu befähigt, endlich seinen Traumfilm zu drehen, kann ein grosses Unternehmen ebenso dazu nutzen, bestehende Arbeitsplätze einzusparen. Die Technologie unterscheidet nicht zwischen künstlerischem Ehrgeiz und wirtschaftlicher Gewinnoptimierung. Die Entscheidung treffen Menschen. Und deren Interessen sind nicht immer dieselben.

«Wer will diesen KI-Schrott überhaupt sehen?»

Das ist wahrscheinlich das Argument, das ich am häufigsten höre. Und ich verstehe es. Auch ich verdrehe regelmässig die Augen, wenn mir auf Social Media der nächste KI-generierte Filmtrailer, irgendein seelenloser Song oder ein halbfertiges Videospiel begegnet, dessen einzige Besonderheit darin besteht, dass jemand es mit einem Prompt erschaffen hat.

Nur: Wie lange bleibt das so? Ein KI-generierter Warcraft-Fanfilm sorgte erst kürzlich für Begeisterung – trotz sichtbarer Schwächen. Ist das bereits der Moment, in dem KI-Unterhaltung für viele «gut genug» ist?

Wir gehören zu einer Generation, die eine Welt ohne generative KI kennt. Wir sind mit Filmen aufgewachsen, hinter denen Schauspielerinnen, Regisseure und ganze Filmcrews standen. Wir haben Musik gehört, für die Menschen Instrumente gelernt, komponiert und jahrelang geübt haben. Wir wissen, wie viele Jahre knochenharter Arbeit in einem guten Videospiel stecken.

Das prägt unsere Erwartungen. Und unseren Widerstand. Aber was ist mit jener Generation, die gerade mit KI-generierten Videos, Stimmen und Spielen aufwächst? Die irgendwann vielleicht gar nicht mehr selbstverständlich davon ausgeht, dass hinter einem Song ein Sänger oder hinter einer Filmfigur eine Schauspielerin steht?

Das bedeutet nicht, dass diese Generation anspruchsloser wäre. Oder weniger kreativ. Vielleicht entwickelt sie sogar einen besonders ausgeprägten Sinn dafür, was gute Kunst ausmacht. Vielleicht wird menschlich geschaffene Unterhaltung eines Tages zum begehrten Qualitätsmerkmal. Ich würde es mir wünschen. Aber mich darauf verlassen? Darauf wetten, dass ausgerechnet unser heutiger Widerstand in zehn Jahren noch dieselbe Bedeutung hat? In zwanzig? Das erscheint mir reichlich optimistisch.

Genau darauf dürften Unternehmen längst spekulieren. Wenn ein Gigant wie Epic Games seinen offenbar entgeisterten Mitarbeitenden heute schon erklärt, dass sie künftig keinen Programmcode mehr von Hand schreiben sollen, ist das mehr als ein Experiment. Es könnte zum Vorbild für eine ganze Branche werden. Denn sollte sich herausstellen, dass sich mit KI schneller und günstiger produzieren lässt, werden andere Unternehmen kaum lange zuschauen. Warum auch? Was heute noch als radikaler Schritt gilt, könnte morgen bereits die neue Normalität sein.

Eine Normalität, in der das Ergebnis nicht grossartig sein muss. Nicht unvergesslich.

Aber eben: gut genug.

Titelbild: Shutterstock.com

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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