Kokain in Coca-Cola: Ein Blick in die Geschichte und eine Rechnung von heute

Kokain in Coca-Cola: Ein Blick in die Geschichte und eine Rechnung von heute

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 28.05.2020
Ja, da war Kokain im Coca-Cola. Nein, da ist keines mehr. Der Grund, warum du das nicht weisst, ist die Firmenpolitik der Coca-Cola Company. Ein Blick in die Geschichte zeigt einen Sturm aus Kultur, Rassismus, Religion, Drogen und Erfindergeist.

In Coca-Cola ist Kokain drin. Dieser Mythos hält sich schon seit Ewigkeiten in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer. Je nach Version des Mythos ist das Kokain noch immer enthalten, aber «Die» - mit grossem D, versteht sich – wollen nicht, dass du das weisst. Oder das Kokain war einst in der braunen Blubberbrühe und ist jetzt verschwunden. Sogar die Website Snopes, die nichts anderes macht, als Gerüchten nachzugehen und sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, gibt dem Gerücht um Koks im Cola ein deutliches «Jein».

Antworten aber hat Autor Mark Pendergrast. In seinem Buch «For God, Country & Coca-Cola: The Definitive History of the Great American Soft Drink and the Company That Makes It»liefert er den Beweis.

Ja, da war Kokain im Coca-Cola.

Nein, jetzt ist es nicht mehr da.

Wäre das Kokain immer noch da, dann wäre das Getränk um ein Vielfaches teurer als eine heute übliche Dosis Kokain.

Die wollen nicht, dass du das weisst

Der Grund, weshalb du nichts davon weisst oder weshalb mit dem Thema nicht offen umgegangen wird, liegt laut Pendergrast darin, dass «The Coca-Cola Company» ihre eigene Geschichte gerne etwas schönt. Drogen im Soft Drink sind unschön, weshalb die Company diesen Aspekt ihrer Geschichte gerne totschweigt.

Pendergrast aber hat laut eigenen Angaben das Originalrezept des Vorgängers des Coca-Cola in seinem Besitz. Denn die Drogengeschichte Coca-Colas ist tief in der Geschichte des Drinks verwurzelt und beginnt noch bevor die erste Soda Fountain in Atlanta ein Glas Cola ausgeschenkt hat.

Coca-Cola ist in den 1880er-Jahren entstanden. Eine Zeit, in der sich die Menschen stark für gesundheitsfördernde Getränke interessiert haben. Für jedes Wehwehchen hat ein findiger Geschäftsmann ein Tonikum auf den Markt gebracht. Kopfweh? Tonikum. Halsweh? Anderes Tonikum. Aids? Hat man damals noch nicht entdeckt, aber wenn, dann wäre da sicher ein Tonikum irgendeines Quacksalbers gewesen, das Heilung versprochen hätte.

John Stith Pemberton hat Coca-Cola als stimulierende Alternative zum kokainhaltigen Wein erfunden
John Stith Pemberton hat Coca-Cola als stimulierende Alternative zum kokainhaltigen Wein erfunden
Wikimedia Commons/Public Domain

Dazu war gerade die Temperance-Bewegung in aller Munde und fand unter Legislatoren breiten Zuspruch. Die Bewegung wollte den Alkohol als Ursprung aller Sünde verbieten. Im Jahre 1886 hat Atlanta den Alkohol entweder ganz verboten oder dessen Verkauf stark eingeschränkt. Da viele der Tonika auf Alkohol basierten, musste eine Lösung her. In diese Bresche sprang John Stith Pemberton, Chemiker und Morphiumsüchtiger.

Um dem zeitlichen Kontext der Erfindung Coca-Colas noch eine Dimension hinzuzufügen: Was wir heute als harte Drogen bezeichnen, Kokain unter anderem, war damals noch nicht verboten. Dieser Aspekt ist für die ganze Geschichte um das Kokain in Coca-Cola von enormer Wichtigkeit. Anno 1886 gab es allerlei Produkte, die offen mit ihrem Kokaingehalt geworben haben.

Eine Werbung aus dem Jahre 1885 wirbt offen mit Kokain für Kinder
Eine Werbung aus dem Jahre 1885 wirbt offen mit Kokain für Kinder
Wikimedia Commons/Public Domain

Pemberton hatte sich ein kleines Vermögen mit dem Gebräu und Verkauf eines Getränks namens «French Wine Coca» erwirtschaftet. Da das Getränk nebst dem Extrakt der Coca-Blätter auch Wein enthalten hat, musste er umsatteln. Er hat also den Wein ersetzt durch den Extrakt der Kola-Nuss und da Alliterationen gerade Mode waren, hat er sein neues Gebräu Coca-Cola getauft und sein Rezept für French Wine Coca angepasst. Das Coca-Cola war geboren. Mit Kokain drin. Die Frage, die sich stellt, ist aber nicht «War da Kokain drin?» sondern «Wieviel Kokain war im Coca-Cola?» und eventuell auch «Könnte ich davon high werden?»

Wie viel Kokain war denn nun in Coca-Cola?

Um die Menge Kokain in Coca-Cola wird seit jeher gestritten. Die verlässlichsten Zahlen stammen aus dem Rezept für French Wine Coca.

Im Rezept für French Wine Coca steht, dass zehn Pfund Cocablätter in drei Gallonen Wasser eingelegt werden sollen. Also 4.536 Kilogramm Blätter auf 11.356 Liter Wasser.

Im Konzentratrezept für Coca-Cola ist vermerkt, dass für 36 Gallonen Konzentrat 15 Quarts Coca-Extrakt verwendet werden soll. Umgerechnet in metrische Einheiten sind das 14.20 Liter Extrakt für 136.27 Liter Konzentrat. Wenn der Extrakt mit derselben Methode hergestellt wurde, wie der Extrakt in French Wine Coca, dann wären für diese Menge Konzentrat 12.5 Pfund Cocablätter notwendig, also 5.67 kg. Anno 1887, so schreibt Pendergrast und beruft sich auf einen Artikel aus der Feder von E. R. Squibb – Vorgänger des Pharma-Unternehmens Bristol-Myers Squibb – , habe ein Cocablatt zu 0.35 Prozent aus Kokain bestanden.

Das können wir ausrechnen. Auf 136.27 Liter Konzentrat also kommen 19.845 Gramm Kokain.

Ein Glas Coca-Cola, das du damals in den Soda Fountains kaufen konntest, hatte laut Rezept eine Flüssigunze Konzentrat. Das sind 29.57 Milliliter. Damit können wir ausrechnen, wie viel Kokain in einem Glas Coca-Cola nach Originalrezept war.

Pro Glas Coca-Cola hat ein Sodatrinker rund 4.3 Milligramm Kokain zu sich genommen. Das ist eine vergleichbar kleine Menge Kokain, aber wenn du Kokain mit Koffein kombinierst, dann wird die Wirkung des Kokains verstärkt.

Die Schwarzen sind Schuld

Als Pemberton den Cocablattextrakt in seine Coca-Cola eingeführt hat, hatte er keinen wirklich detaillierten Plan, wie er mit seinem Getränk zu Ruhm und Reichtum kommt. Dieser Plan kam nach dem Verkauf der Formel an einen Mann namens Asa Candler. Candler hat Coca-Cola zum globalen Phänomen gemacht, das wir heute kennen. Der tiefreligiöse und klein gewachsene Mann war ein knallharter Geschäftsmann mit einer Vision. Früh war ihm bewusst, dass Marketing eine entscheidende Rolle spielt. Das Cola-Logo war schon in den späten Jahren des 19. Jahrhunderts überall zu sehen.

Eine Soda Fountain in einem Drug Store der 1920er Jahre in Washington DC
Eine Soda Fountain in einem Drug Store der 1920er Jahre in Washington DC
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Candler aber hat einen entscheidenden Fehler gemacht. In seiner Strategie war klar, wie du als Kunde zu Coca-Cola kommst. Candlers Firma braut das Konzentrat in der Firma und schickt es in Fässern an Soda Fountains. Das waren Bars in Drogerien, an denen ein Barkeeper Getränke ausgeschenkt hat. Er hat aus Konzentraten – von Fruchtsäften bis hin zu Mischgetränken – und mit Kohlensäure versetztem Wasser sprudelnde Getränke gezaubert. Laut Pendergrast hatten die grössten dieser Soda Fountains bis zu 500 Konzentrate für Trinker bereit. Für Candler war klar: Coca-Cola ist ein Soda-Fountain-Getränk.

Am 21. Juli 1899 aber macht Candler einen Fehler. Er gibt Benjamin Franklin Thomas, Anwalt und Geschäftsmann, und Joseph Brown Whitehead, ebenfalls Anwalt, die Erlaubnis, Coca-Cola in Flaschen abzufüllen und diese zu verkaufen. Candlers Bedingung ist, dass sein Getränk nicht an Sprudel und Erfrischung verlieren darf. So wirklich glaubt Candler nicht an die Idee mit der Flasche. Der Vertrag ist extrem schlampig aufgesetzt, hat kein Enddatum und lässt Whitehead und Thomas viel Freiraum.

Coca-Cola wird allen zugänglich. Denn selbst wenn die Welt um 1900 in den USA kein Problem mit Kokain hatte, so hatte sie doch ein Problem mit Dunkelhäutigen. Diesen ist der Zugang zu Soda Fountains verwehrt, genau wie den Ärmeren und denen, die ausserhalb der grossen Städte wohnen.

Da finanziell gutgestellte Weisse in Städten historisch eine Minderheit sind, sind da auf einmal eine ganze Menge Menschen, die dank der Flaschenabfüllung neu Zugang zu Coca-Cola haben. Darunter eben auch Schwarze. Es dauert nicht lange, bis die Medien sensationalistische Geschichten über «Negro Coke Fiends» publizieren. Dieses Schreckgespenst des von Drogen verwirrten Schwarzen hat bis zum ersten Weltkrieg in den Medien der USA Platz.

Die New York Times hat im Jahre 1914 noch vom Schreckgespenst des wilden Schwarzen auf Kokain geschrieben
Die New York Times hat im Jahre 1914 noch vom Schreckgespenst des wilden Schwarzen auf Kokain geschrieben
timesmachine.nytimes.com
«Negro Cocaine «Fiends» Are a New Southern Menace: Murder and Insanity Increasing Among Lower Class Blacks Because The have Taken to «Sniffing» Since Deprived of Whisky by Prohibition.»
New York Times, 8. Februar 1914

Das Schreckgespenst könnte in Einzelfällen auf Wahrheit basiert haben. Viele Farmer haben den Schwarzen auf ihren Höfen Kokain statt Essen gekauft. Das war günstiger. In den Städten war Kokain günstiger als Alkohol. 50 Cent haben für eine Wochenration gelangt. Die Horden der wilden Schwarzen, high auf Kokain, die brave weisse Frauen angefallen und vergewaltigt haben, sind historisch nicht belegt. Auch die Coke Fiends, die ihre gutartigen weissen Chefs angegriffen haben nicht.

Doch die Welt war sich einig. Es waren nicht die weissen Farmer, die ihre Schwarzen mit Kokain gefüttert haben, die Schuld an den Einzelfällen waren. Es war Coca-Cola in Flaschen. Das damals rassistische Amerika war sich sicher: Es waren die Schwarzen. Ganz klar. Aber Coca-Cola in Flaschen war auch so Bitzli fest Schuld, selbst wenn ein Weisser Christ hinter dem Konzern steht.

Das Kokain muss weg

Reverend Lindsay ist anno 1898 von Oregon nach Atlanta gezogen und hat dort eine Baptistengemeinde übernommen. Ein wiederkehrendes Element seiner Predigten war Coca-Cola. «Coca-Cola besteht zu zwei Dritteln aus reinem Kokain», soll er vom Altar gewettert haben. Wenn eines seiner Schafe Coca-Cola trinke, dann führe das dazu, dass es bald schon «Morphium fresse».

Asa Candler und die noch junge «The Coca-Cola Company» – immer mit «The» und Bindestrich – stehen unter Druck, denn die feurigen Predigten des Reverends haben bei Abdruck für gute Verkaufszahlen bei Zeitungen gesorgt. Asa Candler, selbst tiefreligiös, war sich sicher, dass er der Menschheit nicht schade: «Ich würde nie vorschlagen, etwas zu verkaufen, oder beim Verkauf zu helfen, wenn ich wüsste, dass es jemandem Schaden zufügt».

Trotzdem: Auf den Strassen randalieren die wilden Schwarzen und die Religion hat sich gegen Candlers Lebenswerk gestellt. Der Rassismus wird in den USA salonfähig. Anno 1906 findet in Atlanta – der Heimatstadt Coca-Colas – ein rassistisch motivierter Aufstand statt. Es sind zwar nicht die Schwarzen, die randalieren, sondern die Weissen, die die Schwarzen angreifen, aber am Ende sind die Schwarzen Schuld. Und Kokain.

«Use of the drug among negroes is growing to an alarming extent. . . . It is stated that quite a number of the soft drinks dispensed at soda fountains contain cocaine, and that these drinks serve to unconsciously cultivate the habit.»
The Atlanta Constitution, 1901

Asa Candler muss sich vor dem Richter erklären.

«Da ist eine sehr kleine Menge Kokain in Coca-Cola», gibt er zu.

Er sieht sich 1901 überwältigender Last gegenüber. Ein Arzt aus Atlanta berichtet von einem Dreizehnjährigen, der zwischen 10 und 20 Gläser Coca-Cola pro Tag trinkt, aber seine Arbeit verloren hat und sich sein Getränk nicht mehr leisten konnte. Er sei «sehr nervös und in fast zusammengebrochenem Zustand» in der Praxis aufgetaucht. Der Bub habe gewusst, dass mit ihm etwas nicht stimme, da er sein Coca-Cola nicht hatte. Ein anderer Arzt berichtet von einem nervenschwachen Kollegen, der nach einem Glas Coca-Cola den Weg nach Hause nicht mehr finde.

Ist Coca-Cola doch nicht das perfekte Getränk, stimulierend und erfrischend?
Ist Coca-Cola doch nicht das perfekte Getränk, stimulierend und erfrischend?
Wikimedia Commons/Public Domain

Bei normaler Zubereitung hat der Bub 43 bis 86 Milligramm Kokain zu sich genommen. Aber in Atlanta halten sich nicht alle Soda-Fountain-Betreiber an die Richtlinien der The Coca-Cola Company. Sie benutzen Überlieferungen zufolge bis zu viermal so viel Konzentrat in einem Glas Coca-Cola. Das wären dann 172 bis 344 Milligramm Kokain am Tag.

Der Druck auf Candler und sein Getränk wird zu gross.Er entfernt Kokain grösstenteils aus der Formel. Ein kleiner Rest aber bleibt. Trotzdem, ein Pamphlet findet seinen Weg aus den Büros der «The Coca-Cola Company» auf dem gesagt wird, dass es «etwa 30 Gläser Coca-Cola» benötige um «eine normale Dosis der Droge» zu schaffen. Dieser Rechnung nach wäre eine normale Dosis etwa 129 Milligramm Kokain.

Ein Jahr später, 1902, steht Candler erneut vor Gericht. Wieder Kokain. Wieder Rassismus. Die Schwarzen saufen Coca-Cola nach wie vor aus der Flasche. Der sonst eloquente Candler selbst stolpert an dieser Verhandlung über seine eigenen Worte. Er soll hämmernde Kopfschmerzen haben. Candler, der selbst gerne Coca-Cola trinkt, ist wohl auf kaltem Entzug.

Im Jahre 1903 dann macht Candler Ernst. Die Schaefer Alkaloid Works in Maywood, New Jersey, sollen die Cocablätter vor der Verwendung in Coca-Cola «dekokainisieren». Heute ist aus den Schaefer Alkaloid Works die Stepan Company geworden. Das Unternehmen dekokainisiert sicher bis ins Jahr 1988 Cocablätter für «The Coca-Cola Company». Denn der Cocablattextrakt ist nach wie vor in Coca-Cola. Die Stepan Company ist der einzige Betrieb in den USA, der die Erlaubnis hat, Cocablätter zu importieren. Bis zu 100 Tonnen Blätter werden pro Jahr in Maywood für «The Coca-Cola Company» verarbeitet. Das extrahierte Kokain verkauft Stepan laut der New York Times an Mallinckrodt Pharmaceuticals. Mallinckrodt stellt daraus Cocaine Hydrochloride her, ein ärztlich verschriebenes Betäubungsmittel für Augen und Ohren.

Marketing ist besser als Geschichte

In der Folge der Dekokainisierung Coca-Colas sieht sich Candler einer neuen Herausforderung gegenüber. Wenn Kokain schlecht sein soll, dann hat er während Jahren etwas Schlechtes an Frauen und Kinder verkauft. Und, schlimmer noch, war er vielleicht Schuld an den wilden Schwarzen Mobs auf den Strassen? Den Vergewaltigungen der weissen Frauen? Den Prügeln, die feine weisse Geschäftsmänner von ihren Schwarzen kassiert haben?

Für ein Unternehmen wie die «The Coca-Cola Company» undenkbar. Denn laut der Company ist Coca-Cola ein nettes und gesundes Getränk. Ein Getränk für alle. Etwas, das der Menschheit gut tut. Dann war da noch die kleine Nebensache, dass dem Getränk nun eine stimulierende Schlüsselzutat fehlt.

Dazu ist das Risiko da, dass die Menschen des 19. Jahrhunderts gerne high waren. Kokain war nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern eigentlich ganz gern gesehen. Kokain, wie auch andere Drogen, haben damals Schmerzen gelindert und die Konsumenten haben sich gut gefühlt. John Stith Pemberton, Erfinder Coca-Colas, war nicht nur einer, der Kokain ganz gerne mochte, sondern auch eine Morphiumsucht entwickelte, nachdem ihm das Narkotikum als Schmerzmittel gegen eine Kriegswunde verschrieben wurde.

Asa Candler hat Coca-Cola zu dem Phänomen gemacht, das wir heute kennen
Asa Candler hat Coca-Cola zu dem Phänomen gemacht, das wir heute kennen
Wikimedia Commons/Public Domain

Asa Candler beschliesst, dass Coca-Cola nie Kokain enthalten hat. Entgegen aller Wahrheit.

Werbekampagnen werden lanciert. Die Hauptaussage: Coca-Cola ist gesund, war gesund, bleibt gesund. Asa Candler gibt in den folgenden Jahren unter Eid an, dass Coca-Cola nie Kokain enthalten hat. Vielleicht glaubt er es mittlerweile selbst, vermutet Pendergrast in seinem Buch.

Im Jahre 1902 verbietet der US-Bundesstaat Georgia den Verkauf von Kokain in jeder Form.

Kokain im Jahre 2020

Dein Coca-Cola hat kein Kokain mehr drin. Auf der Schweizer Website der «The Coca-Cola Company» kommt das Wort «Kokain» nicht vor. Zu Koffein äussert sich die Seite ausgiebig. Lediglich die Seite für die Golf-Staaten beantwortet die Frage nach dem Kokain mit «Nein».

Trotzdem: Kokain existiert nach wie vor. Wenn du willst, findest du eine Line Koks innerhalb von zehn Minuten an der Zürcher Langstrasse.

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Den Markt überwacht saferparty, eine Stelle der Stadt Zürich, die laut eigenen Angaben neutral über bewusstseinsverändernde Substanzen informiert. Zum Thema Kokain schreibt saferparty im Kokainreport zum ersten Quartal 2020:

«Der Konsum von Kokain birgt grundsätzlich das Risiko starker gesundheitsgefährdender Nebenwirkungen (Schlafstörungen, Gereiztheit, Aggressivität, Angst- und Wahnzustände, Depression etc.) sowie ein grosses Risiko einer psychischen Abhängigkeit!»
Saferparty, Kokainreport Q1 2020

Das vom Drogeninformationszentrum (DIZ) analysierte Kokain im ersten Quartal 2020 verfügt über einen durchschnittlichen Wirkstoffgehalt von 79.3 %. Dabei handelt es sich um Kokainhydrochlorid, einer Verbindung die beim Schnupfen eine Salzsäure freisetzt. Eine wirksame Dosis beziffert die Praxis Suchtmedizin mit 100 bis 200 mg.

Nach ursprünglichem Coca-Cola-Rezept, zubereitet so wie es von Asa Candler vorgesehen war, hätte ein Trinker eine heute normale Dosis Kokain mit dem Konsum von 24 bis 48 Gläsern Coca-Cola zu sich genommen. Bei vierfacher Dosierung wären das noch 6 bis 12 Gläser.

Kostenfrage: Kokain oder Coca-Cola?

Mit all diesen Daten können wir weiterrechnen. Wenn wir heute noch Coca-Cola nach Originalrezept hätten, also mit Kokain, dann müssten wir mindestens 24 Gläser Coca-Cola trinken um auf eine Dosis von 100 mg Kokain zu kommen. Oder 48, wenn wir die 200 mg wollen.

Historisch gesehen hat Coca-Cola einen der stabilsten Verkaufspreise eines Produkts. Zwischen 1886 und 1959 hat eine Flasche Coca-Cola 5¢, also $0.05 gekostet. Das macht für 100 mg Kokain $1.20. Für 200 mg $2.40. Das war damals. Wenn die Preise der Inflation angepasst werden, dann würde die kleine Portion Kokain $36.63 kosten. Die 200 mg kämen einen Kokaintrinker auf $73.25 zu stehen. Das wären 35.52 oder 71.04 Franken.

Das DIZ Zürich weiss, dass ein Gramm Kokain mit einem durchschnittlichen Wirkstoffgehalt von 79.3 % zwischen 80 und 100 Franken kostet. Das entspricht einem Kokaingehalt von 793 mg. Um auf die 100 mg zu kommen, müsstest du 10.09 CHF hinblättern. Oder 20.18 CHF für die 200 mg. Das Kokain wird in diesem Beispiel oral eingenommen. So, wie Coca-Cola getrunken wird.

Es ist also günstiger, Kokain zu trinken als Coca-Cola nach Originalrezept zu trinken.

Das war historisch auch schon so. Coca-Cola war immer teurer als Kokain. Pendergrast schreibt in seinem Buch, dass die Farmer, die den Schwarzen auf ihren Höfen Kokain anstelle echter Nahrung gekauft haben, eine «Wochenration für 50¢» erstanden haben. Das würde in Coca-Cola einer Menge von 43 mg Kokain pro Woche entsprechen, also nicht einmal einer oralen Dosis.

Wenn wir jetzt also einen Schuldigen suchen würden, warum wir von Coca-Cola nicht mehr high werden dürfen, dann sind das die weissen Farmer. Oder das Gesundheitsbewusstsein der Menschen des 20. Jahrhunderts.

Selbst wenn wir nach wie vor Coca-Cola nach Originalrezept trinken würden, wir müssten knapp 50 Gläser Cola für eine Dosis trinken. Das lohnt sich nicht.

So. Fertig. Cocablätter, die in Südamerika gekaut werden, haben übrigens wenig mit Kokain zu tun. Kokain wird aus einem Alkaloid in den Blättern gewonnen. Trotzdem ist der uralte Kulturbrauch des Cocablattkauens in vielen Südamerikanischen Ländern verboten.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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