Rüpel auf zwei Rädern?
Rüpel auf zwei Rädern?
MeinungSport

Rüpel auf zwei Rädern?

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 16.03.2021
Früher dachte ich, dass viele Velofahrer rücksichtslose Rüpel sind, die anscheinend jede Regel ignorieren. Seit ich selber mit dem Bike unterwegs bin, sehe ich die Dinge ein wenig differenzierter.

Frühjahr 2020: Tief in Gedanken versunken, jogge ich durch den Wald. Ich bin im Flow. Wie aus dem Nichts rauscht plötzlich ein Biker beinahe lautlos und haarscharf von hinten an mir vorbei. Im nächsten Moment ist er um die Kurve verschwunden. Ich bleibe erstarrt stehen. Das war knapp. Ein Schritt nach links und es hätte gekracht. Typisch Velofahrer, denke ich, als ich weiterrenne. Die sind irgendwie immer so rücksichtslos unterwegs.

Neue Perspektiven auf dem Gravelbike

Frühjahr 2021: Hochkonzentriert sitze ich auf dem Gravelbike, beide Hände an der Bremse. Einige Meter vor mir spielen mehrere Hunde miteinander und jagen sich kreuz und quer über den Weg. Die Frauchens und Herrchens sind währenddessen in Gespräche vertieft. Ich rolle im Schritttempo an ihnen vorbei. Einge Meter weiter befindet sich eine Gruppe rüstiger Rentner mit roten Socken auf Blueschtwanderung. Nachdem ich mich bemerkbar gemacht habe, lässt mich das Herrengrüppchen passieren. Ein Auto kommt mir auf dem Weg, auf dem Autofahren verboten ist, entgegen. Ich fahre rechts durch die Wiese, damit wir uns kreuzen können. Dann steht eine Kita-Gruppe mit mehreren Kinderwagen und den dazugehörigen Kindern über den Weg verteilt und bestaunt die Natur. Ich steige vom Rad und gehe die nächsten Meter zu Fuss.

Nun habe ich für einen Moment freie Fahrt. Kurz darauf rausche ich im Wald lautlos von hinten an einem Jogger vorbei. Er erschrickt wohl und ich spüre seinen stechenden Blick im Nacken. Sorry!, denke ich und fahre weiter. Auf dem Rückweg schiesst im Wohnquartier einer dieser Handwerker, die permanent unterwegs sind, von links aus der Seitenstrasse in seinem Renault Kangoo auf mich zu. Klar, der hat's wie immer eilig, hetzt zum nächsten Termin. Ich erschrecke nochmals kurz zu Tode. Gott sein Dank bin ich mit den Händen noch immer auf der Bremse. Dann bin ich zuhause. Erschöpft. Nicht bloss körperlich, wegen der paar Kilometer, sondern vor allem im Kopf.

Oh, du himmlische Shimano-Bremse, lass mich nicht im Stich!
Oh, du himmlische Shimano-Bremse, lass mich nicht im Stich!

Der Handwerker ist unter Zeitdruck. Verstehe ich. Als Hündeler willst du deinen vierbeinigen Liebling nicht alle Nase lang an die Leine nehmen müssen. Auch das verstehe ich nur zu gut. Bin selber einer. Hündeler. Beim Wandern mag ich meine Augen nicht permanent im 360 Grad-Modus die Gegend nach wildgewordenen Velofahrern abchecken lassen. Ist klar. Und beim Joggen den Kopf auf Durchzug stellen, war für mich immer eine der grossen Vorzüge des Laufens. Aber nur, wenn ich dabei nicht ständig Angst haben muss, über den Haufen gefahren zu werden.

Hündeler, Wanderer, Jogger – und neuerdings Velöler. Schon nach wenigen Kilometern wird mir klar: Nicht das Velo macht Menschen rücksichtslos. Es ist die Tatsache, dass auf engstem Raum unterschiedliche Bedürfnisse aufeinanderprallen. Solange Biker, Wanderinnen, Hündeler und Autofahrerinnen die gleichen Wege nutzen, ist das Chaos vorprogrammiert. Entflechten lautet das Zauberwort. Am Thunersee hat man dies beispielsweise erkannt und begonnen, Wanderer und Biker zu trennen.

*Bikepark Thunersee:** Vision im Berner Oberland
HintergrundSport

Bikepark Thunersee: Vision im Berner Oberland

In dicht besiedelten Gebieten wird es wohl noch einige Jahre dauern, bis ich meine Hände von der Bremse nehmen und sich der Jogger seinem Flow hingeben kann. Bis dahin ist gegenseitige Rücksichtnahme angesagt. Vielleicht bleibe ich das nächste Mal einfach stehen und schaue den Hunden ein paar Minuten beim Spielen zu. Oder frage die rüstigen Rentner in ihren roten Socken, wo's hin geht. Vielleicht finde ich aber auch Orte und Wege, die vom Dichtestress noch ein wenig verschont geblieben sind. Das wäre auch schön.

84 Personen gefällt dieser Artikel


Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren