
Kritik
Schöner gefährlicher fremder Planet: «Saros» im Test
von Simon Balissat

Anlässlich der Veröffentlichung von «Saros» blickt die Redaktion zurück auf Games, die uns in den Wahnsinn getrieben haben. Hier sind unsere schlimmsten und peinlichsten Ragequits.
Das Roguelite «Saros» ist eines der härtesten Spiele des Jahres. Gestrandet auf einem fremden Planeten voller mörderischer Aliens und Roboter ballerst du dich durch prozedural generierte Levels. Selbst kleinere Gegner können dir binnen Sekunden dein Leben kosten. Das brutale Bullet-Hell-Gameplay verlangt schnelle Reflexe und die vollständige Beherrschung der rasanten Schuss- und Dash-Mechaniken.
Die Grenze zwischen Frustration und Ekstase ist bei «Saros» sehr dünn. In einem Moment jubelst du, weil du einen schwierigen Boss gekillt hast. Und im nächsten möchtest du den Controller an die Wand schmeissen.
Ich habe in der Redaktion nachgefragt, welche Spiele abseits von «Saros» uns sonst noch in den Wahnsinn getrieben haben.
Der Vorgänger «Returnal» ist noch viel brutaler als «Saros». So brutal, dass ich mir geschworen habe, nie mehr ein Game des finnischen Studios Housemarque zu unterstützen – aus Trotz und zum Schutz meiner psychischen Gesundheit.
Spielerisch sind sich die beiden Roguelite-Titel ziemlich ähnlich – mit entscheidenden Unterschieden. Bei «Returnal» kann ich den besten Run meines Lebens haben und danach durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle binnen Sekunden sterben und alles verlieren. Ich kann mich noch gut an den einen Run erinnern, der mir mein Gamer-Herz herausgerissen und das Ragequit-Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Bei «Saros» hingegen mache ich auch bei einem schlechten Run Fortschritte. Und wenn ich sterbe, bin ich wütend auf mich selbst und nicht auf das Spiel. Ich bin froh, dass ich dem Titel trotz «Returnal»-Trauma eine Chance gegeben habe. Es scheint, als hätte das Studio die wutentbrannten Schreie ihrer Fans gehört und ein faireres Game mit geringerem Ragequit-Potenzial produziert. Oder vielleicht bin ich erwachsener geworden und habe meine Emotionen besser im Griff? (lol, nein)

Das Debüt von Studio Ember Lab ist ein fantastisches Action-Adventure, das ich jedem Fan von klassischen «Zelda»-Games ans Herz lege. Sofern du die Toleranz für einen der unfairsten Bastard-Bosse aller Zeiten hast.
Der «Corrupt Woodsmith» verlangt den Einsatz deines kompletten Movesets, ein Zen-gleiches Timing und deine ungebrochene Aufmerksamkeit für eine lächerlich lange Zeit. Und dies in einem Game, dessen Schwierigkeitsgrad sich sonst eher an gängigen Nintendo-Titeln orientiert. User @Ezekiel33Music beschreibt es perfekt in den Kommentaren eines Youtube-Walkthroughs: «Dieses Spiel bewegt sich zwischen einfacher als ‹Mario› und härter als ‹Dark Souls›».
Zu den Credits hat’s dann irgendwann doch gereicht. «Kena Bridge of Spirits» ist zu schön, für einen kompletten Ragequit.

Nichts macht mich wütender, als in Eins-zu-Eins-Duellen zu verlieren. Darum sollte ich eigentlich einen riesigen Bogen um Blizzards digitalen «Magic the Gathering»‑Ableger «Hearthstone» machen. Aber ich mag nun mal das Blizzard-Universum und ich liebe Kartenspiele. Am liebsten solche, in denen ich meine Decks nicht kompliziert zusammenstellen muss. Dafür ist «Battlegrounds» perfekt. Das ist eine Art Battle-Royale-Modus. Acht Personen duellieren sich nacheinander und am Ende gewinnt einer. Je mehr Runden ich überlebe, desto grösser wird das Frustpotenzial.
Einen Chat gibt es zum Glück nicht, lediglich Emotes. Wenn mir aber so ein kleiner Bastard kurz vor dem sicher geglaubten Sieg mit seinem Asi-Karten-Set, das er garantiert irgendeinem E-Sport-Pro abgeschaut hat, meine Lebenspunkte weghaut, gibt es kein Halten mehr. Spammt er dazu noch ein «Ooops», ist mein pressluftartiges Hämmern der «Alt+F4»-Kombi nur nicht zu hören, weil ich gleichzeitig das Haus zusammenschreie.

Zum Release des Battle-Simulators «Pokémon Champions» habe ich mir vorgenommen, eine Karriere als Pokémon-Trainer zu starten. Ich will der Allerbeste sein, wie keiner vor mir war. Die Realität: Ich habe keinen Schimmer, was ich da mache.
Seit «Pokémon Rot & Blau» habe ich die Rollenspielreihe ausschliesslich im Singleplayer gespielt. Die kompetitive Szene hat mich nie interessiert. Nicht zuletzt, weil die Einstiegshürde so gross war. Um ein konkurrenzfähiges Team zusammenzustellen, musste man wochenlang grinden. Mit «Pokémon Champions» wird alles einfacher – ich wähle mein Team, definiere Attacken, Attribute und Statistiken meiner Pokémon und los geht die Online-Schlacht.
Das Problem: Immer wenn ich das Gefühl habe, endlich ein durchdachtes Team-Konzept zu haben, ohrfeigt mich irgendein japanischer Spieler und spuckt mir virtuell ins Gesicht. Wie zum Teufel kann irgendein hässliches Teekannen-Pokémon eines meiner mächtigsten Viecher mit einem Schlag auslöschen? Wer bist du, dass du so stark bist, du kleine, grüne Kackkanne?
Home-Menü, Spiel schliessen, Switch ausschalten. Ihr könnt mich alle mal, ich spiele ab jetzt nur noch «Digimon».

Ein tolles RPG. Aber im letzten Dungeon des Spiels gibt es einen Zwischengegner, dessen «Fuck you!»-Attacke meine komplette Party in Sekunden dezimiert. Egal, wie überlevelt ich bin. Mit Glück, Heilitems und der Geduld eines Natur-Dok-Filmers habe ich ihn irgendwann plattgemacht.
Nur um dann festzustellen, dass er noch fünf weitere Male besiegt werden müsste. FÜNF MAL. Fuck that. Alle, die behaupten, dass sie dieses Game durchgespielt haben, lügen.

Ich sage es einmal, und ich sage es deutlich: «EA FC» ist kein Spiel. Es ist ein psychologisches Experiment an ahnungslosen Menschen, die bloss Fussball spielen wollen.
70 Minuten lang dominiere ich. Ich spiele den Gegner aus, schiesse ein, zwei Tore, kontrolliere jede Situation. Ich bin souverän. Ich bin unaufhaltbar. Ich bin der beste «EA FC»-Spieler der Welt. Und dann, exakt ab Minute 71, beschliesst das Spiel, dass das jetzt aber mal reicht mit dem Gewinnen.
Was folgt, ist kein Fussball mehr. Es ist Verrat. Meine Pässe werden zu Geschenken an den Gegner. Meine Verteidiger krabbeln los wie müde Schildkröten im Sandbad, während der gegnerische Stürmer abhebt wie Usain Bolt. Mein Torhüter – dieser faule, selbstgefällige, treulose Torhüter –, der die ganze Partie lang keinen einzigen Schweisstropfen vergossen hatte, bewundert gegnerische Schüsse wie ein Tourist den Eiffelturm. Er rührt sich nicht. Tor. Noch eins. Und dann noch eins. Irgendwann prallt der Ball vom Pfosten an den Rücken meines Torhüters und kullert ins Netz, um mich noch mehr zu demütigen.
Ich schreie. Nicht ein bisschen. Ich schreie so ausdauernd und laut, als würde ich dafür bezahlt. Meine Katzen fliehen unters Sofa, in die hintersten Winkel der Wohnung, irgendwohin, wo ich sie nie mehr finden werde. Ich denke Dinge, für die ich mich später schämen werde, und versuche dabei, den Controller in zwei Teile zu brechen. Beinahe gelingt’s mir. Seitdem ist er etwas wackelig.
Heute spiele ich kein EA FC mehr. «It’s a peaceful life», höre ich mich sagen. Meine Katzen kommen wieder aus ihrer Deckung. Alles ist gut.

Ich fühle mit dir, Luca. Auch ich war ein Opfer dieses diabolischen Experiments. Ich war regelrecht süchtig danach. Den Höhepunkt meiner Abhängigkeit habe ich 2014 mit «FIFA 15» erreicht. Ich fühlte mich wie in einer toxischen Beziehung. Jeden Abend flüsterte mir «FIFA» ins Ohr: «Komm schon, nur eine Runde. Nimm den Controller in die Hand und spiel mit mir.» Und jeden Abend bin ich dem verführerischen Ruf gefolgt, obwohl ich wusste, dass ich damit nicht glücklich werde.
Was mich besonders genervt hat, sind die ganzen Assis, die ich online getroffen habe. Vor allem die, die nach einem Tor einen beschissenen Scheiss-Jubel starten, den ich nicht skippen kann. Wenn Messi seinen Arsch über den Rasen schleift wie ein Hund mit Würmern, bringt mich das zur Weissglut.
Immer wieder habe ich das Game deinstalliert, während es noch lief. Als Rache. Nimm das, «FIFA 15»! Ich habe dich während eines Online-Matches getötet. Wer ist jetzt der Loser? (immer noch ich)
Am nächsten Abend bin ich wie ein Junkie zurückgekrochen und habe das Game wieder installiert. Meinen absoluten Tiefpunkt habe ich erreicht, als ich einen Gegner per Privatnachricht nach abgebrochenem Match aufs Übelste beleidigt habe. Ich weiss nicht mehr, was ich geschrieben habe, aber es war so etwas wie «Fuck you, you fucking Fuck!» Das hat mich fast mein Playstation-Konto gekostet.
Heute bin ich, wie Luca auch, frei von der Last. Ich bin ein besserer Mensch ohne «FIFA».
«Super Mario Land» auf dem Gameboy, wahrscheinlich war ich zehn Jahre alt. Bei einem Freund haben wir abwechselnd gezockt. In der Osterinsel-Welt bin ich saudumm in den Abgrund gesprungen. Das hat gereicht, um mich in diesem zarten Alter zu brechen.
Ich habe den Gameboy aufs Bett geknallt (wenigstens nicht auf den Boden), bin rausgestürmt und in den Socken (der Boden war vom Regen nass) die 100 Meter nach Hause gerannt. Die Schuhe musste ich dann später peinlich berührt abholen gehen.

Diesen Klassiker habe ich damals auf der Xbox gespielt, wo allein die Ladezeiten Grund genug für einen Ragequit gewesen wären. Auslöser für meinen Wutanfall war allerdings ein unscheinbares Tier (und vielleicht ein bisschen meine eigene Ungeschicktheit).
Nachdem ich in mühsamer Kleinarbeit einen Charakter erschaffen hatte, der nicht kreuzhässlich war – was etwa drei Stunden dauerte – kam ich in Morrowind an, fiel ins Wasser und wurde umgehend von einem Fisch getötet.
Nicht von einem Monster. Nicht von einem mächtigen menschlichen Gegner. Sondern von einem fucking Fisch. Natürlich habe ich nicht gespeichert. Anschliessend hatte ich absolut keinen Bedarf, das braunste Spiel aller Zeiten je wieder zu spielen.

Wurdest du in «Mario Kart» schon mal kurz vor dem Ziel von einem blauen Panzer getroffen? «Mario Strikers Charged Football» ist ein Game voller solcher Rage-Momente. Es ist das unfairste Spiel auf diesem Planeten, «FIFA» ist nichts dagegen.
Das Spielprinzip ist schnell erklärt – ich spiele mit Mario-Charakteren Fussball. Weil es ein Mario-Spiel ist, gibt es allerlei Items und Spezial-Schüsse, die für Chaos sorgen. Alles schön und gut, aber: Das Balancing und die KI in diesem Spiel sind völlig inkonsistent. Was zählt, ist Glück, nicht Skill. Die NPCs verhalten sich, als hätten sie Cheats aktiviert.
Mario bekommt die besten Items, grätscht mich immer um und erzielt nervige Tore mit Mega-Schüssen. Meine Hände zittern vor Wut, wenn ich daran zurückdenke. Nach einem besonders frustrierenden Gegentor habe ich sogar in meinen Wii-Controller gebissen. Ja, gebissen. So richtig fest, bis es geknarzt hat. Die Spuren davon sehe ich heute noch.

Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.
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