Sommerferien
Wie lange sollte die Schule zu sein?

Nach dem Gefühl der Kinder sind Schulwochen zäh wie Kaugummi und zu selten Ferien. Aus meiner Sicht vergeht die Zeit dazwischen rasend schnell. Ich finde die Verteilung ideal – auch wenn die Ferienwelt nicht fair ist.
Das F-Wort fällt zuverlässig am Sonntagabend: «Ferienende!» Fünfmal im Jahr wird geseufzt und sich beklagt, dass ab morgen wieder Schule angesagt ist. Egal ob Frühling, Sommer oder Herbst – aus Sicht meiner Kinder, die in ihrem Alltag gut klarkommen, sobald sie darin angekommen sind, dürfte es immer mehr sein: «Noch eine Woche Ferien könnte ich gut gebrauchen!» Das höre ich oft und denke: «Hey, ihr hattet gerade zwei Wochen frei!»
Natürlich verstehe ich den Wunsch und kenne das wenig begeisternde Gefühl, die auf dem Schreibtisch verschollenen Schulsachen für den Montag danach zusammenzusuchen. Trotzdem gebe ich den Motivator, der über den Wert des Alltags referiert, ohne den die Freizeit ihrer Freiheit beraubt wäre. Es bliebe Zeit. Ohne Anfang, ohne Ende. Auch schön – sie fühlt sich nur irgendwann nicht mehr so frei an. Sondern beliebig.
Die gefühlte Wahrheit der Kinder ist, dass andere Länder, allen voran die überall anzutreffenden Niederländer, deutlich mehr Ferien haben. Meine Philosophie-Anfälle trösten ebenso wenig, wie die Drohkulisse des Erwachsenenlebens wirkt, die ich gerne an den Horizont male: «Fünf Wochen Sommerferien sind dir zu wenig? Ich habe fünf Wochen im Jahr!» Mehr Augenrollen ernte ich nur, wenn ich mit «früher hatten wir noch …» anfange und dann irgendwas von Samstagsunterricht erzähle. Schon klar, alter Mann. An ihren Überzeugungen ändert das nichts:
Was ist da dran? Wie fair ist die Ferienwelt? Wer profitiert von längeren Auszeiten – und wer leidet vielleicht darunter? Bevor ich ins Ausland schaue, fange ich bei uns an.
Es lernt sich leichter, wenn man das Licht am Ende des Tunnels sieht. Deshalb finde ich die Ferien bei uns in Zürich (und in weiten Teilen der Deutschschweiz) perfekt verteilt: eine lange, aber nicht übertrieben lange Sommerpause von fünf Wochen, dazu regelmässig zwei Wochen im Herbst, Winter und Frühling – nie müssen die Kinder länger als zwei Monate die Zähne zusammenbeissen. Nie sind sie zu lange raus, um danach gar nicht mehr in die Gänge zu kommen. So lässt es sich nicht nur lernen, sondern gut leben.
In Grossbritannien wird schon lange ein ähnliches Modell diskutiert: Weg mit der sechsten Sommerferienwoche, her mit mehr Herbstferien. Das erleichtert nach Meinung der Befürworterinnen die Betreuung im Sommer, lindert den Stress im Herbst und überlässt Kinder aus schwierigen Verhältnissen nicht so lange sich selbst.
Die Argumente kann ich nachvollziehen. Es ist gut so, wie es bei uns ist. Ich darf den Kindern nur nicht unter die Nase reiben, dass die Ferienverteilung hierzulande ungleich ist: Zehn Wochen Sommerferien wie im Tessin würden sie nur zu gerne nehmen. Der Süden hängt im kantonalen Vergleich der Sommerferien alle ab.
Auch wenn das Tessin den langen Sommer mit kürzeren Pausen in den kühleren Jahreszeiten ausgleicht – übers Jahr gesehen genehmigt man den Schülerinnen und Schülern dort ungefähr zwei Wochen mehr freie Zeit als in vielen Deutschschweizer Kantonen. Auch die Romandie streckt den Sommer nach französischem Vorbild etwas und in Basel schlägt die Nähe zu Deutschland durch: Hier wie dort gibt’s im Sommer sechs Wochen am Stück.
Welches Modell anstrengender, welches klüger, welches besser ist? Schwer zu sagen, es hängt von den Rahmenbedingungen ab. Die einen argumentieren mit dem «Summer Learning Loss», wonach die Mathe-, Lese- und Rechtschreibfähigkeiten bei zu langen Lernpausen messbar abnehmen. Demnach sind die ersten vier Wochen noch uneingeschränkt positiv, bevor die ersten Lernfortschritte nach und nach verblassen.
Die anderen gewichten die psychische Entlastung, die neuen Eindrücke und Freiräume höher, die (vor allem) privilegierte Kinder im Sommer geniessen, deren Eltern kein Betreuungsproblem, sondern finanzielle Möglichkeiten haben: Ferienlager, Reisen, Kurse und Co. sind nicht mit Langeweile, Nichtstun und Hirn abschalten zu vergleichen. In den Ferien geht die soziale Schere noch weiter auseinander. Am Ende zählt, was dabei rauskommt: Das Tessin kann entspannt darauf verweisen, trotz längerer Ferien im kantonalen Vergleich bei den schulischen Kompetenzen nicht abzufallen.
Wie lange sollte die Schule zu sein?
Auch wenn die Forschung einem Modell mit gut übers Jahr verteilten Blöcken Lernvorteile bescheinigt – ein Stück weit ist die Ferienlänge Tradition. Sie ist der Hitze oder historischen Gründen geschuldet und schwer zu reformieren, weil sie der Sonnenseite des Lebens Struktur gibt. Eines lässt sich nicht ändern: Besonders streng ist es immer dann, wenn man selbst in die Schule muss, während Verwandte und Bekannte gerade frei haben.
Dass andere Länder, vor allem die Niederländer, ständig Ferien haben müssen, leiten meine Kinder aus eigenem Erleben ab. Manche Nationen sind überproportional vertreten, wann immer sie frei haben. Sportferien im Berner Oberland: Halb Holland ist schon da. Frühlingsferien im Süden: Raad eens wie er in de meerderheid is in het hotel? Sommerferien in der niederländischen Provinz Gelderland: Hier dominieren Deutsche aus dem Ruhrgebiet. Die Niederländer: immer weg!
Dabei haben sie aufs Jahr gesehen ungefähr eine Woche weniger frei. Da das Land nach Regionen unterteilt gestaffelt urlaubt, täuscht der Eindruck. Bei der Urlaubslänge führen in Europa südliche Länder wie Griechenland, Italien, Frankreich oder Spanien, die in den heissen Monaten aus guten Gründen aussetzen. Als mitteleuropäisches Schulkind schielt man manchmal neidisch auf die ausgedehnten Sommerpausen am Meer. Dabei sollte der Blick nach Skandinavien und ins Baltikum gehen.
Dass weniger Unterricht nicht gleichbedeutend mit schlechteren Leistungen ist, zeigt sich am deutlichsten in Estland. Dort sind schon die Sommerferien ungefähr zweieinhalb Monate lang und die Ergebnisse der Pisa-Studie exzellent. Das Modell funktioniert, weil hohe Chancengerechtigkeit herrscht: Der soziale Status der Eltern beeinflusst den Schulerfolg weit weniger als anderswo. Bis zur neunten Klasse werden alle gemeinsam unterrichtet, statt die Kinder schon früh auf unterschiedliche Schulen zu schicken. Auch das kann helfen, Stress zu reduzieren – die Kinder dürfen sich ohne Selektionsdruck entwickeln.
Selbst wenn ich noch in den «Genuss» von Samstagsunterricht gekommen bin: Ich gebe den Kindern recht, härter war der Alltag früher nicht. Ein Kinderleben ist heute vollgepackter mit Terminen und deutlich strukturierter als damals. Das hat Folgen. Nach einer Studie von Pro Juventute steht ein Drittel der Kinder und Jugendlichen unter hohem Stress. Die Zumutungen der Online- und der echten Welt drängen sich mit Macht ins Leben und konfrontieren Kinder schon in jungen Jahren mit so vielen Themen, dass Abschalten immer schwieriger wird.
Runterfahren – rein körperlich oder nach Italien – und die Welt ausblenden, war früher einfacher. Kontakt mit den Freunden zuhause gab es höchstens über eine Ansichtskarte. Weg zu sein, hiess in eine andere Welt einzutauchen. Ich bin dankbar dafür, zu den paar Generationen gehören zu dürfen, die diese Erfahrung gemacht haben. Dass Schulferien mit Freizeit und Freiheit, mit Aufbruch und Abenteuer verbunden waren. Neues sehen, nach Hause kommen und am Ende der Ferien davon erzählen, statt ständig in Kontakt zu stehen – das hatte was.
Bevor der Tourismus erfunden wurde, sah die Welt schliesslich so aus: Blieb die Schule zu, wurden die Kinder als Helferinnen und Helfer in der Landwirtschaft gebraucht. Ich könnte ja mal vorschlagen, nächsten Herbst zwei Wochen Kartoffeln zu ernten. Mal schauen, ob die Kinder dann gerne noch eine dritte Woche dranhängen würden.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen