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Hintergrund

Süsse Sucht, eine Stadt trinkt Coca-Cola statt Wasser

«Süsse Sucht» führt in einen Ort, an dem das Selbstverständliche fehlt: verlässliches Trinkwasser. Was bleibt, sind Flaschen süssen Gifts aus dem Kühlschrank. Eine klare, unaufgeregte Erzählung über Abhängigkeit, Verantwortung – und die Frage, wem das Geschäft mit dem Durst nützt.

Der folgende Beitrag der Autoren Andrew Müller und Christoph Dorner stammt aus dem Magazin «Reportagen». Wir können dir den Text dank einer Partnerschaft hier zugänglich machen. Gefällt dir diese Art Journalismus kannst du das «Reportagen»-Team mit einem Abo unterstützen.

Die halbe Familie von Cecilia Acero ist an Diabetes gestorben. Es traf ihren Grossvater Mario väterlicherseits, ihre Grossmutter Toñita mütterlicherseits, zuletzt 2022 ihren Vater Raúl, mit 68 nach sechs qualvollen Jahren Dialyse. Während Acero davon erzählt, stockt ihre Stimme. Tränen steigen ihr in die Augen, die umrahmt sind von einer grossen Brille mit dicken schwarzen Rändern. Die 40-jährige Anthropologin hat dunkle Locken und ein freundliches Gesicht. Wir treffen sie im Büro ihres Forschungsinstituts im Nordwesten der Kolonialstadt San Cristóbal, draussen vor dem Fenster entfaltet sich das Bergland von Chiapas, das von immergrünen Kieferkronen überzogen ist.

«Man sagt hier, dass Coca-Cola gut für dich ist», sagt Acero. «Sie erfrischt, macht dich wach und hilft gegen Kopfschmerzen. Mein Vater hat Cola fast als eine Medizin angesehen.» An Wochenenden spielte er Keyboard in einer Band, während der Musikpausen trank er Coca-Cola, jeden Abend um die acht Gläser, schätzt Acero. Ein 250-Milliliter-Glas enthält 27 Gramm Zucker, das entspricht fast neun Stück Würfelzucker. Die Tagesdosis soll laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen oder der Deutschen Adipositas-Gesellschaft 50 Gramm nicht überschreiten, sonst drohen langfristig Diabetes und schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Morgens war Raúl müde und trank seine erste Coke, um für seine Arbeit in der Verwaltung einer Schule in Schwung zu kommen. Zum Mittagessen brachte er oft eine 2-Liter-Flasche mit, die sich die Familie teilen sollte. Viel davon aber trank er selbst. Spätestens mit den Schwellungen an Gesicht, Bauch, Händen und Füssen liessen sich die Symptome nicht mehr leugnen. In dieser Zeit begann Acero ihre Forschungen zu Diabetes. Sie wollte verstehen, warum sich die Leidensgeschichte ihrer Grosseltern bei ihrem Vater wiederholte, warum Menschen mit Diabetes Typ 2 sich in Chiapas wenig um ihre Gesundheit kümmerten. Acero redete auf ihren Vater ein, er solle seine Ernährung umstellen: «Du wirst sonst Stück für Stück sterben, und wir müssen dich pflegen.» Die Sucht nach der schwarzen, süssen Brause war am Ende stärker.

«Irgendeinen Grund für meinen Tod muss es ja geben», sagte der Vater oft. Ein mexikanisches Sprichwort.

Für Cecilia Acero war das schwer zu ertragen. Erst als seine Nieren versagten, begann er, seine Trinkgewohnheiten zu ändern. Oft hatte er schlechte Laune deswegen. Als Freunde zu Besuch kamen, sagten sie: «Gebt ihm doch ein bisschen Cola.» Sein Zustand wurde immer schlechter, bis er sich im Dezember 2021 kaum noch bewegen konnte. Der Familie war klar, dass es sein letztes Weihnachten werden würde. An Heiligabend gaben sie ihm ein letztes Glas mit Coca-Cola – nun war es auch egal.

Als ihr Vater beerdigt war, dachte Cecilia Acero daran, ihre Forschungen aufzugeben. Wenn sie schon daran scheiterte, ein Familienmitglied zu retten, wozu dann das alles? Sie sagte einige Interviews ab, die sie für eine Studie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Diabeteserkrankte führte. Dann erinnerten sie Kollegen daran, dass sie ihre Forschung auch begonnen hatte, um gesellschaftlich etwas zu bewirken. Also machte sie weiter. Auf Aceros Laptop klebt ein Aufkleber mit der Aufschrift: ¡Fuera Coca-Cola! – Coca-Cola, raus!

Diese Geschichte handelt von einer Region im Süden Mexikos, in der mehr Coca-Cola getrunken wird als überall sonst auf der Welt. In der eine Flasche des zucker- und koffeinhaltigen Getränks im Alltag leichter zu bekommen ist als ein Schluck Trinkwasser. In der Coca-Cola durch aggressives Marketing so omnipräsent geworden ist, dass das Getränk sogar Bestandteil religiöser Rituale geworden ist.

Um die 160 Liter Softdrinks trinkt jeder Mexikaner im Schnitt pro Jahr. Das ist Welt­rekord und übertrifft den Konsum in den USA um rund 40 %.

Während der Markt für Softdrinks in westlichen Industrienationen schrumpft (USA, Schweiz) oder stagniert (Deutschland), tranken die Mexikaner Jahr für Jahr mehr davon. Knapp zwei Drittel des Pro-Kopf-Konsums gehen dabei auf das Konto der Coca-Cola Original mit der roten Banderole. Im Bundesstaat Chiapas, dessen Berglandschaften in der Grenzregion zu Guatemala in dichten Tropenwald übergehen, trinken die Menschen noch einmal deutlich mehr Softdrinks. Laut einer vielzitierten Studie sollen es im Hochland täglich 2,25 Liter pro Kopf sein. Wie kann das sein? Und welche Folgen hat das?

San Cristóbal ist beliebt bei Besuchern aus aller Welt. Die Stadt mit ihren rund 220 000 Einwohnern ruht in einem Tal auf gut 2100 Metern Höhe und ist von Hügeln umgeben, die man in der Dämmerung kaum von den Wolken unterscheiden kann, die sie umschweben. Im Zentrum reihen sich Steinhäuser im spanischen Kolonialstil aneinander, die Balkone zieren kunstvoll gearbeitete schmiedeeiserne Geländer und Blumen. Fast alles hier ist bunt, die Fassaden der Kirchen, die Gewänder der Indigenen, die Bohnen, die auf Märkten verkauft werden. Die unheimliche Herrschaft von Coca-Cola dürfte den meisten der beinahe hunderttausend Touristen, die San Cristóbal 2024 besucht haben, nicht aufgefallen sein. Zu tief hat sich das Corporate Design einer der bekanntesten Marken der Welt ins kollektive Unterbewusstsein eingegraben.

Läuft man vom Zentrum in Richtung Stadtrand und achtet bewusst darauf, sieht man es an jeder Ecke. Bullige rote Trucks stehen am Strassenrand, um palettenweise Cola-Cola, aber auch Säfte, Wasser und eine Milch-Marke von Coca-Cola Femsa, dem grössten Getränkehersteller Mexikos, an die 19 konzerneigenen Oxxo-Supermärkte im Stadtgebiet, Restaurants und kleine Lebensmittelläden auszuliefern. An den familiengeführten Geschäften prangen Werbetafeln von Coca-Cola, manche der Fassaden sind rot und weiss gestrichen und mit dem geschwungenen Schriftzug bemalt, den der Buchhalter und erste Werber von Coca-Cola, Frank Mason Robinson, im Jahr 1886 in Atlanta gestaltet hat. In den Läden stehen rote, gebrandete Getränkekühlschränke, in denen Limonaden den meisten Raum einnehmen, allen voran Coca-Cola, das in Dosen und Flaschen mit einem Fassungsvermögen von bis zu drei Litern erhältlich ist.

Die Ladeninhaber bekommen die Kühlschränke unter der Bedingung umsonst, dass sie ausschliesslich für den Verkauf von Coca-Cola-Produkten genutzt werden. Sie haben einen Sender, damit sie sich lokalisieren lassen, falls sie für den Privatgebrauch genutzt werden. Das dürfte eine Verlockung sein in Chiapas, wo das monatliche Einkommen mit rund 5300 Pesos (rund 238 Euro) etwa ein Drittel unter dem landesweiten Durchschnitt liegt. Über 75 Prozent der Bewohner von San Cristóbal leben unter der nationalen Armutsgrenze, in vielen Dörfern im Hochland sind es annähernd 100 Prozent. Die Wirtschaft der Region ist kleinteilig und informell, sie basiert vor allem auf dem Anbau und Handel von Mais, Bohnen und Kaffee.

Um davon zu erzählen, wie Coca-Cola in dieser ruralen Umgebung einschlug, fängt man vielleicht an einer gut zwei Meter hohen Betonwand im Süden der Stadt an. Auf sie wurden zwei vom Regen mittlerweile etwas ausgewaschene Bilder gemalt. Wie zwei Seiten in einem Buch zeigen sie, dass es in dieser Geschichte ein Davor und ein Danach gibt, vielleicht auch eine Utopie und eine Dystopie. Auf das eine Wandbild wurde in hellen, freundlichen Farben ein Hügel gemalt, aus dem Quellwasser sprudelt, das in einen Fluss mündet. Zu sehen sind ein Kolibri, ein Schmetterling und Menschen im Einklang mit der Natur. Auf dem anderen Bild direkt daneben fällt als Erstes die ikonische Coca-Cola-Glasflasche auf, in deren Innerem eine rote Fabrik zu sehen ist. Sie steht in einer ausgedörrten, in dunklen Farben gemalten Landschaft. Ein Mann mit Zylinder sitzt auf einer Abfüllanlage und zählt Geld, während ein ausgezehrter Bettler zwischen einem Grabstein, Müll und Düngersäcken nach etwas Essbarem sucht.

Müsste man einen Moment bestimmen, in dem sich das Blatt in dieser Geschichte wendete, wäre es wohl der Jahreswechsel 1993 / 1994. In den frühen Morgenstunden des 1. Januar kamen ein paar Tausend Guerilleros aus den Bergen, um San Cristóbal und fünf weitere Städte in Chiapas zu besetzen. Es waren Maya-Gruppen, unter ihnen viele Frauen und Jugendliche, die mit Sturmgewehren, alten Karabinern und Spielzeugbüchsen bewaffnet waren. Ihre Gesichter verbargen sie mit schwarzen Skimasken. Sie besetzten das Rathaus, randalierten in Verwaltungsgebäuden, attackierten eine Militärbasis bei San Cristóbal und kündigten an, bis in die Hauptstadt durchmarschieren zu wollen, um die Regierung zu stürzen.

Die Zapatistische Befreiungsarmee EZLN war 1983 von einer kleinen Gruppe Marxisten und Indigenen im Tropenwald von Chiapas gegründet worden. In der Tradition lateinamerikanischer Guerillagruppen wendeten sie sich gegen koloniale Ausbeutung und ein neoliberales Wirtschaftsmodell, ihr Ziel war eine Gesellschaft, in der es Zugänge zu Bildung, Gesundheit und Arbeit für alle gibt und die Rechte indigener Völker geachtet werden. An jenem ersten Tag des Jahres 1994 trat das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) zwischen den USA, Kanada und Mexiko in Kraft, es war der Anlass für den Aufstand der Zapatistas. Sie befürchteten, dass es die indigenen Kleinbauern weiter in die Armut treiben würde.

Einer ihrer Anführer, Subcomandante Marcos, der sich gerne zu Pferd und mit Pfeife zeigte, der Che Guevara und Foucault verehrte und mit seinen kämpferischen wie mit literarischen Anspielungen und ironiegespickten Communiqués an die Weltöffentlichkeit zu einer Ikone der globalisierungskritischen Linken werden sollte, sagte damals zu den ausländischen Reportern: «Das Freihandelsabkommen ist der Totenschein für die indigene Bevölkerung Mexikos.» Der damalige Staatspräsident Carlos Salinas hingegen war sich sicher: Das Abkommen werde das Land von der Dritten Welt in die Erste bringen.

Drei Jahrzehnte später kann man sagen, dass sich dieses politische Versprechen für die Menschen in Chiapas zunächst nur bedingt eingelöst hat: Zwar steigerte Nafta das Handelsvolumen Mexikos deutlich. Im Norden entstanden Industriearbeitsplätze, doch zugleich gingen im Süden deutlich mehr Jobs in der Landwirtschaft verloren, die innerhalb der Freihandelszone nicht konkurrenzfähig war. Das Lohnniveau blieb niedrig. Dafür wurde der Konsummarkt mit hochverarbeiteten Lebensmitteln aus den USA geflutet. Und das hatte Folgen: Waren 1992 laut WHO knapp 16 Prozent der Bevölkerung fettleibig, stieg der Wert bis 2022 auf 36 Prozent. Die Mexikaner hatten auf Wohlstand gehofft und bekamen eine Adipositas-Epidemie.

Weil die Regierung im Januar 1994 umgehend Tausende Soldaten nach Chiapas schickte und die Luftwaffe indigene Dörfer bombardierte, zogen sich die Zapatistas nach zwölf Tagen unter einigen Verlusten wieder in die Berge zurück. Zwei Jahre später vereinbarten sie mit der Regierung ein Gesetz, in dem ein Recht auf indigene Autonomie festgeschrieben war. Es wurde jedoch auch deshalb nie verabschiedet, weil es erschwert hätte, auf indigenem Gebiet Konzessionen zur Förderung von Rohstoffen zu vergeben.

Die Zapatistas haben dennoch bis heute in rund tausend Dörfern basisdemokratische Strukturen der Selbstverwaltung aufgebaut, bei denen der mexikanische Staat ihnen nicht reinredet. Ihr Verhältnis zu Coca-Cola aber blieb über all die Jahre ambivalent. Gemäss Berichten durften die roten Lkw während des Aufstands als einzige die Gefechtslinien passieren. Bei ihren Vernetzungstreffen wurde der Inbegriff des amerikanischen Kulturimperialismus ausgeschenkt, worüber aus dem Ausland angereiste Linksrevolutionäre den Kopf schüttelten.

«Wir wissen, wie wir Coca-Cola loswerden», soll Subcomandante Marcos einmal gesagt haben. «Wir werden sie bis auf die letzte Flasche austrinken.»

Ebenfalls 1994 nahm an den westlichen Ausläufern von San Cristóbal eine Abfüllanlage für Coca-Cola ihren Betrieb auf. Sie war ein wichtiger Bestandteil der Expansion des US-Konzerns nach Mexiko. Bereits im Jahr zuvor hatte er für 195 Millionen Dollar 30 Prozent der Softdrink-Sparte des mexikanischen Getränkeherstellers Femsa gekauft und Anteile der Tochtergesellschaft an die Börse gebracht. Es war nur der Auftakt für milliardenschwere Investitionen in Werbung, Vertrieb und Firmenzukäufe, mit denen man Lateinamerika erobern wollte. Der ockerfarbene Industriekomplex, hinter dem der erloschene und von grüner Fauna überwachsene Huitepec-Vulkan in den Himmel von Chiapas ragt, ist mit einem wuchtigen Stahlzaun gesichert. In einer Pressemitteilung aus dem Jahr 2023 bezeichnete Coca-Cola Femsa die Abfüllanlage als die effizienteste weltweit. Wurden lange über zwei Liter Wasser gebraucht, um einen Liter Coca-Cola herzustellen, sollen in San Cristóbal für den gleichen Prozess nur 1,17 Liter benötigt werden. Diese Zahlen, die vom Unternehmen selbst stammen, lassen jedoch ausser acht, dass Erfrischungsgetränke nicht unter Laborbedingungen produziert werden.

Betrachtet man den Wasserfussabdruck, also den Verbrauch und die Verschmutzung von Süsswasser entlang der gesamten Lieferkette, fliessen nach Berechnungen der Wissenschafts-NGO Water Foot Network 170 bis 310 Liter in die Produktion von 0,5 Liter Coca-Cola. Während sich der Konzern dafür rühmt, in San Cristóbal zuletzt nur 82 Prozent der Wasserressourcen zu verbrauchen, die er aus dem Boden pumpen darf, kommt in den Haushalten der Stadt die meiste Zeit des Tages kein Wasser aus den Leitungen. Und wenn es dann doch läuft, sollte man es besser nicht trinken. Es ist der wohl grösste Widerspruch in dieser Geschichte. Wer der Werksleitung dazu jedoch Fragen stellen will, wird am Eingangstor von einer Mitarbeiterin in einer rosa Sicherheitsweste freundlich abgewiesen. Hier geht es für uns nicht weiter.

Das Coca-Cola-Imperium fusst auf dem Franchise-Prinzip: Abfüller kaufen Lizenzen, produzieren die Getränke nach den Vorgaben aus den USA und vertreiben sie auf regional eingegrenzten Märkten. Coca-Cola ist seit 1896 in Mexiko erhältlich, die erste Abfüllanlage wurde 1926 in der Hafenstadt Tampico eröffnet. Als die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt stattfanden, mit Coca-Cola als Hauptsponsor, war das lateinamerikanische Land nach den USA und Deutschland bereits zum drittwichtigsten Markt geworden. Zwei Jahre später drohte der gerade gewählte Präsident Luis Echeverría von der sozialistischen Einheitspartei PRI dem US-Konzern mit einem Geschäftsverbot, sollte er sein Geheimrezept, das heute in einem Tresor im World of Coca-Cola Museum in Atlanta liegt, nicht für die Abfüller im Land offenlegen. Einer Delegation von Coca-Cola gelang es, Echeverría von seinem Vorhaben abzubringen.

Dafür verantwortlich war allen voran Vicente Fox, der 1964 als Vertriebsmann bei Coca-Cola angefangen hatte. Das Getränk, das er anfangs auch selbst auslieferte, war für ihn ein Aufputschmittel im Kampf gegen den damals noch mächtigeren Rivalen Pepsi.

Zum Frühstück trank Fox seine erste von bis zu zwölf Flaschen Cola am Tag, mit einem rohen Ei darin.

Innerhalb von neun Jahren stieg er zum Vorstandsvorsitzenden von Coca-Cola Mexiko auf und etablierte die aggressiven Vertriebsmethoden, mit denen man bald an Pepsi vorbeiziehen sollte. Als er seinen Posten 1979 aufgab und auf die Rinderfarm seiner Familie zurückkehrte, hatte er den Absatz um fast 50 Prozent gesteigert. Zwei Jahrzehnte später sollte Fox auf die grosse Bühne zurückkehren – erneut zum Wohl des Getränkekonzerns. Im Jahr 2000 trat er für die konservative PAN-Partei bei den Präsidentschaftswahlen an und profitierte dabei nicht nur davon, dass die Mexikaner die 71 Jahre währende, autoritäre Alleinherrschaft der PRI und die ökonomische Auszehrung des Landes satthatten, sondern auch von einer Wahlkampfspende von: Coca-Cola.

In seiner sechsjährigen Amtszeit – eine Wiederwahl verbietet die Verfassung – installierte Fox eine gut geschmierte Drehtür zwischen seiner Regierung, der Ministerialbürokratie und seinem früheren Arbeitgeber, durch die über ein Dutzend Personen geschleust wurden, um über Jahre politische Entscheidungen im Sinne von Coca-Cola zu beeinflussen. Zum Direktor der Nationalen Wasserkommission Conagua wurde Cristóbal Jaime Jáquez ernannt, der unter Fox als Generaldirektor von Coca-Cola Mexiko gearbeitet hatte. Er verdreifachte die Zahl der Wasserkonzessionen für Tochtergesellschaften von Coca-Cola. Die Abfüllanlage in San Cristóbal bekam die Erlaubnis ausgestellt, täglich 1,3 Millionen Liter Wasser zu fördern – ohne dass nennenswerte Abgaben oder Steuern an die Stadt oder den Bundesstaat zurückfliessen.

Wasser ist ein heikles Thema in Mexiko. Zwar waren in der Verfassung von 1917 alle natürlichen Ressourcen als Eigentum der Nation deklariert worden. Das Recht auf Zugang zu Wasser in ausreichender, sauberer und leicht zugänglicher Form wurde 2012 ergänzt. Was jedoch bis heute fehlt, sind konkrete Bestimmungen, wie es in der Realität umgesetzt wird. Der in den Regierungszeiten der PRI notorisch an der Zahlungsunfähigkeit entlangschrammende und durch Korruption gelähmte Staat hatte es in grossen Teilen des Landes nicht geschafft, eine verlässliche Wasserversorgung aufzubauen. In der Phase der wirtschaftlichen Öffnung Mexikos scheiterten auch öffentlich-private Partnerschaften an dem Vorhaben.

In die Bresche sprangen multinationale Konzerne, die Konzessionen erwarben, Wasser aus dem Boden pumpten und in Flaschen abfüllten. Nach einer schweren Choleraepidemie 1991 mit 12 000 Toten in ganz Süd- und Mittelamerika profitierten sie dabei auch von der Angst der Mexikaner um ihre Gesundheit. So entstand im Zeitraum von wenigen Jahren der weltgrösste Markt für Flaschenwasser. 262 Liter abgefülltes Wasser wurden 2024 in Mexiko pro Kopf verbraucht, in der Schweiz und Deutschland sind es nicht einmal halb so viel. Einer Schätzung gemäss kontrollieren Coca-Cola, Pepsi und Danone mit ihren Mineralwasser-Marken zusammen um die 80 Prozent des Marktes.

Im Bundesstaat Chiapas gibt es eigentlich genug natürlich vorkommendes Wasser. Anders als in weiten Teilen des Landes, wo derzeit wegen El Niño zum zweiten Mal in 15 Jahren eine extreme Dürreperiode herrscht, hat es in dem südlichsten Bundesstaat Mexikos während der Regenzeit konstant viel geregnet. Das Hochland von Chiapas hat eines der weltgrössten Grundwasservorkommen. Doch davon hat die Bevölkerung nichts. Denn die für sie verfügbaren Quellen stammen nur aus Oberflächenwasser – und das ist verschmutzt. San Cristóbal ist von Gräben durchzogen, die voll mit grünen Algen, fauligem Schlamm und Plastikmüll sind. Sie sorgen dafür, dass Haushaltsabwasser ungeklärt in den Flüssen Amarillo und Fogótico landet, die eine wichtige Wasserquelle der Stadt sind. Dort wurden wiederholt Koli- und Fäkalbakterien von menschlichen und tierischen Ausscheidungen nachgewiesen, dazu Schwermetalle aus dem Sickerwasser einer nahen Deponie.

Pläne zum Bau von Kläranlagen im Stadtgebiet gibt es seit Jahren. Sie scheiterten auch am Widerstand der Bevölkerung, die nichts für die Abwasserentsorgung bezahlt und sich vor zusätzlichen Lebenshaltungskosten fürchtet. San Cristóbal ist in den vergangenen 50 Jahren extrem gewachsen. Weil dabei auch die Feuchtgebiete am Rand der Stadt Stück für Stück verschwanden, die Wasser speichern und filtern, ist die Versorgung gekippt. Trinkt man das Leitungswasser oder nutzt es zum Kochen, kann es Durchfallerkrankungen, Darmentzündungen oder Nierenversagen verursachen, was auch Touristen leidvoll erfahren müssen. Bei einer Haushaltsbefragung aus dem Jahr 2023 waren nur sieben Prozent der Bevölkerung von Chiapas der Meinung, dass ihr Wasser trinkbar ist.

Im Alltag müssen die Menschen täglich eine Frage beantworten: Kaufen sie sich für 16–19 Pesos eine Literflasche Mineralwasser, um ihren Durst zu stillen? Oder zum gleichen Preis eine etwas kleinere Coke?

Noch einmal anders ist es in der Trockenzeit, in der tagsüber wegen veralteter und leckender Rohrleitungen kein Tropfen aus den Hähnen kommt. Anwohner erzählen, dass sie nachts aufstehen, wenn doch ein bis zwei Stunden lang Wasser aus den Leitungen fliesst, um es in Eimern zu sammeln und wenigstens zum Waschen, Putzen und für die Körperpflege nutzen zu können. Die meisten Haushalte sind deshalb gezwungen, kilometerweite Wege zu unbelasteten Quellen zurückzulegen oder von ihren kleinen Einkommen Wasser zu kaufen, das von Tankwagen ausgeliefert wird.

Coca-Cola Femsa bezahlt dagegen fast nichts für das Wasser, das es aus dem Boden pumpt und mit oder ohne Zusatz von Zuckersirup in Flaschen füllt. Die zwei Konzessionen, die für die Abfüllablage genehmigt wurden, kosten den Konzern jeweils lächerliche 2600 Pesos im Jahr, umgerechnet 117 Euro. Für das Wasser selbst soll er 10 Cent pro tausend Liter zahlen. Nicht, dass es gegen dieses unfaire System keine Proteste gegeben hätte: Im Jahr 2017 demonstrierten 1500 Menschen vor der Abfüllanlage, drei Jahre später verlangte der Bürgermeister von San Cristóbal, Coca-Cola Femsa die Wasserkonzession zu entziehen. Doch Conagua lehnte ab: Die Tiefwasserbrunnen hätten keine Auswirkung auf die Wasserversorgung der Bevölkerung mit Oberflächenwasser.

Valentina ist noch immer empört, wenn sie an die Begründung der Bundesbehörde denkt. Selbst wenn das Grundwasser aktuell nicht genutzt werde, sei es wichtig als Plan B, wenn die Klimakrise Chiapas treffen werde. «Die Leute, die diese Entscheidungen treffen, sind dann tot. Aber junge Menschen wie wir und künftige Generationen werden darunter leiden», sagt die junge Frau, die lange braune Haare und ein kleines Tattoo auf dem Unterarm hat. Tatsächlich werden für die Region bis 2050 aufgrund des Klimawandels mehr Extremwettereignisse erwartet. Der Regen hat sich schon verändert, er kommt plötzlich und ist intensiver geworden, so dass es öfter zu Überschwemmungen kommt. Valentina kennt die Folgen, sie hat an einer Uno-Weltbiodiversitätskonferenz teilgenommen. Ihren richtigen Namen will sie aus Angst vor Repressalien nicht in diesem Text lesen. An einem Vormittag sitzt sie im Hinterzimmer eines Cafés in San Cristóbal und diskutiert mit einer kleinen Gruppe von Aktivistinnen, wie sich die Macht von Coca-Cola Femsa brechen liesse.

Sie sind sich einig, dass der Stadtrat richtig gehandelt hat, als er das Angebot des Konzerns zum Bau einer Wasseraufbereitungsanlage zweimal ablehnte, auch weil ungeklärt blieb, wer für den Betrieb und die Instandhaltung verantwortlich wäre. «Mit der Annahme eines solchen Geschenks hätten wir die unfairen Spielregeln akzeptiert», sagt Valentina. «Es hätte dann so gewirkt, als wäre unser Protest unverschämt.» Sie kennen die PR-Aktionen von Coca-Cola Femsa. Sie zahlen hier für eine Gemeindezisterne, dort für ein Auffangsystem für Regenwasser, um sich gegen Kritik zu immunisieren. Für Valentina ist aber vor allem eine Geschichte symptomatisch: Vor ein paar Jahren liess Coca-Cola Femsa Tausende Bäume öffentlichkeitswirksam pflanzen, die dann nicht gegossen wurden und eingingen. Die Aktivistinnen protestieren mittlerweile nicht mehr nur gegen die Kommerzialisierung des Grundwassers. Sie versuchen, den Leuten auch vorzurechnen, welche Folgekosten ihre Coca-Cola-Sucht langfristig hat.

Schon während der Präsidentschaft von Vicente Fox mehrten sich die Anzeichen, dass mit der Gesundheit der Mexikaner etwas nicht stimmte. Denn nicht nur der Anteil der adipösen Menschen stieg an, auch die Zahl der Diabetiker und deren Mortalitätsrate machte einen Satz nach oben. Wissenschaftler fanden heraus, dass die Maya-Bevölkerung eine erhöhte genetische Veranlagung für Typ-2-Diabetes hat. In Chiapas kam eine besonders ungünstige Kombination aus Armut, Unterernährung und Fettleibigkeit hinzu. Sie sorgte in Verbindung mit der mangelhaften medizinischen Versorgung – 30 bis 40 Prozent der Diabetiker wissen nichts von ihrer Krankheit, bei zwei Dritteln ist der Blutzucker nicht richtig eingestellt – für «die perfekte Bombe», wie es der mexikanische Verbraucherschützer Alejandro Calvillo einmal ausdrückte. Innerhalb von zwei Jahrzehnten stieg die Diabetes-Sterblichkeit in Chiapas um 219 Prozent.

Die Anthropologin Cecilia Acero interessierte, weshalb es so wenigen Betroffenen gelingt, die Ernährung umzustellen – ihren Vater eingeschlossen. «Vor allem bei Älteren sind Diäten sehr negativ besetzt», sagt sie. «Sie wollen nicht als krank und genussfeindlich gelten.» Insbesondere Männern falle es schwer, sich auf Hilfe einzulassen. Wie gefährlich die Zuckerkrankheit sein kann, zeigte sich im ersten Corona-Jahr, als die offizielle Zahl der Diabetestoten in dem Bundesstaat im Vergleich zum Vorjahr deutlich anstieg. Denn Diabetiker waren wegen ihres geschwächten Immunsystems nicht nur anfälliger für eine Coronavirus-Infektion, sondern auch durch negative Emotionen belastet. «Die Leute hatten Angst, konnten nicht zum Arzt gehen und sassen einsam zu Hause. Dadurch ging bei vielen der Blutzucker hoch», sagt Acero. Tatsächlich können Stress und Ängste den Verlauf der Krankheit beeinflussen, sie sogar mit auslösen. Dagegen hält sich bei vielen Mexikanern der Irrglaube, dass der Lebensstil keinen Einfluss auf die Krankheit habe.

Das dachte zunächst auch Amelia García, bevor sie Mitglied im Club de Diabéticos wurde, der sich im Hof des städtischen Gesundheitszentrums von San Cristóbal trifft. Die 70-jährige Frau trägt elegante schwarze Kleidung und goldene Ohrringe, ihre Nägel sind blau lackiert. Mit gut 20 anderen Seniorinnen macht García Kniebeugen, Hüftdrehungen, dann tanzen sie zu Y.M.C.A. Als die Frauen einander Beifall klatschen, lacht sie ein raues, herzliches Lachen. Bei ihr hatte der sonderbare Durst begonnen, nachdem ihre Schwester an einem Hirntumor gestorben war. Ein Arzt mass ihren Blutzucker: 360 Milligramm pro Deziliter, normal sind 100. García dachte, ihre Trauer hätte den Diabetes ausgelöst. Also änderte sie nichts an ihrer Ernährung. Sie war es gewohnt, viel Fleisch zu essen und jeden Tag mindestens eine Flasche Coca-Cola zu trinken. «Das Perfide war, dass Wasser meinen Durst nicht stillen konnte», sagt sie, «Softdrinks aber schon.»

Gut möglich, dass García zu diesem Zeitpunkt schon länger Diabetes hatte. Meist fängt es harmlos an, mit Müdigkeit oder kleineren Infekten. Das Hauptsymptom – die Überzuckerung des Blutes, verursacht durch einen Mangel des Hormons Insulin – bleibt oft unerkannt. Kommen starker Durst und häufiger Harndrang hinzu, ist die Krankheit bereits fortgeschritten. Zunehmend werden Organe angegriffen, die Augen, das Nervensystem oder das Gewebe der Füsse. Man kann blind werden, ein Bein amputiert bekommen oder wie Aceros Vater seine Nierenfunktion einbüssen. Hoher Blutzucker führt ausserdem zu Ablagerungen in den Blutgefässen und kann einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.

Als Amelia García klarwurde, dass sie auf fettiges Essen und Cola verzichten sollte, musste sie weinen. Dann nahm sie ihr Schicksal in die Hand und wurde Teil der Diabetiker-Gruppe, ein Vierteljahrhundert ist das mittlerweile her. Der erste Teil eines solchen Treffens besteht aus Vorträgen.

Der Arzt José Maria Gómez malt Körperzellen auf eine ­Tafel,um den Stoffwechsel zu erklären, und fragt die Gruppe: «Womit sind die Zellen untereinander verbunden?», «Kaugummi», sagt eine Frau und lacht. «Falsch», sagt der Arzt: «Silikon natürlich» – alle lachen. Dann fragt er: «Welche Lebensmittel sind mit Blick auf Diabetes schlecht für uns?» Die Frauen antworten fast im Chor: «La Coca.»

Garcías Blutzuckerwert liegt inzwischen stabil bei 100. Sie isst viel Gemüse, wenig Fleisch und trinkt nur noch ungesüsste Getränke. Auch ihren sieben Kindern hat sie die Wichtigkeit gesunder Ernährung beigebracht – keines ist bisher an Diabetes erkrankt. Selbst ihr Mann, der früher jeden Tag acht bis zehn Flaschen Coca-Cola trank, hat damit aufgehört. Dennoch verkaufen sie das Getränk weiterhin in dem Laden, den sie in ihrem Heimatort Cruztón betreiben, der etwas ausserhalb von San Cristóbal liegt. Ein schlechtes Gewissen hat García deswegen nicht, jeder Mensch müsse selbst entscheiden, was er zu sich nehme. Manchmal werden sie um die Hundert Flaschen auf einmal los, wenn der Dorfchef eine Versammlung einberuft. Und es kommt vor, dass Coca-Cola Femsa kostenlose Getränke verteilen lässt: als Entschädigung, dass jeden Morgen ab drei Uhr Trucks durch das Dorf tosen, um Cola in die Bergdörfer zu liefern. «Die Indigenen trinken nämlich noch mehr davon», sagt García.

Bei einer Fahrt in die Berge nördlich von San Cristóbal durchfahren wir Nebelwälder, passieren Grasland, Maisfelder und indigene Frauen am Wegesrand, die am Kopf befestigte Kanister zurück in ihre Dörfer schleppen, in denen es keine Wasserleitungen gibt, dafür aber Läden mit Kühlschränken voll mit Coca-Cola. Auf Werbeschildern heisst es in der Sprache der Indigenen: Trink dein Coca-Cola-Wasser. Und: Bring die leere Flasche zurück. Auch Kleinkinder sieht man hier schon an Flaschen nuckeln.

Marcos Arana beobachtet das schon lange mit Sorge. Der Arzt und Direktor eines Ausbildungszentrums, das die Gesundheitserziehung der indigenen Kleinbauern zu verbessern versucht, hatte bei der Jahreshauptversammlung der Muttergesellschaft von Coca-Cola im April 2023 von einer kritischen Aktionärsvereinigung das Rederecht übertragen bekommen. In seinem Statement wünschte er dem derzeitigen CEO der Coca-Cola Company, der Amerikaner James Quincey, einen guten Morgen, dann sprach er eine Studie zum Stillverhalten an, nach der ein Drittel der indigenen Kinder bereits Coca-Cola zu trinken bekommen, bevor sie das erste Lebensjahr vollendet haben. Im Hochland von Chiapas, wo in vielen Dörfern über 40 Prozent der Erwachsenen weder lesen noch schreiben können, reicht das aggressive Marketing des Konzerns bis in die Privatsphäre der Menschen hinein. Sie können Kleinkredite oder Provisionen bekommen, wenn sie Coca-Cola in ihren Familiennetzwerken verkaufen. Es sei eine Strategie, die den Praktiken des organisierten Drogenhandels ähnelt, betont Arana.

Coca-Colas Eroberung der Bergdörfer begann 1962, als ein indigener Gemeindevorsteher namens Salvador López Tuxum die erste Lizenz zum Verkauf des Getränks für den Ort San Juan Chamula erwarb. Er kam mit dem Pferd nach San Cristóbal geritten, um die Flaschen abzuholen. Im gleichen Jahrzehnt tauchten die ersten Werbetafeln auf, auf denen Indigene in traditionellen Gewändern abgebildet waren, die Coca-Cola tranken. Zwei aus dem Hochland stammende Ärzte erzählen uns, dass sie sich an Zeiten erinnern, in denen das Getränk kostenlos in den Orten verteilt worden sei. Bis vor etwa zehn Jahren war eine Flasche davon in den Dorfläden billiger als eine Flasche abgefülltes Wasser.

In der Hochlandgemeinde Chamula, in der wir in diesen Tagen unterwegs sind, gelang Coca-Cola – ob gewollt oder nicht – ein Marketingcoup. Dort wurde das Getränk zu einem Bestandteil der religiösen Rituale der lokalen Bevölkerung, die sich als Chamulas bezeichnet und zur Maya-Gemeinschaft der Tzotzil gezählt wird. Die Gegend war im 16. Jahrhundert von den Spaniern erobert und mit Gewalt christianisiert worden. In San Juan Chamula bauten die Konquistadoren eine Kirche und machten Johannes den Täufer zu ihrem Schutzpatron. Er wird auf Ikonen oft mit einem Lamm dargestellt, um seine Rolle als Vorläufer Jesu Christi zu betonen. In der Kleinstadt laufen Schafe frei herum und werden weder gemolken noch geschlachtet, weil sie als heilige Tiere angesehen werden. Allein ihre Wolle wird zum Weben von Kleidung verwendet, ihr Dung für den Anbau von Mais und Gemüse. Stirbt ein Schaf, wird es begraben.

Auch sonst ist das autonom verwaltete San Juan Chamula ein spezieller Ort. Während sich viele indigene Gemeinden im Bundesstaat Chiapas so gut es geht dem Einfluss der organisierten Kriminalität widersetzen, ist hier in den letzten Jahren das erste indigene Kartell Mexikos entstanden. Die Motonetos kontrollieren den Handel mit Menschen, Waffen, Drogen und Pornografie in der Region. USB-Sticks mit den Filmen, für die auch minderjährige indigene Frauen sexuell missbraucht werden, sind auf den Strassen San Cristóbals für umgerechnet 6 Euro erhältlich. Gleichzeitig wehrt man sich nach Kräften gegen Einflüsse von aussen. Viele Chamulas weigern sich, Krankenhäuser aufzusuchen. Babys werden oft nach altem Maya-Wissen bei Hausgeburten auf die Welt gebracht. Bei Krankheiten bauen Indigene auf Heilkräutermedizin – oder die Wirkung von Ritualen.

Die Iglesia de San Juan Bautista wirkt von aussen wie eine von unzähligen katholischen Kirchen in Mexiko. Im Inneren ist Fotografieren untersagt, so mancher Tourist hat deshalb schon einen Tag in der Zelle verbracht. Die Mayas sollen glauben, dass Kameras die Macht haben, ihre Seelen zu rauben. Mittlerweile wirkt das Verbot wie ein Teil des Tourismuskonzepts, zugleich soll es einen durchaus intimen Raum schützen. Drinnen erleuchtet ein Meer aus gut und gerne zehntausend Kerzen das Kirchenschiff. Sie stehen vor Heiligenfiguren auf Tischen an den Seitenwänden und auf dem Boden, der mit Kiefernzweigen ausgelegt ist. Ihr Geruch vermengt sich mit süss duftenden Rauchschwaden von brennendem Räucherharz. Die Kerzen fressen unentwegt den Sauerstoff aus der warmen, schweren Luft. Von der Decke hängen Stoffbahnen, Kronleuchter und Blumengebinde. An der Stirnwand des Altarraums steht eine Figur Johannesʼ des Täufers.

Überall am Boden sitzen Gruppen Indigener mit Schamanen beisammen, die auf Tzotzil Beschwörungsformeln murmeln. Aus mitgebrachten Taschen ragen die Köpfe von Hühnern, die wie hypnotisiert von den Kerzen, Dämpfen und Gebeten wirken. Dann greift einer der Heiler nach einem Huhn, führt es in kreisenden Bewegungen über die brennenden Kerzen und streift es über die Person, die von einer spirituellen Krankheit geheilt oder deren Seele von Dämonen befreit werden soll. Danach senkt er das Huhn zu Boden, setzt an seinem Hals an und bricht ihn. Das Tier wird festgehalten, bis es zu zucken aufhört. Dieser Akt der Opfergabe wird mit solch erhabener Klarheit ausgeführt, dass er beinahe etwas Friedliches hat.

Innerhalb dieser schwer zu fassenden Liturgieder Rituale entdecken wir Coca-Cola-Flaschen. Das Getränk wird auf dem Boden um die brennenden Kerzen herum ausgeschüttet,aber auch in Bechern an alle Teilnehmer eines Rituals ausgeschenkt. Was hat es hier zu suchen?

Der Kirchenaufseher Agustín de la Cruz versucht es uns zu erklären. Er trägt einen Poncho aus Schafsfell und hat schlechte Zähne, wie viele Leute in Chamula. De la Cruz liebt Coca-Cola, früher trank er zehn Flaschen am Tag. Dann bekam er Magenschmerzen, musste sich oft übergeben. Im Gegensatz zu seiner Frau hat er aber nie unter Diabetes-Symptomen gelitten.

«Coca-Cola ist für uns nicht heilig», sagt er. «Auch die Geschichte mit dem Rülpsen ist Quatsch.»

Über die Kirche gibt es unzählige Berichte im Netz. Reisejournalisten und Blogger schrieben wiederholt, dass die Indigenen Cola trinken würden, um über Rülpser böse Geister aus dem Körper zu vertreiben. «Manchmal erzählen das die auswärtigen Touristenführer, um ihre Geschichten interessanter zu machen. Und die Touristen glauben alles», sagt de la Cruz.

Jahrhundertelang hatte es in Chiapas Spannungen zwischen den katholischen Eroberern und den Indigenen gegeben, deren religiöse Praktiken auf spirituellen Glaubensvorstellungen und Magie basieren. Immer wieder mussten Kompromisse ausgehandelt werden, die zu dem einzigartigen Synkretismus führten. Während der Rituale wurde früher ein Schnaps aus Zuckerrohr, Weizen und Mais namens Pox getrunken. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen evangelikale Gruppen aus den USA und England ins Hochland, um die Maya-Gemeinschaften zu missionieren und soziale Dienste aufzubauen. Sie gaben den Indigenen zu verstehen, dass Alkohol ungesund sei, satanisch und Trunkenheit in Kirchen unangemessen. Also fand mit dem Segen der Schamanen zunächst regionale Limonade Eingang in die Rituale. Entscheidend sei nicht die Kohlensäure, sondern der süssliche Geruch des Getränks. Er diene als Nahrung für die Götter, sagt de la Cruz. Und so bereitete die Intervention von ein paar Missionaren den Weg für Coca-Cola in die indigene Glaubenspraxis.

In den 1970er Jahren brachen in den Gemeinden Konflikte zwischen den religiösen Gruppen auf, und Tausende protestantische Indigene wurden auch deshalb gewaltsam aus Orten wie San Juan Chamula vertrieben, weil die katholischen Anführer nicht auf ihre Einnahmen aus dem Verkauf von Alkohol und Coca-Cola verzichten wollten. Und so ist in den Supermärkten von Chamula heute eine Art zweiter Synkretismus zu bestaunen. Die Farben und das Logo haben die Geschäfte dreist von den Oxxo-Filialen des Coca-Cola-Abfüllers Femsa kopiert, ihr Name: Osso. Drinnen gibt es Coca-Cola. Und selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps.

«Als Coca-Cola Teil der Rituale geworden ist, hat das Getränk erst seinen hohen gesellschaftlichen Stellenwert bekommen. Seitdem wird es bei jeder Gelegenheit getrunken, bei religiösen und politischen Anlässen wie bei Hochzeiten», sagt Jaime Page. Als wir mit dem Arzt, Anthropologen und Doktorvater von Cecilia Acero über Zoom sprechen, kommt er gerade aus einem Bergdorf nach San Cristóbal zurück. Page ist nicht nur Experte für die Kultur der Indigenen. Er hat sie immer wieder zu ihrem Trinkverhalten befragt. In einer seiner Studien wurde die Zahl mit dem täglichen Pro-Kopf-Konsum von 2,25 Litern Softdrinks im Hochland von Chiapas erstmals erwähnt. Hier wird es nun kurz abenteuerlich: Page gibt an, die Zahl von der Webseite von Coca-Cola Femsa zu haben, wo sie wieder gelöscht worden sei.

Der Getränkehersteller streitet das ab. Nach einigem Hin und Her können wir zwei PR-Frauen in einem Restaurant in Mexiko-Stadt treffen. Aus dem Gespräch, bei dem wir eine Mole Poblano essen und eine Coke trinken, darf nicht zitiert werden, im Anschluss schicken sie aber ein Statement, in dem sich auf eine amtliche Statistik bezogen wird, nach der pro Haushalt 420 Pesos für Getränke, darunter auch Alkohol, ausgegeben werden. Demnach liege der Pro-Kopf-Konsum von Softdrinks bei 1,8 Litern. Nicht am Tag, im Monat. Dieser himmelschreiende Unterschied will weder zu den Eindrücken vor Ort passen noch zu einer Pressemitteilung von Coca-Cola Femsa aus dem November 2023. Darin verkündete das Unternehmen, dass es seinen Umsatz in Lateinamerika seit dem Börsengang 1993 verfünfzehnfacht hat, wobei rund die Hälfte auf Mexiko entfällt. Seine Aktie hat ihren Kurs in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Die Zahl von Jaime Page wird dagegen auch auf staatlichen Webseiten verbreitet, was zumindest ein Zeichen ist, dass der Einfluss von Softdrinks auf die Gesundheitskrise des Landes auf der politischen Agenda angekommen ist. Als die Zahl der Diabetestoten 2016 erstmals die Marke von 100 000 überschritt, rief die Regierung den nationalen Notstand aus. Schon zwei Jahre davor hatte sie bei zuckerhaltigen Getränken eine Steuer in Höhe von 5 Cent pro Liter eingeführt, die aber im Vergleich zu Chile oder England auch deshalb vergleichsweise niedrig ausfiel, weil die Coca-Cola Company für Mexiko Studien mitfinanziert hatte, die den Einfluss von Softdrinks auf die Fettleibigkeit und die Wirksamkeit der Steuer in Zweifel zogen. Anders als von Wissenschaftlern gefordert, werden die Einnahmen aus der Steuer nicht für gesundheitliche Prävention verwendet.

Deshalb war es eine Überraschung, als die derzeitige Präsidentin Claudia Sheinbaum nach ihrem Amtsantritt politische Veränderungen ankündigte. Sie erklärte den Zugang zu Wasser zu einer der obersten Prioritäten ihrer Amtszeit und präsentierte einen nationalen Wasserplan. Der sieht vor, sämtliche Konzessionen für private Unternehmen überprüfen zu lassen. Kurz vor Redaktionsschluss bekommen wir von der Aktivistin Valentina eine Mail. Darin kritisiert sie, dass Coca-Cola Femsa derzeit versuche, eine international angesehene Zertifizierung für verantwortungsvollen Umgang mit Wasser für die Abfüllanlage in San Cristóbal zu bekommen.

Im April 2025 ist ein Verkaufsverbot von Softdrinks und Süssigkeiten an Schulen in Kraft getreten. Bis zu 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Mexiko werden mittlerweile als fettleibig eingestuft und sind damit die Diabetespatienten von morgen. Coca-Cola-Abfüller haben ihre zuckerhaltigen Getränke bereits aus Grundschulen zurückgezogen. Vielleicht ist eine Verkaufspräsenz dort gar nicht mehr nötig. In einem viralen Tiktok-Video mit 1,4 Millionen Likes ist ein etwa 12-jähriger Schüler irgendwo in Mexiko zu sehen, wie er genüsslich aus einer Literflasche Coca-Cola trinkt. In den Seitentaschen seines Rucksacks befinden sich zwei weitere Literflaschen. «Que me vas a hacer, Claudia», ist in dem Video eingeblendet – Was wirst du mir deshalb antun, Claudia (die Präsidentin).

«Die Leute wollen einfach Coca-Cola trinken», sagt auch Jaime Page, der glaubt, dass Sheinbaum nicht viel verändern wird. In den Sätzen, die er in die Kamera seines Computers spricht, schwingt bittere Wut mit:

«Manchmal denke ich, dass wir es mit einerethnozidalen Politik zu tun haben. Es ist offenbar besser,wenn die Indigenen sterben.»

So weit geht Cecilia Acero nicht. «Ich bin durchaus wütend auf Coca-Cola. Aber es hält dir ja niemand eine Pistole an den Kopf, um das Zeug zu trinken», sagt sie. Seit ihr Vater an Diabetes erkrankte, hat Acero kaum noch Coca-Cola getrunken. Als sie das Getränk einmal an einem heissen Tag angeboten bekam, nahm sie einen Schluck und fand ihn ziemlich belebend. Einmal im Jahr, am traditionellen Día de Muertos, schmücken die Menschen in San Cristóbal wie überall in Mexiko ihre Familienaltare auf den Friedhöfen oder zu Hause mit Kerzen und Blumen. Den Verstorbenen bringen sie dann Dinge mit, die sie zeit ihres Lebens geliebt haben. Also kauft Acero eine Flasche Coca-Cola und stellt sie ans Grab ihres Vaters.

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