
Tierisches Protein wirkt stärker auf Muskelwachstum als pflanzliches – stimmt das wirklich?
Reagieren Muskeln unterschiedlich auf Protein, je nachdem, aus welcher Quelle es stammt? In dieser Serie betrachten wir weitverbreitete Mythen kritisch. Diesmal geht es um die Herkunft des Proteins.
Die Muskulatur macht etwa 40 % der gesamten Körpermasse aus und enthält rund 50 - 75 % aller Körperproteine. Sie besteht zu etwa 75 % aus Wasser, zu 20 % aus Proteinen und zu etwa 5 % aus Kohlenhydraten, Mineralsalzen und Fettsäuren [1]. Proteine tragen massgeblich zur Kraftentwicklung bei, da sie in Form von Sarkomeren die grundlegenden strukturellen Einheiten der Muskulatur bilden. Die Regulation der Muskelmasse erfolgt durch den kontinuierlichen Auf- und Abbau von Proteinen [2]. Ist die Muskelproteinsynthese (MPS) höher als der Muskelproteinabbau (MPB), wird Muskelmasse aufgebaut. Im umgekehrten Fall, wenn also MPB höher ist als MPS, verlieren wir an Muskelmasse.
Die Erhaltung der Muskelmasse wird unterstützt, wenn ausreichend Protein über die Nahrung aufgenommen wird, da dies die MPS fördert [3–5].
Einfluss von Krafttraining auf das Proteingleichgewicht
Phillips und Kollegen [6] zeigten, dass eine einzelne Krafttrainingseinheit, bestehend aus konzentrischen oder exzentrischen Beinstreckbewegungen mit 8 Sätzen à 8 Wiederholungen bei 80 % des 1-RM, sowohl MPS als auch MPB bei 8 untrainierten Personen (4 Männer, 4 Frauen) deutlich erhöhte. Während der Proteinabbau innerhalb von 48 Stunden wieder auf das Ausgangsniveau sank, blieb die Proteinsynthese weiterhin signifikant erhöht (p < 0.01). Zudem war der Anstieg der MPS stärker ausgeprägt als der des MPB, was zu einer positiven Netto-Proteinbilanz führte. Krafttraining wirkt also stark stimulierend auf beide Prozesse, wobei die Dauer und das Ausmass der MPS grösser sind. Zusammen mit einer ausreichenden täglichen Proteinzufuhr von etwa 1.6–2.2 g/kg Körpergewicht entsteht so eine positive Netto-Proteinbilanz, die das Muskelwachstum optimal unterstützt [7–9].
Tierische oder pflanzliche Proteine besser für den Muskelzuwachs?
Damit Proteine in die Muskulatur gelangen können, müssen sie über die Nahrung aufgenommen, verdaut und im Körper verteilt werden. In Ruhe nutzen Darm und Leber etwa 50 % des aufgenommenen Proteins für ihren eigenen Stoffwechsel. Von den verbleibenden 50 % werden rund 40 % anderweitig verwendet, während nur etwa 10 % des ursprünglich aufgenommenen Proteins tatsächlich für die Muskelproteinsynthese genutzt werden kann [9].
Studien, bei denen spezielle Aminosäuren im Körper verfolgt wurden, zeigen, dass die Fähigkeit einer Proteinquelle, den Muskelaufbau anzuregen, davon abhängt, wie gut das Protein verdaut wird, wie schnell die Aminosäuren aufgenommen werden und welche essenziellen Aminosäuren enthalten sind [10–16]. Besonders wichtig ist dabei die essenzielle Aminosäure Leucin [17]. Essenzielle Aminosäuren sind Bausteine von Proteinen, die der Körper nicht selbst herstellen kann und daher über die Nahrung aufgenommen werden müssen.
Verdaulichkeit: Ein Unterschied zwischen tierischen und pflanzlichen Proteinen
Pflanzliche Proteinquellen besitzen eine geringere Verdaulichkeit als tierische Proteine [18]. Unter Verdaulichkeit versteht man den Anteil der aufgenommenen Aminosäuren, der tatsächlich verdaut und aufgenommen wird und damit für die körpereigene Proteinsynthese zur Verfügung steht [19]. Tierische Proteine wie Milchprodukte, Eier und Fleisch weisen dabei eine sehr hohe Verdaulichkeit von über 90 % auf [18]. Bei pflanzlichen Proteinen kann die Verdaulichkeit je nach Verarbeitungsmethode [19] und einem Bestandteil bestimmter Substanzen, die die Aufnahme von Nährstoffen hemmen oder deren Verwertung im Körper erschweren, zusätzlich reduziert sein und liegt typischerweise zwischen 45 % und 80 % [18]. Wenn diese hemmenden Substanzen jedoch entfernt werden, zeigen diese pflanzlichen Proteinquellen wie Sojaproteinisolat, Erbsenproteinkonzentrat und Weizengluten eine Verdaulichkeit, die der von tierischen Proteinen (>90 %) ähnlich ist [18].
Bei den essenziellen Aminosäuren gilt Leucin als die wichtigste Aminosäure für die Anregung der MPS nach einer Mahlzeit [17]. Deshalb gilt der Leucingehalt einer Proteinquelle als wichtiger und eigenständiger Faktor für ihre Fähigkeit, die MPS zu stimulieren [17,20,21]. Tierische Proteine enthalten in der Regel mehr Leucin als pflanzliche. Whey-Protein weist etwa 13.6 % an Leucingehalt auf, während die meisten pflanzlichen Quellen nur 6 – 8 % erreichen [22].
Tierische und pflanzliche Proteinquellen unterscheiden sich also aufgrund ihrer Zusammensetzung der Aminosäuren und ihrer Verdaulichkeit.
Pflanzlich vs. tierisch: Was führt zu mehr Muskelwachstum?
Eine kürzlich erschienene randomisierte, klinische Studie ging dieser Frage nach [23]. In der Studie erhielten 44 untrainierte junge Männer (18 - 35 Jahre) über 12 Wochen hinweg entweder ein Supplement bestehend aus pflanzlichen Proteinen (Soja- und Erbsenprotein) oder Whey-Protein als Nahrungsergänzung in Kombination mit dreimal wöchentlichem Krafttraining. Beide Gruppen nahmen täglich 45 g Protein (3 x 15 g) zusätzlich zu den Hauptmahlzeiten. Wie zu erwarten, zeigten beide Gruppen vergleichbare Zunahme an Muskelmasse und Kraft, ohne dass ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen beobachtet worden wäre (p > 0.05). Da der Leucingehalt sowie das Aminosäurenprofil in beiden Gruppen ähnlich waren, zeigten sich langfristig keine Unterschiede in Bezug auf die Muskelmasse und Kraft. Die Kombination aus mehreren pflanzlichen Proteinen gleicht ein einzelnes suboptimales pflanzliches Aminosäurenprofil im Vergleich zu Whey-Protein aus. Auch systematische Übersichtsartikel und Meta-Analysen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis [24, 25]. Die Ergebnisse der Meta-Analysen zeigten, dass die Proteinquelle keinen Einfluss auf die Muskelmasse oder Kraft hatte.
Sind die Aminosäurenprofile pflanzlicher und tierischer Proteinquellen ähnlich, sind in Kombination mit Krafttraining keine Unterschiede bei Muskelmasse und Kraft zu erwarten.
Referenzen:
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Molekular- und Muskelbiologe. Forscher an der ETH Zürich. Kraftsportler.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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