

Vitamine, Mineralstoffe, Botanicals: eine Checkliste gegen leere Versprechen
16 Prozent der Bevölkerung bräuchten Nahrungsergänzungsmittel, 57 Prozent nehmen sie. Warum? Weil es kaum etwas gibt, das sich so schön einfach vermarkten lässt, ganz ohne Nachweise liefern zu müssen. Hier kommt eine Checkliste für seriöse Supplement-Empfehlungen.
«Die Revolution der Nahrungsergänzung» liegt auf meinem Tisch – laut Cover der Bestseller aus Frankreich. Geschrieben hat ihn der Biologe und Biochemiker Mathieu Bouarfa, der mir vom Titel entgegenlächelt und verspricht: «Was du zu Auswahl, Dosierung und Kombination von Wirkstoffen wirklich wissen musst». Ein auf den ersten Blick ordentliches Quellenverzeichnis stellt er zum Download bereit. Klingt (von den verräterischen Superlativen mal abgesehen) nach einer soliden Grundlage für einen fundierten Überblick über Nahrungsergänzungsmittel (NEM) und ihren sinnvollen Einsatz.

Die Freude hält jedoch nicht lange. Nach ein paar Kapiteln drängt sich eine Frage auf, die bei NEM fast immer mitschwingt: Geht es um Orientierung (was ist sinnvoll, was nicht)? Oder um eine Logik, in der für jedes Befinden sofort ein Mittel bereitliegt – inklusive Dosierung, Kombi-Tipps und Kaufimpuls? Immerhin: Bouarfa macht sein Setup transparent. Schon auf dem Cover ist sichtbar, dass hinter dem Buch auch «Nutrastream» steht – seine eigene Firma, die NEM verkauft. Im Text tauchen zudem immer wieder Stimmen aus der (zugegeben beeindruckend großen) Nutrastream-Community als Argumentationshilfe auf.

Quelle: Anna Sandner
Das wirkt zunächst vertrauenswürdig, weil es nahbar ist. Hier lohnt sich aber ein genauerer Blick: Nur weil etwas wissenschaftlich klingt und sich auf Studien bezieht, ist es nicht automatisch seriös und neutral.
Erst mal die Grundregeln zu Nahrungsergänzungsmitteln
NEM sind rechtlich Lebensmittel, keine Medikamente. Das hat eine praktische Konsequenz, die viele unterschätzen: Es gibt kein Zulassungsverfahren wie bei Arzneimitteln. Produkte werden vor dem Verkauf in der Regel nicht systematisch auf ihre Wirksamkeit geprüft – die Verantwortung liegt primär bei den Herstellern (und damit bei denjenigen, die potenziell Geld damit verdienen).
Das heißt nicht, dass NEM per se schlecht sind. Sie können in bestimmten Situationen sinnvoll sein – etwa bei nachgewiesenem Mangel oder in Lebensphasen mit erhöhtem Bedarf. Gleichzeitig betont das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Für die meisten Menschen sind Nahrungsergänzungsmittel bei bereits guter Versorgung überflüssig. Und hoch dosierte Präparate können das Risiko unerwünschter Wirkungen erhöhen.
Warum die Vermarktung von NEM so gut funktioniert
Der Aufbau des Bestsellers folgt einem Muster, das Leserinnen und Leser lieben: Ein Kapitel nimmt sich ein Thema wie Stress, Haut oder Haare vor, erklärt Hintergründe und endet mit einer Liste von NEM, die «hier helfen» sollen. Das ist ein dankbares Konzept, weil es zwei Bedürfnisse gleichzeitig bedient: Du willst verstehen, was in deinem Körper passiert. Und du willst etwas tun – am besten sofort und mit möglichst wenig Aufwand.

Quelle: Anna Sandner
Bouarfa zieht dabei eine Linie zwischen «nicht krank» und «optimal gesund». Sinngemäß beschreibt er, dass Mikronährstoffe nicht nur dann interessant sind, wenn ein Mangel vorliegt, sondern sich auch zur «Optimierung» gut eignen: als aktiver Versuch, mögliche Probleme hinauszuzögern. Genau an dieser Stelle kippt (s)ein Ratgeber leicht von «Was ist medizinisch begründet?» zu «Was könnte man vorsorglich noch alles nehmen?».
Mehr Details, was wirklich gesundheitlich relevant und was mehr Marketing als Gesundheitstipp ist, erfährst du zum Beispiel in der Wissensshow «Mai Think X Nahrungsergänzungsmittel – sinnlos bis gefährlich». Außerdem kannst du dich hier zu Mineralien und Vitaminen schlau machen:
Und noch ein Klassiker in vielen NEM-Debatten: Ernährung sei wichtig, aber Lebensmittel enthielten unter anderem aufgrund ausgelaugter Böden heute weniger «gute Stoffe». Das klingt plausibel, bleibt aber oft unscharf – und ist als Argument praktisch ideal, um den Schritt vom Teller zur Kapsel zu legitimieren.
Checkliste: So erkennst du seriöse Supplement-Empfehlungen
1. Wird ein Mangel behandelt – oder wird nur optimiert? Seriös wird es, wenn sauber unterschieden wird: «Das ist sinnvoll bei nachgewiesenem Mangel oder klarer Risikogruppe» versus «Das könnte dein Leben noch besser machen». Für Optimierung über den Bedarf hinaus ist die Evidenz oft dünn – und das Risiko für Überdosierung steigt.
2. Steht die Zielgruppe dabei? Viele Effekte gelten nicht für alle, sondern für bestimmte Gruppen (etwa Menschen mit geringer Zufuhr, bestimmten Ernährungsformen oder Lebensphasen). Wenn Empfehlungen überwiegend für alle formuliert sind, fehlt oft die wichtigste Information: ob du überhaupt gemeint bist.
3. Welche Belege werden genutzt und ist die Auswahl ausgewogen? Ein Quellenverzeichnis ist gut. Noch besser ist es, wenn konkrete Aussagen mit Humanstudien (idealerweise randomisierte Studien) oder Metaanalysen belegt werden. Ein Warnsignal ist dagegen eine einseitige Quellenauswahl: Wenn nur Studien zitiert werden, die eine Richtung stützen, aber Gegenbefunde oder «Null-Effekte» konsequent fehlen, entsteht ein verzerrtes Bild. Selbst dann, wenn jede einzelne Quelle für sich seriös ist.
4. Werden Effektgrößen und Grenzen genannt? «Hilft» ist keine Messung. Seriöse Empfehlungen zeigen, was realistisch ist (kleiner Effekt, nur unter Bedingungen, nur in Kombination) und was eben nicht. Wenn es fast immer nach «spürbar besser» klingt, ist das eher Rhetorik als Ergebnis.
5. Kommen Risiken und Wechselwirkungen wirklich vor oder nur als Pflichtsatz? Überdosierung, Nebenwirkungen, Interaktionen: Wenn die kaum kommentiert werden, ist das ein Warnsignal. Außerdem gilt: Wenn Risiken zwar erwähnt, aber gleichzeitig relativiert werden («ich mache das selbst so»), kann das die Hemmschwelle senken – besonders bei hoch dosierten Präparaten oder Kombinationen.
7. Werden Community-Erfahrungen als Beleg verkauft? Erfahrungsberichte können Orientierung geben. Aber sie ersetzen keine faktischen Nachweise. Wenn Community-Stimmen als Argumente dienen, lohnt sich die Trennung: Ist das ein Beispiel oder soll es ein Beweis sein?
8. Gibt es Interessenkonflikte und werden sie transparent eingeordnet? Wenn ein Autor oder eine Creatorin auch Produkte verkauft, ist das nicht automatisch unseriös. Entscheidend ist, ob das transparent gemacht und nachvollziehbar eingeordnet wird und ob Empfehlungen dadurch erkennbar in Richtung «immer mehr» rutschen. Gerade im NEM-Markt, der weniger streng kontrolliert ist als der Arzneimittelbereich, ist diese Einordnung besonders wichtig.
Drei Fragen vor dem Kauf
«Was genau will ich erreichen – und gibt es dafür solide Evidenz, die eine Verbesserung in Humanstudien gezeigt hat?»
«Habe ich Hinweise auf einen echten Bedarf (Lebensphase, Ernährung, Blutwerte, Medikamente)?»
«Welche Dosis ist sinnvoll, ab wann wird es zu viel und wie lange wäre die Einnahme überhaupt geplant?»
NEM können hilfreich sein, wenn sie gezielt eingesetzt werden. Sie können aber auch zur Dauerbaustelle werden, wenn jede Unsicherheit mit einer neuen Kapsel beantwortet wird. Ein guter Ratgeber lässt beides zu: Handlungsspielraum – und klare Grenzen.
Wie Influencer mit NEM und falschen Gesundheitsversprechen Kasse machen, liest du hier:
Wäre ich unkritisch, würde Bouarfas Revolution der Nahrungsergänzung mich mit einer Einkaufsliste aller 80 besprochenen NEM zurücklassen. Kann ja schließlich alles irgendwie irgendwas besser machen. Und wer will schon keine gute Haut, perfekt performende Verdauung oder nicht weniger Stresssymptome? Gehe ich aber die Checkliste durch und bleibe also bei seriösen Kriterien, sieht das schon anders aus: Bei überwiegend gesunder, ausgewogener Ernährung reichen mir (als Vegetarierin mit festgestelltem Mangel) Vitamin B12 und ärztlich verordnetes Vitamin D.
Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.
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