Deine Meinung
Wie hältst du es mit dem Respekt und den Manieren?

Laut Videos hören, Füsse aufs Polster stellen, vulgäre Sprache und Leute anhusten: Was ist mit euren Manieren los?
7.30 Uhr, im Regionalzug von Zürich nach Basel. In Lenzburg steigt eine gepflegte Frau zu, nimmt gegenüber Platz und hustet mir voll ins Gesicht. Ich bin zu schläfrig, um sie zur Schnecke zu machen, und wechsle das Abteil.
Während der Pandemie hatte ich die Hoffnung gehegt, dass wir einander auch künftig im Alltag vor Infektionen schützen würden. Ich legte sie aber so schnell ab wie das Volk seine Masken. Wie zuvor schleppt es sich seither schniefend und krächzend zur Arbeit, um dort und auf dem Weg dahin alle anzustecken. War da was?
Neu ist allerdings, dass man beim Husten nicht mehr die Hand vor den Mund hält. Sei es aus purer Faulheit oder aus der Überzeugung heraus, dass alles, was irgendwie mit Mitmenschen zu tun hat, woke Scheisse sei – aus der Pandemie haben wir offenbar nur eines gelernt: Rücksicht braucht’s nicht.
In Aarau steige ich um. In meiner Nähe sperrt eine Frau ihren Mund beim Gähnen weit auf, während ihre Hände im Schoss ruhen. Es sieht sensationell doof aus.
Auch du siehst doof aus, wenn du gähnst, ohne die Hand vor den Mund zu halten. Gewiss, es ist ein unmenschlicher Kraftakt. Aber es lohnt sich: Du wirkst dann nicht wie ein Löwe mit kognitiven Defiziten, sondern wie jemand, der sich zu benehmen weiss.
Du glaubst mir nicht? Dann bitte eine Freundin, dich beim handlosen Gähnen zu fotografieren. Du wirst es nie wieder tun.


Auf dem Heimweg begleiten mich zahlreiche weitere Freihusterinnen und Offengähner. Aber es gibt noch ein anderes Problem.
In der S11 nach Zürich setzt sich eine junge Frau in meine Nähe, holt ihr Handy raus und beginnt, mit voller Lautstärke ein Video zu gucken. Ich bitte sie freundlich, ihr Gerät leiser zu stellen. Sie schaut mich an, als hätte ich krachend gefurzt.
Dann sagt sie: «Ès hätt gnuèg Platz daa.» Mit anderen Worten, ich soll mich entfernen oder die Klappe halten.
Ich bitte sie abermals, die Lautstärke zu verringern und erkläre, dass es mich störe. Nun wird sie ungehalten: «Sie … isch öffèntlichè Vèrcheer!»
Die Botschaft ist klar: Im öffentlichen Raum kann jeder machen, was er oder sie will.

Aber das ist ein Missverständnis. Machen, was man will, kann man zu Hause. Im öffentlichen Raum hingegen hat man sich so zu benehmen, dass man niemanden stört. Das ist keine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern eine grundlegende Regel des Zusammenlebens. Zumindest war es mal eine.
Ich erkläre der jungen Dame diesen Sachverhalt in wenigen Worten, was sie sichtlich nervt, woraufhin ich ihrem Wunsch entspreche, mich anderswo hinzusetzen. Zu schläfrig, um das kommentarlos zu tun, bin ich jetzt allerdings nicht mehr. Sie bekommt ein dickes Lob für ihren tollen Charakter.
In Lenzburg steigen zwei junge Männer ein. Sie breiten ein umfangreiches McDonald’s-Picknick aus und schauen unentwegt auf ihre Handys, während sie miteinander sprechen und Fritten in sich reinstopfen. Beide stellen ihre Schuhe aufs Polster. Ich habe keine Lust auf eine weitere sinnlose Unterhaltung und wechsle ein drittes Mal an diesem Tag den Platz.

In Zürich steigen ein paar Teenager-Mädchen in den Bus. Zwei von ihnen halten Handys, aus denen Videoclips plärren. Um diese zu übertönen, kommunizieren die Mädchen schreiend.
Eigentlich bin ich sehr gern unterwegs. Ich mag die Eisenbahn, die Reise, die Distanz, die Vorbereitung auf den Unterricht. Wenn da nur nicht all diese Rüpel und Rüpelinnen wären, die Schamlosigkeit mit Freiheit verwechseln. Im Sommer beschallen sie mit ihrer Boombox das ganze Seeufer und verunstalten es mit ihrem Abfall. Im Winter husten sie mir ins Gesicht, während aus ihrem Handy debiler Tiktok-Content schmettert.
«Mønn, du bisch Hurä!», schreit das eine Mädchen.
«Nèi, du bisch Hurä!», entgegnet das andere.
Ich würde abermals den Platz wechseln, weil es hier nicht nur laut, sondern auch vulgär und ausserdem grammatisch unerträglich ist, bin nun aber an meiner Haltestelle angekommen.
Das war nun alles ziemlich schlechte Werbung für den öffentlichen Verkehr und überhaupt ein finsteres Gemälde der Gesellschaft. Und wie es mit Gemälden so ist: Sie zeigen, was der Maler sieht.
Aber meiner Meinung nach kollabiert gerade der Respekt, und ich halte das für ein echtes Problem. Ich bin 52 Jahre alt und habe jahrzehntelang in einem sozialen Konsens gelebt, der besagte, dass gewisse Dinge sich gehören und andere nicht.
Als ich jung war, kam es niemandem in den Sinn, die Füsse auf den Sitz zu stellen, Abfall liegenzulassen oder jemanden anzuhusten. Hey, es ist noch nicht mal 20 Jahre her, als wir das Tram verliessen, um einen Anruf entgegenzunehmen, und die Confiserie Sprüngli Tischkärtchen aufstellte, auf denen «aus Rücksicht auf die anderen Gäste» darum gebeten wurde, vom Gebrauch des «Natels» abzusehen. Ja, damals war das Problem nicht, dass Geräusche aus dem Handy kamen. Sondern hineingingen.
Und ja, ich bin altmodisch. Ich vermisse die Zeit, als «öffèntlichè Vèrcheer» kein Rechtfertigungsgrund für schlechtes Benehmen war, sondern ein Gebot für das Gegenteil. So lange ist das auch nicht her.
Während ich das schreibe, sitzt mein 14-jähriger Sohn neben mir auf dem Sofa, spielt ein Game und guckt immer wieder mal in mein MacBook. Schliesslich gibt er seinem Kummer Ausdruck, dass sein Vater immer «boomeriger» werde, und ruft mit tiefer Stimme «Reschpekkkt!», um mich zu verspotten. Meine Dad-Jokes machen ihm bereits erhebliche Sorgen, meine Hausmannskost sowieso, und jetzt noch dieses Rentnergeschwätz.
Als ich so alt war wie er, fand ich meine Eltern auch furchtbar bieder. Gute Manieren waren ihnen enorm wichtig, sie bestanden in jeder Minute darauf. Dieses gehört sich nicht, jenes aber schon, so macht man das, das macht man nicht – es hörte nicht auf.
Mittlerweile rede ich genau gleich. Ich halte soziale Standards für essentiell. Wenn es uns nicht mehr interessiert, wie sich andere in unserer Gegenwart fühlen, sondern nur noch, dass unsere unmittelbaren Bedürfnisse befriedigt sind, wird es vermutlich schwierig, als Gemeinschaft zu bestehen.
Wie hältst du es mit dem Respekt und den Manieren?
Der Schriftsteller Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren. Er arbeitete als Werbetexter, bis 2012 sein erster Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» erschien. Er ist Vater eines Sohnes und hat dadurch immer eine prima Ausrede, um Lego zu kaufen. Mehr von ihm: www.thomasmeyer.ch.
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