

Hör auf, Marken und Design zu huldigen, du Konsumopfer!
Warum wird so ein wahnsinniges Brimborium um gewisse Produkte gemacht? Ich kann es einfach nicht verstehen und behaupte: Ihr zahlt viel Geld, nur um dazuzugehören.
Ist es dir wichtig, Designmöbel zu haben? Ein Android-Handy käme für dich aus Ästhetikgründen nie infrage? Wenn du das Geld dazu hättest, wäre schon längst eine Louis-Vuitton-Tasche in deinem Besitz?
Falls du auch nur eine Frage mit Ja beantwortest, wird dir wahrscheinlich nicht gefallen, worüber ich mich in den nächsten Zeilen auslassen werde. Trigger-Warnung, du Trophy-Shopper: Ich werde dir gleich gehörig den Kopf waschen.
Vorab möchte ich sagen: Hinfort mit diesem prätentiösen Mist!
Natürlich plädiere ich nicht dafür, billigen Schrott bei Temu, Shein und Konsorten zu kaufen. Eine gewisse Qualität hat ihren Preis. Aber für ein Designstück oder einen Markenartikel ein Vielfaches dessen hinzulegen, was man für ein gleichwertiges No-Name-Produkt bezahlen würde, halte ich für idiotisch. Gerade wenn es punkto Funktionalität ebenbürtig ist, sprich: seinen Zweck erfüllt.
Sinnbefreite Bewegung
Diese ganze Prestigesache ist doch nur ein Schneeballsystem featuring Gruppendruck: Irgendjemand hat mal damit angefangen, sich als etwas Besseres hinzustellen, indem er oder sie einen Gegenstand oder ein Kleidungsstück zu etwas Besonderem hochstilisiert hat. Und weil sich niemand die Blösse geben wollte, dieser Person zu sagen, dass das kompletter Schwachsinn ist – vielleicht aus Angst, dann irgendwie ausgeschlossen zu werden – haben alle mitgemacht. Und Schwupps: Ein Trend ward geboren.
Mir kommt ein Beispiel aus den 1990er-Jahren in den Sinn: In der Oberstufe hatten praktisch alle Invicta-Rucksäcke. Das war der Schulranzen, den es zu haben galt. Wer ihn nicht hatte, war nicht dabei. Doch was war so speziell daran? Nichts – ausser dass gross Invicta draufstand. Hatte er einem anderen Rucksack irgendwas voraus? Nicht, dass ich wüsste. Aber wehe, du hattest keinen von Invicta.

Früher stand da noch viel grösser Invicta drauf und es sah auch noch viel mehr aus wie ein Schulranzen.
Der harmlose Fall zeigt, dass ich in Zeiten aufwuchs, als noch nicht so sehr auf Markenklamotten geachtet wurde. Später kamen Levi’s Jeans, Adidas-Trainer, Casio-Uhren, Air Jordans, Lacoste-Shirts, Ray-Ban-Brillen, Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Doc Martens, Fila, Timberland, iPhones, Ugg Boots, Ed Hardy, Crocs, Vans, Beats by Dre. Und so weiter und so fort. Und alles wurde noch viel schlimmer.
Für so etwas bezahlen? Nicht mit mir!
Design oder nicht Design – das ist hier die Frage
Im Vordergrund stehen nicht vergleichbare Attribute, sondern Name, Image, Prestige. Bedeutungsschwangeres Zeugs, das sich nirgendwo anders manifestiert als im Preis. Wir merken: Es muss um viel mehr gehen als um die Funktionalität – und sind mitten im Dunstkreis zwischen Sein und Schein (Shein?). Respektive zwischen Haben und Nicht-Haben. Und jene, die das Designstück, die Markenklamotten, das neuste iPhone besitzen, sind eben die cooleren, die besseren.
Merkst dus? Das gehört noch immer auf den Schulhof. Weil es um Identität geht und darum, sich von anderen abzugrenzen. Leider zieht sich das weit über die Schulzeit hinaus und führt dazu, dass sich immer mehr junge Erwachsene verschulden. Wie dämlich!
Bei den älteren Erwachsenen kommt zum Marken-Wahn oft noch der Design-Wahn: Natürlich, ein Eames-Stuhl ist schön und bequem. Doch warum sollte ich dafür das Vielfache zahlen wie für einen anderen Stuhl, der okay-schön und easy-bequem ist?
Allein schon das Kissen für den Stuhl ist teuer genug.
Was spricht denn gegen Ikea-Möbel? Für mich der Inbegriff von Funktionalität – und gut designt, finde ich als Design-Noob.
Lustig ist ja: Gerade bei Ikea zeigt sich eine Art Gegenbewegung zum Massengeschmack: Wenn alle Ikea-Möbel haben, wird es uncool. Zumindest in den Augen jener, die etwas Exquisites haben wollen. Andersherum: Würde Gucci auch uncool, wenn alle Gucci hätten?
Machen wir uns nichts vor: Es geht darum, «dazuzugehören» und sich vom «Pöbel» abzuheben. Darum eifern wir den Kardashians, Beckhams oder anderen Nepo-Babies nach. Wir glauben, dass sie uns etwas voraushaben. Ergo kaufen wir jene Dinge, die sie und die Hollywoodstars, Profifussballer und Influencer auch haben (die Rolex bleibt meist unerschwinglich). Ein Gruppenzwang zum «fake it till you make it».
Es ist wie in der Kunst: «Wow, diese Installation ist so avantgardistisch! Ich verstehe zwar nicht, was sie aussagen will, aber wenn ich es nicht verstehe, muss es ja aussergewöhnlich gut sein.» Oder: «Interessanter Schluss in diesem Arthouse-Movie. Ich kann damit zwar nichts anfangen – es kann also nur genial sein!»
Dann lieber ohne Geschmack
So generieren wir eine Aura des Speziellen und Teuren, die niemand zu durchbrechen wagt. Man könnte sich sonst ja als Mensch ohne Geschmack oder ohne Hang zum «Schönen» outen.
Da halte ich dagegen. Ich trage auch Kleider von C&A und Schuhe aus dem Dosenbach, Ikea-Möbel stehen in jedem Zimmer und ich habe ein Android-Handy, das schon nicht mehr aktuell war, als ich es gebraucht gekauft habe. Und nein, diese Dinge landen nicht nach einem Jahr im Müll. Weil ich Sorge trage und mir es auch nichts ausmacht, wenn mein Smartphone nicht superschnell ist oder ein ursprünglich schwarzes T-Shirt halt irgendwann mal ergraut.
Ich mache das nicht aus Trotz und auch nicht aus Überzeugung (glaube ich jedenfalls). Sondern einfach, weils genug ist – es tuts auch so. Und weil ich nicht bereit bin, für irgendeine «Aura» viel zu zahlen, nur um mich spezieller zu machen als ich bin.
Und genau das möchte ich allen Marken- und Design-Opfern sagen: Du brauchst das nicht, um dich damit aufzuwerten; du bist gut genug.
Welchen Hype um welche Marke oder welches Produkt verstehst du nicht?
Ich bin freier Journalist, Kommunikationsverantwortlicher und Text-Vieleskönner. Am liebsten schreibe ich über Themen, die sich im Dunstkreis von Nonsens und gesellschaftlicher Relevanz befinden.
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