
Was haben eigentlich alle gegen das Kurzarmhemd?!
Es ist verpönt, geächtet, verlacht: das Kurzarmhemd. Aber warum überhaupt? Gerade jetzt ist es doch sehr praktisch. Der Versuch einer Rehabilitation.
Wieso ist das Kurzarmhemd so ungern gesehen? Das frage ich mich fast jeden Sommer, wenn ich Menschen in langärmligen Hemden schwitzen sehe. Das, einfach in kurz – wäre doch logisch und sieht gar nicht so schlimm aus.
Aber wehe, ich äussere diese Gedanken … Dann werde ich zum Stilbanausen deklariert, der an einer Hochzeit Crocs tragen würde. Warum bloss?
Contra Kurzarmhemd
Ich habe mich mal etwas informiert und bin auf verschiedene Gründe gestossen, warum das Kurzarmhemd so unbeliebt ist.
Beamten-Stil
Kurzarmhemden werden mit Uniformen assoziiert, wie sie Busfahrer oder Postboten tragen. Und das finden viele spiessig oder bieder.
Nun, ich assoziiere Langarmhemden auch stark mit Arbeit, Büro und Seriosität, habe aber solche schon oft – ganz rebellisch – in nicht-professionellen Situationen getragen. So what?! Und immer diese Diskussion über Spiessigkeit oder Bünzlitum: Was heisst das überhaupt? «Mainstream» zu sein? Finden nicht vor allem diejenigen, die besonders originell und individuell sein wollen, Dinge spiessig? Oder neidische Menschen? Ist es spiessig, einen Garten zu haben? Ist es bünzlig, erste Klasse zu fahren? Und ist es nicht eigentlich dämlich, über so etwas überhaupt zu diskutieren?
Darum: Argument zurückgewiesen, weil unbegründet und gestrig.
Die Kombination mit Krawatte
Offenbar nimmt das Kurzarmhemd im Zusammenspiel mit einer Krawatte eine völlig neue Rolle ein: Statt bieder ist es nun zu luftig und leger für einen förmlichen Schlips; ein stilistischer Widerspruch. Ehrlich gesagt habe ich die Kombination schon lange nicht mehr gesehen, aber selbst wenn: Spannung, Gegensätze – das ist doch Dynamik. Ich meine, wir kaufen Jeans, die bereits Löcher drin haben?! Fabrizierte Abnutzung! Das ist okay?! Oder einen Anzug mit Sneakers zu kombinieren? Aber Krawatte mit Kurzarmhemd geht gar nicht?! Da scheint mir doch ein ziemlicher Doppel-Standard vorhanden zu sein.
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Schmuddel-Look
Die kurzen Ärmel sind oft weit, liegen zu wenig an und gewähren so Einblicke ins Hemd. Ein hochgekrempeltes Langarmhemd sähe besser aus, heisst es.
Das kann ich immerhin nachvollziehen. Aber: Ist es nicht nervtötend, ein Langarmhemd hochzukrempeln? Ausserdem ist es zerknittert, wenn du es später wieder herunterkrempelst. Und andersherum: Ins Hemd reinschauen zu können ist vielleicht nicht toll, aber das ist so, als würde ich ein Haus als unbewohnbar betrachten, nur weil die Fassade nicht schön ist oder die Architektur. Im Innern aber ist es vielleicht für die Bewohnenden ganz prächtig. Mein Punkt: Während Kurzarmhemd-Betrachtende hineinschauen können, kann der oder die Kurzarmhemd-Tragende hinausdünsten.
Also auch hier: ziemlich penible Begründung.
Fazit
Zusammengefasst: Das Kurzarmhemd fällt durch die Maschen, weil es fürs Business zu leger und für die Freizeit zu steif ist. Es wird insofern verurteilt, weil es in keine Schublade passt.
Ich fordere darum: mehr Toleranz für das Kurzarmhemd! Zumal die Abneigung dagegen offenbar mit ziemlich antiquierten Vorstellungen zu tun hat, die längst nicht mehr nachvollziehbar sind. Es geht, mal wieder, um Konventionen und Traditionen – die ich noch nie verstanden habe.
Pro Kurzarmhemd
Ob Hemd oder Shirt, ob Business oder Casual, ob uni oder (klein)kariert – das ist doch Jacke wie Hose, wie die Deutschen sagen. Eine ganze Kleidungsgattung zu verurteilen ist nicht zeitgemäss (auch wenn ich nicht weiss, ob ich mich für die Drei-Viertelhose ebenfalls in die Bresche werfen würde).
Bedenken wir ausserdem: Was heute out ist, kann morgen schon wieder angesagt sein. Ich erinnere mich, dass Birkenstocks nicht immer das Must-have waren, das sie heute sind.
Darum meine These: Irgendwann schlägt die Stunde des Kurzarmhemds wieder. Und selbst wenn nicht – hier einfach mal ein paar ganz rationale Gründe, warum ein Kurzarmhemd doch immerhin funktional ist:
- Es ist luftiger als ein Langarmhemd und insofern praktisch. Gerade bei heissem Wetter ist das doch angebracht – sofern man kein T-Shirt tragen kann, darf oder will.
- Das Kurzarmhemd ist einfach nur naheliegend: Wir tragen ja auch kurze Hosen – und krempeln nicht lange Hosen hoch.
- Es ist variabel: Je nach Stil, Farbe und Muster ist ein Kurzarmhemd lässig oder seriös. Es bietet noch weiteren Gestaltungsspielraum: Ich kann entscheiden, wie viele Knöpfe ich offen lassen will. Ich könnte etwa damit Brusthaar zeigen, wenn ich welches hätte. Oder es gar nicht zuknöpfen, zum Beispiel in der Badi oder am Strand. Insofern ist es auch eine Art Bademantel für den Oberkörper – das kann kein T-Shirt.
- Auf die Gefahr hin, hier Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, weil das Hawaiihemd ja auch ein Kurzarmhemd ist: Das klassische Kurzarmhemd ist dezenter als ein Hawaiihemd, weniger schrill. Das soll doch auch möglich sein dürfen. Oder warum soll ich mich zwischen exzentrisch und stillos entscheiden müssen?
Na, sind das nicht ganz plausible Argumente? Ich finde schon. Also, hör auf, das Kurzarmhemd vorschnell zu desavouieren und gib ihm eine Chance. Die hat es verdient.
Ich bin freier Journalist, Kommunikationsverantwortlicher und Text-Vieleskönner. Am liebsten schreibe ich über Themen, die sich im Dunstkreis von Nonsens und gesellschaftlicher Relevanz befinden.
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