Wenn alte Notebooks die effektivste Hilfe sind

Martin Jungfer
Martin Jungfer
Zürich, am 22.03.2022
Bilder: Thomas Kunz

Fast 4000 alte Laptops haben Tobias Schär und sein «Wir lernen weiter»-Projekt wieder aufbereitet und an neue Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz übergeben. Jetzt sollen auch Geflüchtete aus der Ukraine Geräte erhalten.

Unten findet Seelsorge statt, oben digitale Fürsorge. Im alten Pfarrhaus von Merenschwand (AG) stehen auf langen Tischen aus rohen Holzplatten permanent dutzende gebrauchte Laptops und werden von den Mitarbeitern und Freiwilligen von «Wir lernen weiter» frisch gemacht für ein zweites Leben. Das Team prüft, ob Screen, Wifi-Modul, Keyboard und Festplatte noch funktionieren. Überall blinkt es, und die Lüfter surren leise. Während der technische Check läuft, reinigt das Team Bildschirme und Tasten mit Isopropyl. Der Geruch des alkoholischen Reinigers mischt sich mit dem der alten Balken im Dachgeschoss des historischen Gebäudes im 3000-Einwohner-Dorf im aargauischen Reusstal.

Hier hat «Wir lernen weiter» seinen Hauptsitz. Hauptsitz – das klingt nach einem Unternehmen. Und genau das ist es auch, denn dieser Verein wird nach den Grundsätzen der Social Entrepreneurship geführt. Tobias hatte vor zwei Jahren die Idee für eine Hilfsorganisation, die Bedürftige mit Laptops versorgt. Er kann inzwischen seinen Lebensunterhalt mit seinem Engagement bestreiten, aber davon garantiert nicht reich werden. Vor gut einem Jahr hat er sein berufsbegleitendes Studium der Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Luzern abgeschlossen. Er könnte in einer Bank, einer Software-Firma oder einer Versicherung deutlich mehr verdienen, wie er mir bei einem Kaffee sagt. Seine Worte sind frei von Anklage oder Verbitterung. Tobias stellt es einfach nüchtern fest.

«Jeder hat seinen Preis, doch wer Purpose will, der muss meist auch Kompromisse hinnehmen.»
Tobias Schär, Gründer von «Wir lernen weiter»

Der 28-Jährige hat eine Lebenseinstellung, die sich salopp formuliert darum dreht, anderen das zu ermöglichen, was die meisten von uns schon haben dürfen – und manchmal auch nicht zu schätzen wissen. Das unterscheidet ihn von vielen Gleichaltrigen, die zwischen Insta-Storys und Tiktok-Challenges nach dem Sinn des Lebens suchen.

Tobias Schär in dem Raum, in dem die alten Notebooks flott gemacht werden für ein zweites Leben. Links im Bild: David Werder, Freiwilliger Aufbereiter.
Tobias Schär in dem Raum, in dem die alten Notebooks flott gemacht werden für ein zweites Leben. Links im Bild: David Werder, Freiwilliger Aufbereiter.

Aus dem Plan wurde Realität

Als mir Tobias vor zwei Jahren zum ersten Mal sein Projekt erklärte, skizzierte er einen ehrgeizigen Plan, dass die kleine Idee skalieren soll. Seitdem wurde dies Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt. Er ist aus dem Elternhaus ausgezogen, hat sich im Pfarrhaus eingemietet und ist nun als Geschäftsleiter für die operative Führung der Aktivitäten von «wLw», wie er sein Projekt manchmal abkürzt, verantwortlich. Mit seiner Freundin wohnt er im ersten Obergeschoss, direkt über den Büros des Pfarramts der katholischen Kirchengemeinde St. Vitus. Über eine Holztreppe geht es von dort ins Dachgeschoss. Hier passiert die ganze Magie.

Die Musik spielt im Raum mit Blick auf den mächtigen Kirchturm nebenan. Hier sind an einem Montagnachmittag drei Männer beschäftigt. Sie stecken die Netzteile gebrauchter Laptops an Steckdosenwürfel, die auf die Tische geschraubt sind und starten die Geräte. Die kommen von Firmen und Privatpersonen, wo sie nicht mehr gebraucht werden. IT-Abteilungen in Unternehmen tauschen Geräte ihrer Mitarbeiter häufig bereits nach wenigen Jahren aus. Bei privaten Anwendern landen ausgediente Computer häufig in der Schublade, sobald der neue in Betrieb ist. Durch «Wir lernen weiter» können solche Laptops an Leute abgegeben werden, die sich keinen neuen leisten können, aber dringend einen benötigen. Entweder weil sie Bewerbungen verfassen und auf Online-Portalen hochladen müssen, weil sie Übungen für Sprachkurse absolvieren wollen oder weil sie als Lernende digitale Journale schreiben müssen. «Unternehmen können so auch zeigen, dass sie sich für die Gesellschaft interessieren und was zurückgeben – und das natürlich auch zeigen. So entsteht für alle Involvierten eine zweckdienliche Zusammenarbeit», sagt Tobias. Er ist sich sicher, dass die Arbeit bereits heute einen grossen Unterschied für viele ermöglicht hat. Und dass sie auch Sozialaufwände spart, weil bessere Integration gelingt.

Auch organisatorisch hat sich einiges geändert: So ist Tobias mit drei weiteren Personen angestellt und nicht mehr Teil des Vorstandes. Über ein Jahr erfolgten alle Arbeiten rein freiwillig. Rein ehrenamtlich sei ein Projekt dieser Dimension schlichtweg nicht mehr zu bewältigen. «Das war absehbar und auch notwendig. Als Geschäftsleiter bin ich jetzt nur noch angestellt; könnte auch ersetzt werden, falls die Leistung nicht stimmt. Die strategischen Entscheide fällt der Vereinsvorstand – natürlich mit Infos von der operativen Front». Schär ist überzeugt, dass diese Umstrukturierung einer der wichtigsten Schritte in der jungen Vereinsgeschichte war – und ist auch sichtlich stolz darauf: «Dass wir innert nicht mal zweier Jahre einen solchen Impact schaffen und auch Arbeitsplätze kreieren, hätte ich nicht gedacht», so der junge Merenschwander.

Grosser Bedarf an IT-Equipment in der reichen Schweiz

Der Bedarf scheint gross zu sein, auch in der reichen Schweiz. Zwischen 40 und 50 Rechner pro Woche werden aufbereitet und versendet, erzählt Tobias. In der Hochsaison, wenn Lernende ihre Ausbildung starten, sind es deutlich mehr. Irgendwann in den nächsten Tagen kommt der 4000. Laptop. Jedes Gerät, das in Merenschwand ankommt, wird im technischen Ökosystem des Vereins erfasst, Kennzahlen werden abgelegt und dann der Laptop weiterverarbeitet. Das Gehirn hinter dem ausgeklügelten und hochautomatisierten System ist aber nicht alleine Tobias, sondern auch Benj. Er ist IT-Allrounder und verbessert die Prozesse permanent. «Ohne Benj würde ich die Notebooks wohl noch immer mit USB-Sticks aufsetzen», sagt Tobias. Mittlerweile wird vieles automatisch aufgesetzt. Nur beim Verpacken, Reinigen und beim Prüfen ist noch manuelle Arbeit nötig.

Auch auf Geräten mit schwächeren Chips lässt sich noch gut arbeiten, erklärt Tobias. Dafür bereinigt die Mannschaft die Maschinen komplett und spielt danach Zorin OS und OpenSource-Anwendungen drauf – beispielsweise «Onlyoffice», welches als kostenfreie Alternative zu Office 365 von Microsoft dient. So können die Computer direkt genutzt werden. Weitere Informationen und Anleitungen gibt’s auf dem Wiki von WLW, technische Hilfe auf einem Forum und bald auch eine E-Learning-Plattform, damit die Benutzerinnen und Benutzer den Umgang mit einem Laptop selbstständig erlernen können.

Keine Hacker-Bude, sondern eine als gemeinnützig anerkannte Hilfsorganisation: das Team von «Wir lernen weiter» im Einsatz.
Keine Hacker-Bude, sondern eine als gemeinnützig anerkannte Hilfsorganisation: das Team von «Wir lernen weiter» im Einsatz.

Am liebsten sind dem Team Business-Versionen von HP, Dell oder Lenovo. Elite Books oder Think Pads können einfach geöffnet und Komponenten getauscht werden. Zum Beispiel wird der RAM erweitert, oder es werden alte HDD-Festplatten ausgebaut und durch schnellere SSDs ersetzt. Das spart Zeit, die dann für Feintuning und Kontrollen verwendet werden kann.

Personen, die ein Gerät benötigen, können über ihre Wohngemeinden oder andere Partner einen Laptop bestellen. Inzwischen haben 600 der knapp 2170 Gemeinden in der Schweiz eine Kooperation mit «Wir lernen weiter». Sie ermitteln den Bedarf an Computern vor Ort und richten dann eine Anfrage an Tobias und sein Team. «Wir lernen weiter» erhält pro Gerät eine Pauschale von 150 Franken und finanziert sich so selbst. Die Pauschale sei, so sagt Tobias, «eine kleine, aber wirkungsvolle Investition in Wiedereingliederungs- und Integrationsmassnahmen». Mit einem Computer könnten Menschen viel besser integriert werden, sei es sprachlich oder auch in den Arbeitsmarkt. Bedauerlicherweise spiele Digitalisierung in der Sozialhilfe immer noch eine viel zu kleine Rolle, so Tobias weiter. Dass Leute für viele Dinge IT-Ausrüstung brauchen, wird viel zu wenig berücksichtigt. Die politische Dimension des Problems müsste besser erkannt werden, wünscht sich Tobias.

Fertig aufbereitete Laptops werden versandbereit gemacht und gehen per Post an die neuen Besitzer.
Fertig aufbereitete Laptops werden versandbereit gemacht und gehen per Post an die neuen Besitzer.

Geflüchtete aus der Ukraine werden versorgt

Die Folgen des Kriegs Russlands gegen die Ukraine bringt für Tobias eine neue, zusätzliche Herausforderung. Kürzlich konnte er einer geflüchteten Familie einen Laptop übergeben, dank dem die Familie mit den Zurückgebliebenen per Internet in Kontakt bleiben kann und die Kinder am Schulunterricht teilnehmen können. So wie diese Familie dürften viele weitere, die jetzt in der Schweiz ankommen, Bedarf an einem Internet-fähigen Computer haben, vermutet Tobias. Die Behörden kümmerten sich aktuell um das Notwendigste wie eine Unterkunft und etwas zu Essen. Dass Laptops nicht an oberster Priorität stehen, ist für Tobias verständlich. Unterschätzt werden sollte die Bedeutung aber nicht. «Da helfen wir gerne, so gut wir können», sagt Tobias.

Im Lager liegen die Notebooks parat, die an Bedürftige gehen.
Im Lager liegen die Notebooks parat, die an Bedürftige gehen.

Deshalb werden derzeit Laptops aus dem Lager aufbereitet, die am Samstag, 26. März, in Zürich an Geflüchtete aus der Ukraine abgegeben werden sollen. Gleichzeitig können Privatpersonen und Firmen Laptops spenden, die direkt vor Ort neu aufgesetzt und am Nachmittag schon wieder weitergegeben werden sollen. Alle Details zum Event im Kraftwerk Zürich gibt es hier. Am Aktionstag werden auch viele weitere Freiwillige dabei sein: am Infodesk, für technische Fragen oder als Übersetzerinnen und Übersetzer. «Jetzt brauchen wir nur noch genügend Laptops, um möglichst viele Leute zu beschenken und wir hoffen, dass über diese Aktion auch medial berichtet wird. Es ist ein wichtiges Thema, bei dem alle von uns mithelfen können.»

Damit die Menschen, welche die Laptops erhalten, diese auch nutzen können, hat das Team ein Keyboard-Layout entwickelt, auf dem das Schweizer Layout um den kyrillischen Zeichensatz erweitert wird. Auch solche Details sind für Tobias wichtig. Er will, dass die Aktion ein Erfolg ist. Dann, so blickt er in die Zukunft, wird es Wiederholungen auch in anderen Städten geben können.

Was deine «alte Kiste» noch drauf haben sollte …

Falls du die Aktion unterstützen willst, aber am Samstag nicht nach Zürich kommen kannst, gibt es weitere Möglichkeiten. Dein altes Notebook kannst du auch direkt selbst an «Wir lernen weiter» schicken. Und keine Sorge, die Mindestanforderungen sind gar nicht so hoch, wie du vielleicht glaubst. Wenn das Display funktioniert und in der Kiste wenigstens 4 GB RAM stecken, können es Tobias und sein Team meistens wieder flott genug machen.

Und auch Digitec Galaxus unterstützt die Aktion: Unter allen Personen, die entweder am Samstag in Zürich einen verwendbaren Laptop spenden, sich als Helferin oder Helfer beteiligen oder einen Laptop bis zum 31. März 2022 an «Wir lernen weiter» gespendet haben, verlosen wir einen 500-Franken-Gutschein. Zusätzlich gibt es für drei weitere glückliche Gewinnerinnen oder Gewinner jeweils ein ausgewähltes Gerät, das wir in unserer Redaktion getestet haben und nicht mehr benötigen. Um was genau es sich handelt, ist dann eine Überraschung.

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Martin Jungfer

Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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