Weshalb ich mich lieber über Filme informiere, als sie zu schauen

Weshalb ich mich lieber über Filme informiere, als sie zu schauen

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 07.05.2020
Momentan verbringe ich viel Zeit auf Netflix und Co. Und das, ohne am Ende irgendwas angeschaut zu haben. Denn die Suche nach dem, was ich gucken will, macht mir oft mehr Spass als das Gucken selbst. Eine Ode an die Filmrecherche.

«Hey Carolin, wir haben gerade einen Film hinzugefügt, der dir gefallen könnte.»

Die Push-Benachrichtigung auf meinem Handy stammt von Netflix. Es ist Sonntag, 19.25 Uhr. Ich bin skeptisch, aber neugierig und öffne die Mail. «Coffee & Kareem» wird mir vorgeschlagen. Ich fühle mich schon anhand der kurzen Zusammenfassung und des ersten visuellen Eindrucks verarscht. Das, Netflix, soll mir deiner Meinung nach gefallen?

Bevor die Wut im Bauch noch grösser wird, besinne ich mich einer gewissen Unvoreingenommenheit und wechsle zu «Rotten Tomatoes». Die Filmkritik-Website soll den zweiten Eindruck richten. Rezensionen werden dort gesammelt und anhand der Tomatometer-Skala messbar gemacht: Mit 19 Prozent gilt der Film bei Kritikern klar als schlecht, aber auch von den Zuschauern konnte er nur 31 Prozent überzeugen.

Du bist raus, «Coffee & Kareem». Eine dritte Chance bekommst du nicht.

Ja, ich weiss, da steht Bart. Ist aber mein Profil.
Ja, ich weiss, da steht Bart. Ist aber mein Profil.

Vielleicht ein neuer Streamingdienst?

Dafür stosse ich auf «Rotten Tomatoes» auf allerlei weitere Filme, die sich gut anhören. Ich wechsle auf Wikipedia für eine einfache Plot-Übersicht, lese Online-Artikel für fundiertere, wenn auch persönliche Einschätzungen der jeweiligen Autoren und hüpfe dann wieder zurück zu Netflix, um zu schauen, ob der Film dort zu sehen ist. Wenn ja, wandert er auf meine Liste. Wenn nein, versuche ich herauszufinden, in welcher Streaming-Bibliothek er erhältlich ist.

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So lande ich auf IndieFlix, einer Streamingplattform für Independent-Filme, und überlege mir, eine 7-Tage-Testversion zu starten. Oder ich schliesse gleich ein Abo ab. Mir gefällt der Vibe der Plattform. Schliesslich entscheide ich mich doch dazu, eine Nacht drüber zu schlafen. Aber vorher setze ich meine Suche nach einem sehenswerten Film auf Streamingdiensten fort, für die ich schon bezahle.

«Climax» wurde mir von einem Arbeitskollegen empfohlen. Gaspar Noé, der Regisseur, ist mir ein Begriff: Sein «Enter the Void» habe ich schon gesehen. Noés Filme sind fordernd und fesselnd, keine leichte Kost.

Vor mich hingrübelnd hänge ich plötzlich in einer Liste von Noés persönlichen Lieblingsfilmen fest und google «La Maman et la Putain» von Jean Eustache. Der Film feierte seine Premiere an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1973. Apropos Cannes: Wer hat denn in den letzten Jahren jeweils die Goldene Palme abgeräumt?

1991 ging der Preis an Joel Coen für «Barton Fink». Die Coen-Brüder mag ich sehr, was treiben die eigentlich so? Stimmt, Joel Coen ist mit Frances McDormand verheiratet. Die Schauspielerin hat in «Three Billboards outside Ebbing, Missouri» mitgemacht. Den fand ich gut. Vielleicht ist da was auf Netflix, das mit McDormand ist und ich noch nicht gesehen habe.

Negativ. Auf Netflix finde ich leider keine Filme mit ihr, dafür wird mir «Tallulah» vorgeschlagen. Wieso auch immer. Der Plot klingt gut, ich mag Schauspielerin Ellen Page. Der Film landet auf meiner Liste. Reicht es noch, ihn gleich zu schauen? Ein Blick auf die Uhr. Es ist spät. 23.14 Uhr. Einen Film schaue ich jetzt bestimmt nicht mehr.

Nächstes Mal.

Filmlisten als Ausdruck schöner Abende

Der Abend ist durch, und ich habe keinen Film gesehen. Das macht nichts. Denn ich liebe die Recherche oft mehr als die Filme selbst. Meine Listen werden immer voller; abgearbeitet werden sie kaum. Meine Filmlisten sind wie kleine Inseln der Glückseligkeit. Ausdruck einer erfolgreichen Recherche. Die kleinen Symbole erinnern mich an meine wunderbaren Stürze in den Kaninchenbau der Filmkritiken und -Datenbanken. Dort sammeln sich für mich wichtige Gesellschaftsthemen, von mir respektierte Regisseure und faszinierend klingende Experimente. Für einen erfolgreichen Sonntagabend muss ich mir keinen Film anschauen. Ich muss lediglich darüber lesen.

P.S.: Eine Woche später habe ich mir dann doch «Climax» auf Netflix angesehen. Du solltest es auch tun.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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