

Bei Brettspielen entscheiden Jury und Community oft unterschiedlich
«Rebirth» ist das «Kennerspiel des Jahres». Beim «Deutschen Spiele Preis» landet es in der Community-Wahl nur auf Rang sechs. Das ist kein Ausrutscher: Jury und Community kommen auffallend oft zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Im Juli nahm Reiner Knizia im Schottenrock den Pöppel entgegen. Mit «Rebirth» gewann er das «Kennerspiel des Jahres». Damit ist er der erste Spieleautor, der im Lauf seiner Karriere alle drei Hauptpreise gewonnen hat: «Spiel des Jahres», «Kennerspiel des Jahres» und «Kinderspiel des Jahres». Gut sieben Wochen später bekommt dieser Triumph eine überraschende Fussnote.
Beim Deutschen Spiele Preis reicht es für «Rebirth» nur zu Rang sechs. Der ebenfalls nominierte «Boss Fighters QR» steht dagegen in den Top 3 – zusammen mit «Artengarten» und «Galactic Cruise». Die genaue Reihenfolge gibt der Merz Verlag erst am 21. Oktober auf der Pressekonferenz der SPIEL Essen bekannt.
Von den drei Kennerspiel-Nominierten schneidet «Boss Fighters QR» beim Publikum damit am besten ab. «Moon Colony Bloodbath», der dritte Titel, verpasst die Top 10.
Neunmal dreht sich die Reihenfolge
Ist das bloss eine Laune der diesjährigen Abstimmung? Ich habe die Resultate seit 2011 verglichen. Damals führte die Jury das «Kennerspiel des Jahres» als eigene Kategorie ein. In neun von 15 vergleichbaren Jahrgängen setzte die Community mindestens einen der beiden unterlegenen Titel vor den Jurygewinner. Nur sechsmal blieb der Jurygewinner das bestplatzierte der drei nominierten Spiele. 2024 schaffte es keines der drei nominierten Spiele in die Top 10 und ist deshalb nicht vergleichbar.
Erstmals lag 2013 ein unterlegener Titel vor dem Jurygewinner. Die Jury zeichnete «Die Legenden von Andor» aus. Beim «Deutschen Spiele Preis» erreichte das Spiel Rang fünf, während das ebenfalls nominierte «Brügge» auf Rang drei kam.
Danach kam das häufiger vor. «Orléans» erreichte 2015 Rang zwei. Jurygewinner «Broom Service» verpasste dagegen die Top 10. Ein Jahr später belegten «T.I.M.E Stories» und «Pandemic Legacy» die Ränge drei und vier. «Isle of Skye», das «Kennerspiel des Jahres», folgte erst auf Rang sieben.

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Besonders deutlich war der Unterschied 2017. «Terraforming Mars» verlor die Jurywahl gegen «Exit», gewann dafür den «Deutschen Spiele Preis». «Exit» schaffte es dort wiederum nicht in die Top 10. Auch 2018 entschied die Community anders als die Jury: «Heaven & Ale» landete vor dem Jurygewinner «Die Quacksalber von Quedlinburg».
Nach zwei Jahren Einigkeit setzte sich das Muster fort. «Die verlorenen Ruinen von Arnak» schlug 2021 den Jurygewinner «Paleo». Ein Jahr später landete «Dune: Imperium» vor «Living Forest». 2023 gewann «Planet Unknown» den Publikumspreis. Das «Kennerspiel des Jahres» «Challengers!» belegte nur Rang sieben.
2026 ist damit bereits das neunte Jahr, in dem mindestens ein unterlegener Kennerspiel-Kandidat vor dem Jurygewinner liegt. Ein einmaliger Ausrutscher ist das längst nicht mehr.
Seit 2021 kein gemeinsamer Sieger
Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn ich auch das «Spiel des Jahres» einbeziehe. Seit 2011 gewann nur fünfmal derselbe Titel sowohl einen der beiden Jurypreise als auch den «Deutschen Spiele Preis»: «7 Wonders», «Village», «Azul», «Flügelschlag» und «Die Crew».
«Die Crew» war 2020 der letzte gemeinsame Sieger. Seither kürten Jury und Community jedes Jahr unterschiedliche Spiele. Das wird auch 2026 so sein. Weder das Spiel des Jahres «Dito!» noch das Kennerspiel «Rebirth» gehört zu den ersten drei.
Die Juryfavoriten schnitten beim Publikum in den vergangenen Jahren trotzdem stark ab. Von 2021 bis 2024 erreichte das jeweilige «Spiel des Jahres» beim «Deutschen Spiele Preis» jedes Mal Rang zwei: «MicroMacro: Crime City», «Cascadia», «Dorfromantik» und «Sky Team». «Bomb Busters» kam 2025 auf Rang drei. Erst «Dito!» fehlt in diesem Jahr ganz in den Top 10.
Zwei Preise beantworten zwei Fragen
Die unterschiedlichen Resultate bedeuten nicht automatisch, dass die Community regelmässig eine Fehlentscheidung der Jury korrigiert. Die beiden Auszeichnungen verfolgen unterschiedliche Ziele.
Beim «Spiel und Kennerspiel des Jahres» entscheidet eine Jury aus Spielekritikerinnen und Spielekritikern. Sie bewertet unter anderem Spielidee, Verständlichkeit, Material und Gestaltung. Zugleich will sie Orientierung bieten und Spiele auszeichnen, die sich für die jeweilige Zielgruppe besonders eignen. Die Jury betont selbst, dass es nicht das eine objektiv beste Spiel gibt.
Beim «Deutschen Spiele Preis» können dagegen Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre fünf persönlichen Favoriten eintragen. Der erstgenannte Titel erhält fünf Punkte, der fünfte noch einen. Familien-, Kenner- und Expertenspiele treten gemeinsam in einer Kategorie an.
Das passt zur verbreiteten Annahme, dass beim «Deutschen Spiele Preis» eher erfahrene Brettspielfans abstimmen und anspruchsvollere Titel bevorzugen. Die veröffentlichten Daten belegen diese Annahme jedoch nicht. Der Veranstalter nennt weder die genaue Zahl noch die Zusammensetzung der Abstimmenden. In der aktuellen Mitteilung ist lediglich von «vielen tausend Fans» die Rede.
Auch dieses Jahr erklärt die Komplexität den Unterschied nicht. «Boss Fighters QR» ist nicht offensichtlich anspruchsvoller als «Rebirth». Die beiden Preise setzen offenbar nicht nur andere Schwerpunkte. Sie beantworten schon im Kern eine andere Frage: Die Jury sucht eine Empfehlung für eine bestimmte Zielgruppe. Beim «Deutschen Spiele Preis» nennen die Abstimmenden ihre persönlichen Favoriten.
Der Sieger fehlt, die Geschichte steht
Welches Spiel den «Deutschen Spiele Preis» 2026 gewinnt, bleibt bis zum 21. Oktober offen. Jede Möglichkeit erzählt die Geschichte etwas anders:
Gewinnt «Boss Fighters QR», dreht die Community die Kennerspiel-Entscheidung direkt um. Gewinnt «Artengarten», überholt ein Titel von der Empfehlungsliste beide Nominierten. Und «Galactic Cruise» könnte den Publikumspreis gewinnen, obwohl es bei der Jury auf keiner Liste stand.
Unabhängig vom Ausgang steht bereits fest: Das «Kennerspiel des Jahres» ist den Abstimmenden diesmal höchstens Rang sechs wert.
Wer trifft deinen Geschmack häufiger: die Jury oder die Community? Schreib es in die Kommentare.
Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.
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