Bis ins Substrat durchdacht: die schwebenden Gärten von Pendularis

Bis ins Substrat durchdacht: die schwebenden Gärten von Pendularis

Pia Seidel
Pia Seidel
Zürich, am 21.09.2021
Bilder: Stephanie Tresch
Pendularis macht die Pflanzenpflege zum Klacks. Miterfinder und Pflanzenspezialist Erich Stutz erzählt, wie das Design der «schwebenden Gärten» entstanden ist und wovon ein grüner Daumen wirklich abhängt.

Wenn die Pflanzen in den Modulen von Pendularis so richtig wachsen, wirkt alles wie aus einem Guss. Form und Farbe sind auf ein Minimum reduziert, das Gefäss und das Substrat kaum zu sehen. So schlicht das Äussere daherkommt, so ausgeklügelt ist das Innenleben. Bei meinem Besuch in den Gewächshäusern von Meyer Orchideen erklärt mir Pendularis-Mitgründer und Pflanzenspezialist Erich Stutz, wie das spezielle Komplettlösung aus Pflanzen und Gefäss funktioniert und nebenbei auch überraschende Fakten über Zimmerpflanzen.

Hängesysteme für Zimmerpflanzen gibt es viele, was macht Pendularis so anders?
Erich Stutz: Dass das System, die Pflanzen und das Licht als Einheit gedacht sind. Normalerweise ist alles getrennt. Für uns ist es die Pflanze, die inszeniert werden soll, nicht das Gefäss. Deshalb haben wir uns für eine zurückhaltende Aluminiumröhre entschieden. Röhre und Stahlseil verschwinden fast, wenn du sie vor ein Fenster hängst. So wird der Schwebeeffekt verstärkt und die Pflanze hervorgehoben.

Erich hat Gartenbau studiert und fühlt sich seither in der Pflanzengestaltung pudelwohl.
Erich hat Gartenbau studiert und fühlt sich seither in der Pflanzengestaltung pudelwohl.
In das kleinste Pendularis-Modul passen fünf Pflanzen.
In das kleinste Pendularis-Modul passen fünf Pflanzen.

Pendularis ist modular. Es kann von der Decke hängen und horizontal sowie vertikal erweitert werden. Wie ist das ganze System entstanden?
Mein Kollege Phillipp Stauffer und ich hatten die Idee, Pflanzen zum Schweben zu bringen, als wir 2009 eine mit Substrat befüllte und bepflanzte Röhre im Gewächshaus aufgehängt haben. Damals gab es nichts Vergleichbares. Um das zu ändern und gleichzeitig eine modulare Lösung für die Decke zu entwickeln, haben wir mithilfe finanzieller Unterstützung von der ZHAW zunächst einen Prototyp entwickelt, der noch aus unschönen PVC-Röhren bestand, bis wir 2013 mit einem Produktdesigner zusammengearbeitet haben. Den ersten Prototyp aus Aluminium haben wir 2014 auf dem Schweizer-Event «Designers’ Saturday» präsentiert, obwohl er noch undicht war. Wir haben das einfach kaschiert (lacht).

Jetzt sehe ich keinen einzigen Tropfen mehr. Wie ging es dann weiter?
Mit dem Ziel, ein Spin-off der ZHAW zu werden, haben wir das Produkt bis zur Marktreife weiterentwickelt. Heute ist Pendularis eine eigenständige Firma, die das Produkt produziert und national sowie international vertreibt.

Die Pendularis AG mit Sitz in Wädenswil ist ein Spin-off der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Die Pendularis AG mit Sitz in Wädenswil ist ein Spin-off der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Und wie hält das Modul nun dicht?
An den Enden des Aluminiumrohrs befinden sich jeweils zwei Verschlusskappen, die sich aus fünf Dichtungsringen aus Gummi zusammensetzen. An der Stelle, wo sie zusammenkommen, wird zusätzlich eine Silikonfettschicht aufgetragen. Das vereinfacht das Zusammenstecken und macht sie hundert Prozent wasserdicht. Und auch der Gummi wird dadurch nicht spröde. Beim Zusammenbau des Moduls musst du die Kappen dann nur drehen und dank der klickbaren Blenden können sie auch nicht mehr auseinander rutschen. Es braucht keine Schrauben.

Wie habt ihr die Pflanzen ausgewählt, die ins Modul kommen?
Die enge Zusammenarbeit zwischen der Forschungsgruppe der ZHAW und der Begrünungsfirma Creaplant hat uns ermöglicht, die Pflanzen über mehrere Jahre in der Praxis zu testen. Dadurch konnten wir ein optimales und solides Pflanzensortiment zusammenstellen. Zum Beispiel besitzen der Hasenpfotenfarn (Davallia mariesii) oder Arten des Zwergpfeffers (Peperomia spp.) ein schwaches Wurzelwachstum, brauchen daher wenig Platz im Topf und wachsen gleichzeitig gut.

Inspiration für die schwebenden Gärten kommt von den Epiphyten. Das sind Pflanzen, die auf anderen wachsen.
Inspiration für die schwebenden Gärten kommt von den Epiphyten. Das sind Pflanzen, die auf anderen wachsen.

Ich kann mich zwischen den Bepflanzungen «Rapid» – schnell wachsenden Krautpflanzen – oder «Royal» – langsam wachsende tropische Aufsitzerpflanzen – entscheiden. Was steckt dahinter?
Aus Erfahrung weiss ich, dass es zwei Stereotypen in Sachen Zimmerpflanzenpflege gibt, die sich den Geschlechtern zuordnen lassen: Frauen geben tendenziell zu viel und Männer zu wenig Wasser (lacht). Um beide Typen zu bedienen, bieten wir zwei Grundprinzipien an: Rapid ist für alle, die mindestens einmal pro Woche giessen und Royal für alle, die weniger giessen wollen. So wird das System aus unserer Sicht «tubelisicher». Dein grüner Daumen ist bei Pendularis von der Wassermenge abhängig. Du musst also nur schauen, dass du die beiden Kollektionen nicht innerhalb eines Moduls kombinierst. Wann und wie viel du giessen musst, sagt dir der Wasserstand in der Verschlusskappe.

Die Pflanzen stammen von Meyer Orchideen in Wangen bei Dübendorf. Wie ist die Partnerschaft entstanden?
Da die Infrastruktur an der ZHAW begrenzt war, wollten wir für die Spin-off-Gründung schnell mit Fachbetrieben zusammenarbeiten. Es war uns auch wichtig, dass die Pflanzen zu hundert Prozent in der Schweiz produziert werden und die Produktionseinrichtungen nachhaltig sind. Die Gewächshäuser von Meyer Orchideen verbrauchen Energie aus erneuerbaren und CO2-neutralen Quellen. Darum kosten die Pflanzen acht bis zwölf Franken pro Stück. Im Gegensatz zu billigen holländischen Supermarktvarianten werden sie nicht maschinell, sondern für Pendularis von Hand ausgesucht. Dieser Qualitätsunterschied sorgt dafür, dass die Pflanzen länger schön bleiben und jedes Pendularis einzigartig ist.

Jede Pflanze wird von Hand gezüchtet.
Jede Pflanze wird von Hand gezüchtet.

Ich nehme an, dass auch die speziellen Töpfe ihren Preis haben?
Ja, wir wollten eigentlich alles inklusive der Töpfli in der Schweiz produzieren. Um das Produkt wettbewerbsfähiger zu machen, lassen wir sie aktuell aber noch in einer ISO-zertifizierten Schweizer Firma in Bulgarien herstellen. Jetzt arbeiten wir stattdessen daran, die Töpfe aus einem rezyklierten Material herzustellen, statt dem Kunststoff ABS, den auch LEGO verwendet. Dafür haben wir an der ZHAW bereits eine Semesterarbeit ausgeschrieben.

Welche Erde befindet sich in den Töpfen?
Wir verwenden keine Erde im herkömmlichen Sinn, sondern ein mineralisches und einfach zu kultivierendes Substrat. Weisses Substrat ist nicht so üblich, aber ästhetisch und zurückhaltend.

Wie gewährleistet ihr, dass Pflanzen inklusive Substrat heil ankommen?
Das ist auch das Ergebnis einer Semesterarbeit. Im Karton befindet sich ein integrierter Deckel, der die Pflanzen schützt. Sie können nicht stürzen und das Substrat nicht rausfallen.

Alban Muret – Marketing- und Sales-Spezialist bei Pendularis – zeigt das schlaue Schachtelsystem.
Alban Muret – Marketing- und Sales-Spezialist bei Pendularis – zeigt das schlaue Schachtelsystem.
Es wurde speziell für Pendularis entworfen und transportiert die Pflanzen unversehrt von A nach B.
Es wurde speziell für Pendularis entworfen und transportiert die Pflanzen unversehrt von A nach B.

Ich suche schon lange eine Vorhang-Alternative. Kann ich die Module auch am Fenster anbringen? Klar, du kannst das System mit der passenden Halterung an der Decke montieren oder in eine Vorhangschiene hängen. Bei beiden Varianten bestimmst du die Länge der Stahlseile individuell.

Als fast reines Schweizer Produkt sind eure Module nicht gerade billig. Auch die Aluminium-Rohre sind eher hochpreisig. Ginge es nicht günstiger?
Uns ist bewusst, dass Pendularis ein verhältnismässig teures Produkt ist. Das liegt einerseits daran, dass wir es grösstenteils in der Schweiz produzieren und weiterentwickeln und faire Schweizer Löhne zahlen. Andererseits haben wir ein hochwertiges Material gesucht, das in der Schweiz verarbeitet wird sowie säure- und basenresistent ist. Denn auch wenn du es nicht düngst, kann die Wurzelausscheidung auf dem Boden unter dem Modul Spuren hinterlassen. Nach einigen Tests haben wir uns für langlebiges Aluminium entschieden.

Die Module aus Aluminium hängen an Stahlseilen.
Die Module aus Aluminium hängen an Stahlseilen.
Die Höhe kann individuell angepasst werden.
Die Höhe kann individuell angepasst werden.

Aluminiumtöpfe habe ich noch nie für Pflanzen gesehen. Tontöpfe dagegen en masse. Woran liegt das?
Neben dem Preis kann es am Gewicht liegen, das insbesondere bei hochwachsenden Pflanzen wichtig ist. Tongefässe haben ein höheres Eigengewicht, das für einen stabileren Stand sorgt.

Oder weil Tontöpfe Pflanzen besser als Kunststofftöpfe und Co. atmen lassen? Das hat mir zumindest kürzlich jemand in einem Blumenladen erklärt.
Es stimmt schon, dass ein Tontopf «atmet». Aber das Wasser verdunstet dadurch auch über den Topfrand und bildet dort eine Feuchtzone. Das führt dazu, dass es mehr Wurzeln am Rand anstatt in der Mitte gibt. Das kann bei grosser Hitze oder Sonneneinstrahlung vor allem im Aussenbereich zum Nachteil werden. Die feinen Wurzelhaare gehen schneller kaputt. Bei einem Plastik- oder Aluminiumgefäss hingegen verdunstet das Wasser statt über die Wände über die gesamte Fläche. Trotzdem kann Ton schön sein, weil er lebt und eine Patina entwickelt. Bei einem Bodengefäss stört das nicht. In der Luft schon.

Wer seine Mini-Version in die Horizontale erweitern möchte,...
Wer seine Mini-Version in die Horizontale erweitern möchte,...
...steckt ein weiteres Modul an.
...steckt ein weiteres Modul an.

Und wie sieht es mit uns aus – können wir dank der Pflanzen im Innenraum besser atmen? Pflanzen sollen ja laut einer Nasa-Studie luftreinigend sein.
Ich glaube, dass das Thema Innenraumbegrünung und Raumklima überschätzt wird. Die NASA hat in den Neunzigern die Auswirkungen von Pflanzen aufs Raumklima unter geschützten Bedingungen ausführlich getestet. Das lässt sich nicht mit Wohn- oder Büroräumen vergleichen. Hier hast du mal offene Fenster oder Türen und lüftest regelmässig durch. Pflanzen bringen schon etwas, nur ist ihr Effekt physikalisch schwer messbar. Ein Pflanzentopf ist genauso ein Stausystem wie ein mit Wasser befülltes Becken, das verdunstet. Unterschätzt wird hingegen die positive Wirkung von Pilz- und Bakterienspuren auf den Pflanzen und vor allem im Substrat, die sich messen lässt und die dafür sorgen, dass du in keinem sterilen Umfeld lebst.

Das Arrangieren von Pflanzen wird nie langweilig.
Das Arrangieren von Pflanzen wird nie langweilig.
Ob nach Farbe, Grösse oder Muster – die Reihenfolge kann immer wieder neu bestimmt werden.
Ob nach Farbe, Grösse oder Muster – die Reihenfolge kann immer wieder neu bestimmt werden.

Was leisten Pflanzen stattdessen im Innenraum?
Beim Raumklima geht es nicht unbedingt um das Physikalische, sondern um das Ambiente, die grüne Farbe und die Beziehung, die du zu deinen Pflanzen aufbaust. Damit meine ich weniger, dass du mit ihnen reden sollst, sondern das, was du mit ihnen verbindest. Vielleicht sind sie ein Erbstück oder sie waren schon da, als du zum ersten Mal verliebt warst. Vielleicht machen sie dich stolz, weil sie dank deiner Pflege blühen und gedeihen. Es ist wie mit einer Jeans. Sie wird erst mit dem Tragen so richtig deine. Sie verwäscht sich und bekommt Gebrauchsspuren. Mit Pflanzen ist es genau das Gleiche. Die Geschichte hinter den Dingen macht sie zu einem Teil von dir und das macht schliesslich das Raumklima aus.

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Set Mini 0.5 Rapid (50 cm)
Pendularis Set Mini 0.5 Rapid (50 cm)
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Set Mini 0.5 Royal (50 cm)
Pendularis Set Mini 0.5 Royal (50 cm)
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1.0 Royal (100 cm)
Pendularis 1.0 Royal (100 cm)
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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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