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Studiocanal
Meinung

Bitte nur straight stories!

Reto Hunziker
20.8.2026

Ich mag keine Bücher oder Filme, bei denen ich das Gefühl habe, ich muss mir die Handlung selbst zusammenreimen, als wäre die Geschichte ein IKEA-Produkt. Schluss mit dem Gugus, erzähl einfach!

Hä? Was passiert da? Worum geht’s? Das sind nicht die Gedanken eines Opas, dessen Lieblingsfilm «Ueli der Knecht» ist und der zum ersten Mal eine Folge von «Euphoria» schaut. Nein, so klingt es in meinem 45-jährigen Kopf, wenn ich Bücher lese oder mir Filme anschaue, die ihre Hauptaufgabe nicht erfüllt haben. Nämlich: eine Geschichte zu erzählen.

Zum Beispiel, als ich «Die Holländerinnen» von Dorothee Elmiger las. Deutscher UND Schweizer Buchpreis 2025 – das will was heissen, dachte ich mir und legte los. Nur um mich während des Lesens zu fragen: «Was soll das? Wo führt das hin?» Da wird doch vor allem sehr kunstvoll nicht erzählt und ausgespart. Kurz: Elmiger schreibt über einen Vortrag, in dem von mehreren Dingen berichtet wird. Fast unmittelbar nach dem Lesen wusste ich bereits nicht mehr, worum es ging.

Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Belletristik
EUR23,–

Die Holländerinnen

Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025

Das kann man natürlich als Bruch mit der Konvention sehen – und das ist legitim; eine kunstschaffende Person muss sich ja auch dafür entscheiden können, Kunst nicht nach dem gängigen Muster zu schaffen. Aber an dieser konventionellen Rollenverteilung würde ich schon gerne festhalten: Die Schriftstellerin oder der Regisseur erzählt mir eine Geschichte – ich lese/konsumiere. Wollte ich mir selbst eine Geschichte zusammenschustern, würde ich mir eher ein Tage- oder Notizbuch kaufen (oder eine Story aus dem «Paulanergarten» auf Social Media posten).

Wenn schon Tagebuch, dann so etwas. Ja, auch ich kann mich über Konventionen hinwegsetzen.

Ich schreibe sicher niemandem vor, wie sie oder er ein Buch zu schreiben hat und masse mir auch nicht an, zu sagen, was ein guter oder schlechter Film ist. Was ich sage: Mir ist es lieber, wenn man mir eine Geschichte erzählt, als dass ich mir den Grossteil des Plots selber ausmalen muss – und so gar nicht weiss, ob ich die Story jetzt überhaupt so erfasst habe, wie es gedacht war.

Darum bin ich auch kein grosser Fan von David Lynch. So interessant und originell seine Kunst der Verschleierung auch sein mag, ich möchte nicht in Online-Foren darüber spekulieren müssen, was er mit diesem oder jenem gemeint hat. Nein, ich will einfach, dass er mir die fucking (sorry!) Geschichte erzählt – ohne Rätselraten, ohne Interpretieren.

Der Kniff, dass da mitten im Film («Lost Highway», 1997) plötzlich ein anderer Schauspieler den Protagonisten spielt, ist sicherlich spannend. Aber es wäre meines Erachtens noch um einiges spannender, wenn man wüsste warum. Was soll das denn? Es muss doch auch eine Bewandtnis haben, sonst ist das reine Spielerei. Ich möchte aber keine Spielerei, sondern eine Story – eine klare, verständliche, gute Story. Ist das zu viel verlangt?!

Konsequenterweise kann ich mit Lynchs Film «The Straight Story» (1999) am meisten anfangen. Also genau mit jenem Film, mit dem Lynch bewusst seinen eigenen Rahmen sprengt und für einmal nicht meisterhaft andeutet und mythische Atmosphären schafft, sondern eine «langweilige», lineare Geschichte erzählt (in der ein Rentner auf einem Rasenmäher durch die Pampa tuckert, um seinen Bruder nach zehnjähriger Funkstille im Spital zu besuchen).

Die Geschichte ist das Ziel

Anderes Beispiel: Natürlich ist die Explosion in «Zabriskie Point» (Michelangelo Antonioni, 1970) eine Augenweide. Aber Filmkunst (oder Wortkunst) zu zelebrieren und dabei Aussagen nur anzudeuten, bleibt doch irgendwie Schaumschlägerei. Die Geschichte sollte im Zentrum stehen und, wenn es nach mir geht, möglichst klar werden.

Das Kunstvolle und Vage hat seine Grenzen: Bei «Birdman» (Alejandro González Iñárritu, 2014) komme ich noch mit, bei «Synecdoche, New York» (Charlie Kaufman, 2008) steige ich aus und so etwas wie «L’année dernière à Marienbad» (Alain Resnais, 1961) ist einfach nur eine Qual.

Hier, gib dir doch gleich die ganze Dröhnung: Resnais’ Film auf Französisch mit spanischen Untertiteln.

Kritikerinnen und Kritiker mögen das poetisch finden. Nun, in der Poesie ist es ja dasselbe: Man muss sich viel zusammenreimen. Ich will mich aber nicht durch Sekundärliteratur wühlen müssen, um etwas zu verstehen. Es heisst ja auch Story-telling, und nicht Story-withholding. Ich will nicht knobeln und rätseln, will nicht zwischen Realität und Traum unterscheiden oder den Sinn dahinter auf Reddit diskutieren.

Mach deinen Job!

Lieber Autor, liebe Autorin, es ist dein Job, mir deine Geschichte zu vermitteln. Du kannst dabei mein Gehirn stimulieren und mich zum Denken anregen, aber schieb deine Hauptaufgabe nicht auf mich.

Wenn ich als Zuschauer mir die Geschichte zu 50 Prozent zusammenstiefeln muss, dann hast du als Storyteller nicht 100 Prozent deiner Arbeit gemacht. Du musst kreativ sein, nicht ich. Klar kannst du immer noch darauf hoffen, dass dir deine Anhänger Genialität unterstellen. Das ist eine verbreitete Reaktion auf Dinge, die wir nicht verstehen. Mir ist das zu billig.

Was aber nicht heisst, dass ich alles auf dem Silbertablett serviert brauche. Man darf Dinge aussparen: den Schluss offen lassen wie bei «Inception» (Christopher Nolan, 2010) oder Plot Twists wie «The Sixth Sense» (M. Night Shyamalan, 1999) oder «Shutter Island» (Martin Scorsese, 2010), oder auch «Memento» (Nolan, 2000) – sehr gerne!

Hat noch jemand einen DVD- oder Blu-ray-Player?

Eine Art von Auflösung ist Pflicht

Lass mich ruhig für 90 Prozent der Geschichte im Dunkeln tappen – aber bring mir dann die Auflösung. Sonst fühle ich mich wie früher, wenn mir ein Onkel einen Witz erzählen wollte und dann nach drei Minuten Set-Up meinte «Mist, jetzt habe ich die Pointe vergessen.»

Und einverstanden: Man kann sich einen Film auch wegen der Ästhetik anschauen (wie beispielsweise «2001: A Space Odyssey», Stanley Kubrick, 1968) oder ein Buch wegen der Sprache lesen (wie eben «Die Holländerinnen») – genauso, wie man ein Lied nur für den Refrain hören kann. Für mich hat das aber etwas Unfertiges und Unbefriedigendes.

Ich wünsche mir eine Geschichte und ich möchte sie verstehen. Ist das übertrieben? Bin ich verwöhnt, faul oder ignorant? Und welche Bücher und Filme hast du nicht verstanden oder findest du «overhyped»?

Titelbild: Studiocanal

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Ich bin freier Journalist, Kommunikationsverantwortlicher und Text-Vieleskönner. Am liebsten schreibe ich über Themen, die sich im Dunstkreis von Nonsens und gesellschaftlicher Relevanz befinden.


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