Burger, Bier und Baseball – ein Sport nach meinem Geschmack
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Burger, Bier und Baseball – ein Sport nach meinem Geschmack

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 21.09.2021

Bisher hatte ich nichts mit Baseball am Käppi: Ich fand es immer langweilig. Doch nun wohne ich seit Kurzem in der Schweizer Baseball-Hochburg und muss bereits nach einem Game meine Meinung ändern. Das Spiel mit Schläger und Ball ist nicht langweilig, es ist gemütlich.

Samstagnachmittag, 14 Uhr, Sportanlage Känelmatt in Therwil. Die Sonne lacht vom Himmel und mich lächeln die ersten Patties, auf dem Grill verführerisch brutzelnd, an. Trotzdem bin ich skeptisch. Ich besuche heute mein erstes Baseballspiel. Baseball? Das ist doch diese amerikanischste aller amerikanischen Sportarten, die sich über Stunden hinzieht und bei der selten etwas Aufregendes passiert. Ausserdem habe ich wenig Ahnung von den Regeln. Und überhaupt: Ich bin ein Football-Fan. Go 9ers. Okay, das mit dem «Beim Baseball passiert nichts Aufregendes» stimmt so natürlich nicht:

Der Burger medium rare, die Flyers on fire

Von den unglaublichen Plays in der grossen MLB zurück in die Nordwestschweizer Provinz. Die Patties sind inzwischen fertig gebrutzelt, auf dem Pappteller liegt ein leckerer Cheeseburger. So, wie ich ihn mag: medium rare, dazu ein kühles Blondes aus der lokalen Brauerei. Ausserdem führen die heimischen Flyers nach dem ersten Inning gegen die Barracudas aus Zürich mit 2:0 und scheinen Spiel und Gegner im Griff zu haben. Okay. So weit, so gut.

Sieht gut aus und schmeckt auch so.
Sieht gut aus und schmeckt auch so.

Baseball ist in der Schweiz Randsport, wie so viele andere Sportarten auch ausser Fussball und Eishockey. Die Fans sind wohl entweder Familie oder Freund:innen der Spieler und lassen sich an ein bis zwei Händen abzählen. Das wird sich allerdings mit Fortdauer des Spiels noch ändern und am Schluss sind es dann doch einige Dutzend, die auf den Holzbänkli sitzend die Partie zwischen den Flyers und Barracudas lautstark kommentierend mitverfolgen.

Dabei wird hauptsächlich Englisch gesprochen, auf und neben dem Feld. Ausserdem scheint das Publikum, im Gegensatz zu mir, sehr fachkundig zu sein. Jede Aktion auf dem Rasen löst einige Kommentare aus: «He didn't touch the base» oder «Nice pitch» sind nur einige davon.

It's a family affair am Samstagnachmittag in Therwil.
It's a family affair am Samstagnachmittag in Therwil.

Ich hingegen verstehe meistens nur «Train Station». Vereinfacht ausgedrückt, geht es beim Baseball um Folgendes: Der Pitcher (Werfer) versucht, den Ball aus gut 18 Metern durch die Strike Zone (Wurffenster) zu seinem Catcher (Fänger) zu werfen, während der Batter (Schlagmann) versucht, den Ball möglichst über die Spielfeldbegrenzung zu schlagen. Gelingt ihm dies, hat er einen Homerun erzielt.

Auf Wikipedia heisst es dazu:

Baseball ist ein Schlagballspiel mit zwei Mannschaften. Die Verteidiger bringen einen Ball ins Spiel, den die Angreifer mit einem Schläger treffen müssen. Wurde der Ball erfolgreich getroffen, können die Angreifer durch das Ablaufen von vier Laufmalen (bases) Punkte erzielen. Die Verteidiger versuchen dies zu verhindern, indem sie den geschlagenen Ball vorher zum Laufmal werfen.
Die Pitcher’s Plate auf dem Wurfhügel: dem Mound.
Die Pitcher’s Plate auf dem Wurfhügel: dem Mound.
Das Objekt der Begierde des Batters: die Base.
Das Objekt der Begierde des Batters: die Base.

Klingt einfach zu verstehen, ist in der Praxis für den Laien aber einigermassen kompliziert nachzuvollziehen, da es wohl viele Ausnahmen zu den Regeln gibt und Fehlwürfe und Fehlschläge und noch vieles mehr. Einen Franken ins Phrasenschwein: Es sind oft die Nuancen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Heute jedoch nicht. Das erste Play-off-Finalspiel der Schweizer Baseball-Meisterschaft 2021 in der NLA ist eine einseitige Angelegenheit. 12:2 heisst es nach drei Stunden und neun Innings. Einzig im fünften Inning ermöglicht Therwil seinen Gegnern mit ein paar Flüchtigkeitsfehlern zwei Punkte. Ansonsten sind die Flyers den Zürchern an diesem Nachmittag deutlich überlegen. Schon die Regular Season hatten die Leimentaler dominiert und auf dem ersten Rang abgeschlossen.

Das Heimteam dominierte heute von A bis Z.
Das Heimteam dominierte heute von A bis Z.

Wenig Sachverstand, viel Euphorie

Meinen Mangel an Fach- und Sachverstand habe ich während des Spiels durch jede Menge Euphorie am Spielfeldrand kompensiert. Meinetwegen musste die Partie sogar einmal kurz unterbrochen werden, da ich, ohne es zu merken, voller Euphorie aufs Feld gelatscht war. Weil es, ausser dem Gitter hinter dem Batter, keine Abschrankungen gab, hätte ich den weissen Markierungen auf dem Rasen mehr Beachtung schenken sollen. Nachdem ich mich hinter dem Absperrgitter in Sicherheit gebracht hatte, konnte es dann weitergehen. Sorry guys! Nächstes Mal wird mir das nicht mehr passieren.

Hinter Gittern in Sicherheit.
Hinter Gittern in Sicherheit.
Den Umpire im Blick.
Den Umpire im Blick.

I'll be back

Nächstes Mal? Ja, ich komme wieder. Kürzlich habe ich festgestellt, dass es zwischendurch gut tut, die Perspektive zu wechseln. Genau das habe ich heute gemacht: Baseball live statt American Football am TV und dabei einen Sport für mich entdeckt, über den ich bisher die Nase gerümpft habe. Nach drei Stunden, einem Cheeseburger und zwei kühlen Blonden mache ich mich tiefenentspannt auf den Heimweg. Um die Erkenntnis reicher, dass ein Baseballspiel nicht langweilig, sondern richtig gemütlich anzuschauen ist. Und ein Sport, genau nach meinem Geschmack.

Baseball im Allgemeinen und die Flyers im Speziellen haben einen neuen Fan. Cheers!
Baseball im Allgemeinen und die Flyers im Speziellen haben einen neuen Fan. Cheers!

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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