
Der Push-up-BH ist zurück: Mehr Busen, weniger Feminismus?
«Meine Augen sind hier oben» – hiess es doch all die Jahre. Man ist als Frau schliesslich mehr als nur Brust. Jetzt ist ausgerechnet der Push-up-BH wieder zurück. Wie viel Sex-Appeal dürfen wir uns erlauben ohne an Glaubhaftigkeit zu verlieren?
Auf meinem ersten BH war Snoopy drauf. Das klingt kindgerecht, man wächst in einen erwachsenen Körper ja erst hinein. Die Form war aber alles andere als unschuldig: Dick gepolstert waren meine ersten Büstenhalter in den späten Neunzigern und frühen 2000ern – zu halten gab es da selbstredend ziemlich wenig, aber wichtig war, dass das, was da war, schön nach oben gequetscht wurde. Brust sollte zumindest im Ansatz sichtbar sein. Der Push-up-BH war ein No-Brainer.
Ich weiss nicht, ob ich damals sexy aussehen wollte. Auf jeden Fall wollte ich mich anziehen wie die weiblichen Popstars dieser Zeit. Glitzernde Gestalten wie Britney Spears und Christina Aguilera, gemacht für den Male Gaze. Die gepushte Brust war Teil des Konzepts. Dann kam die MeToo-Bewegung und irgendwann der Corona-Lockdown, in dem Frauen ihre Bügel-BHs einmotteten oder gleich ganz auf BHs verzichteten. Brüste sollten auch mal ihre Ruhe haben und sich von niemandem in ein Gefängnis zwängen lassen. Sie durften – fast schon frech – ihre komplett natürliche Form ausleben. Das weisse Tank Top ohne optimierenden BH war plötzlich chic und rebellisch zugleich.
Das Busenwunder ist zurück
Und jetzt? Jetzt ist tatsächlich das Busenwunder der 2000er zurück: Sängerin Zara Larsson tanzte in strassbesetzten Bombshell-BHs durch ihre «Midnight Sun»-Tour. Und Charli XCX, Popstar der Stunde, trägt sowieso nur noch Push-up-BH statt richtigem Oberteil. Auf Instagram quillt plötzlich wieder Brust aus besagten Tank Tops. Auch der US-Unterwäsche-Brand Victoria’s Secret richtet seine Marke wieder rund um den «Very-Sexy»-Push-up-BH aus. Dabei stand die Marke 2020 beinahe vor dem Aus und wurde boykottiert, weil sie für ein zu extremes Schönheitsideal stand. Das «Sex Sells»-Marketingkonzept samt wabernden Busen, Spray-Tan, Satin-Strings und Engelsflügeln an hyper-asketischen Models passte schlicht nicht mehr zum Zeitgeist. Der Push-up-BH war zum Symbol einer männlichen Fantasie geworden, der sich die meisten Frauen nicht mehr unterwerfen wollten. Oder doch?

Quelle: Instagram @zaralarsson
Nun ja: Die Beliebtheit des gepolsterten BHs, dem Boob Job aus der Schachtel, steigt. Was sagt das über uns Frauen aus? Wollen wir plötzlich wieder ganz dringend angeglotzt werden? Lässt sich ein pralles Dekollete mit saftigem Feminismus vereinbaren? Und: Muss es das denn überhaupt?
Sex sells wieder – aber wen wollen wir für blöd verkaufen?
Das Comeback des Push-up-BHs mag auf den ersten Blick wie ein Rückschritt aussehen. Zurück zum Anbiedern, zum Gefallenwollen, zum Körper als Ware für den Male Gaze. Aber genau hier liegt der sabbernde Hund begraben: Wem wollen wir gefallen? Für wen ziehen wir Frauen uns an? Und muss ein Outfit immer auch eine Aussage haben? Nun ist es ja so: Lassen wir den BH weg, blitzt ein Nippel durch, wippt die Brust. Skandal! Verführerisch? Vielleicht. Aber auch: gemütlich. Polstern wir den Busen aus, stützen ihn, drücken ihn hoch: Skandal! Verführerisch? Vielleicht auch. Heisst: Eine weibliche Brust wird mit Bedeutung aufgeladen – solange sie auch nur irgendwie sichtbar ist.
Im Gegensatz zu Männern haben wir Frauen nun mal Gewebe, mit dem wir spielerisch umgehen können. Wir haben hier die Möglichkeit, unseren Körper so zu formen, wie wir es wollen. Der Beweggrund muss nicht immer zwingend feministisch sein. Auch, wenn man nur den Müll rausbringt, will man sich vielleicht gut und hot fühlen. Ein BH mag neben Brüsten auch das Selbstvertrauen pushen – nicht zuletzt, weil man dadurch dem jeweiligen Schönheitsideal entspricht.

Quelle: Instagram @charli_xcx
Feminismus grenzt sich schon lange nicht mehr bewusst von erotisch aufgeladener Weiblichkeit ab. Die Lust auf offensiv feminine Codes wächst mit den Dekolletes quasi um die Wette. Künstlerinnen wie Emily Ratajkowski, Shirin David oder Ikkimel kämpfen heute laut dafür, dass knappe Outfits, viel Make-up und ellenlange Nägel nicht automatisch antifeministisch sein müssen. Nach Bubblegum duftender Lipgloss macht eine Frau nicht dümmer.
Und ja, Frauen fahren vielleicht schlicht die Acryl-Krallen aus: Statt eines Rückschritts ist das Tragen von Push-up-BHs als Vehikel weiblicher Selbstbestimmung eher eine Art des Zurückschlagens. Jetzt, wo die Definition von Weiblichkeit durch Trad-Wifes und MAGA-Frauen infrage gestellt wird, darf die demonstrative Inszenierung von Brüsten gerne auch als Provokation gelesen werden. Es geht nicht darum, die erotischen Wünsche der Männer zu bedienen, sondern darum, konservative Bewegungen wie die sogenannte «Manosphere» zu provozieren – die, die Frauen vorschreiben wollen, wie sie sich zu kleiden haben. Es geht um Kontrolle. Und zwar über den eigenen Körper.
Im Push-up-BH hat man alles im Griff
Im Push-up-BH hat man zu jeder Zeit selbst – und das ganz wortwörtlich – im Griff, wie viel Holz vor der Hütte landet. In einer Ära der Selbstoptimierung kann die Option auf eine temporäre und reversible Transformation durchaus attraktiv sein: heute wenig, morgen maximal. Übermorgen wieder ganz anders. Die Welt steht uns offen. Es geht um Flexibilität.

Quelle: Instagram @ellakarberg
Und wenn wir schon ständig über Sex-Appeal sprechen: Was bedeutet der eigentlich noch, in einer Zeit, in der wir immer weniger Sex haben, wie uns Studien nahelegen. Tut sich da etwa der nächste Widerspruch auf? Mitnichten! Dass sich Push-up-BHs analog zu einer angeblich grassierenden Sexflaute so gut verkaufen, ist vermutlich kein Zufall. Sex ist überall: auf Social Media Feeds, in Dating Shows, Filmen, Werbungen und Podcasts. Wir scheinen schlicht überstimuliert und übersättigt. Sind ein paar hochgeschnallte Brüste da überhaupt der Rede wert? Auch hier gilt vielleicht ganz schlicht und einfach: Fake it, till you make it. Was mich viel mehr umtreibt: Wann kommt Snoopy eigentlich zurück? Ich wäre dann wieder soweit.
Autorin Linda Leitner liebt es, Pläne zu haben. Sie mag Restaurant-Reservierungen, virtuos komponierte Outfits und Getränke auf Balkonen. Das beste Kompliment, das sie je bekommen hat: Sie wisse sich das Leben schön zu machen. Deshalb ist sie entweder im Urlaub oder mit einem Buch in der Badi.
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