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Universal Pictures
Meinung

«Disclosure Day»: Spielberg verschenkt seine stärkste Idee

Luca Fontana
17.6.2026

Was würde passieren, wenn die Existenz ausserirdischen Lebens morgen bewiesen wäre? «Disclosure Day» stellt diese Frage. Die Antwort bleibt er uns allerdings schuldig.

Achtung: Dies ist ein Meinungsbeitrag mit Spoilern zu «Disclosure Day». Guck dir den Film im Kino an, bevor du weiterliest.

Was passiert, wenn die Menschheit unwiderlegbare Beweise erhält, dass sie nicht allein im Universum ist? Nicht irgendwann, nicht theoretisch – sondern heute, jetzt, mit Dokumenten auf dem Tisch und Zeugen, die reden wollen?

Steven Spielberg stellt diese Frage. Er baut sie sorgfältig auf, gibt ihr Gewicht, gibt ihr zwei starke ideologische Lager, gibt ihr Janusz Kaminski hinter der Kamera und «the legend himself» John Williams am Dirigentenpult – als 94-Jähriger vielleicht zum letzten Mal – und dann …

Dann lässt er sie fallen. Die Frage.

Einfach so.

Das Geheimnis des Appenzeller Käses

Dabei meinte ich noch, Spielberg hätte seine eigene Prämisse verstanden und wüsste haargenau, was auf dem Spiel steht.

Anfangs zeichnet er nämlich eine Welt kurz vor dem Kollaps – Plünderungen, politische Eskalation, ein potenzieller dritter Weltkrieg, der nur Tage entfernt scheint. In diese Welt stellt er zwei Lager, die beide recht haben könnten. Die Geheimhaltungsmacht sagt: Die Enthüllung könnte der letzte Tropfen sein, der das Fass überlaufen und die Zivilisation endgültig kollabieren lässt. Die Gegenseite nennt genau das Infantilisierung – die Anmassung einer Elite, für die gesamte Menschheit zu entscheiden, was sie verträgt und was nicht.

Das sind keine Pappaufsteller. Das sind echte, unbequeme Positionen. Spielberg schafft es sogar, mich eine Weile lang glauben zu lassen, «Disclosure Day» sei ein philosophisch aufgeladener Alien-Thriller. Ist er aber nicht. Denn irgendwann – nach etwa einer Stunde – merke ich, was «Disclosure Day» wirklich ist: eine solide inszenierte Verfolgungsjagd, deren MacGuffin nur zufällig aus Alien-Beweisen besteht.

Das Unterdrücken von Information, so postuliert Spielberg in seinem Film, sei ein «Akt des Terrors». Starker Tobak.
Das Unterdrücken von Information, so postuliert Spielberg in seinem Film, sei ein «Akt des Terrors». Starker Tobak.
Quelle: Universal Pictures

Warum ich das so sage? Weil man das Alien-Geheimnis durch gestohlene Staatsdokumente ersetzen könnte. Oder durch das Geheimrezept des Appenzeller Käses. Durch irgendetwas, das mächtige Leute halt unter Verschluss halten wollen. Am Plot würde sich rein gar nichts ändern. Oder an der Verfolgungsjagd. Oder an den klischiert «guten» Freiheitskämpfern und der «bösen» Nicht-Regierungsbehörde.

Dabei gäbe es narrativ so vieles zu erforschen. Was macht es mit einem Menschen, der sein Leben lang an eine göttliche Macht geglaubt hat? Was geschieht mit Religionen, die den Menschen als Krone der Schöpfung verstehen, wenn sich herausstellt, dass das Universum diese Einschätzung nicht teilt? Was passiert mit Regierungen, die ihre Legitimität aus nationaler Identität schöpfen, wenn plötzlich klar wird, dass diese Identität im kosmischen Massstab kaum mehr als eine Fussnote ist?

Spielberg streift diese Fragen. Bestenfalls. Aber er bleibt nie lang genug stehen, um eine Antwort zu riskieren. Sein Film ist stattdessen viel zu sehr darauf fokussiert, besagte Verfolgungsjagd zu inszenieren. Mehr kommt da wirklich nicht.

Aber das ist nicht mal Spielbergs schlimmste Sünde.

Bigelow hat's besser gemacht

Dröseln wir das auf: Dass die Philosophie hinter einer der grössten Fragen der Menschheitsgeschichte schnell in der Schublade verschwindet, um einer gewöhnlichen Verfolgungsjagd Platz zu machen, ist schon schlimm genug. Dass sich keines der beiden Lager entwickelt – niemand zweifelt, niemand wird durch das Argument der Gegenseite auch nur ins Wanken gebracht – macht es auch nicht besser.

Aber das Unbegreiflichste kommt noch: Spielberg baut sein gesamtes Marketing um diesen einen Moment auf – den Disclosure Day, den Tag, an dem die Wahrheit endlich auf den Tisch kommt. Und dann, in der Sekunde, in der es endlich so weit ist …

Schwarz. Abspann. Als hätte jemand mitten im Feuerwerk den Vorhang gesenkt.

Will der mich verarschen?!

Endlich ist der grosse Moment da – und dann ist er auch schon wieder weg.
Endlich ist der grosse Moment da – und dann ist er auch schon wieder weg.
Quelle: Universal Pictures

Ich kenne diesen Trick. Kathryn Bigelow hat ihn in «A House of Dynamite» auch angewendet. Schon dort habe ich mich darüber geärgert. Wenigstens hatte Bigelow abr vorgearbeitet: Sie erzählt denselben nuklearen Albtraum – neunzehn Minuten, bis ein Atomsprengkopf in Chicago einschlägt – dreimal, aus drei verschiedenen Perspektiven, und treibt ihre Figuren bis an den Rand, bevor sie uns mit dem offenen Ende, ob der Einschlag jetzt verhindert worden ist oder nicht, alleine lässt.

Das war eine Zumutung. Aber eine verdiente.

«Disclosure Day» unterhält mich zweieinhalb Stunden lang gut – nur um mir plötzlich dieselbe Rechnung hinzuhalten wie «A House of Dynamite». Nur: Womit genau soll ich jetzt dieses offene Ende befüllen? Was hat der Film mir mitgegeben, das mich befähigt, zu beantworten, ob die Menschheit reif genug für die Wahrheit ist oder an ihr zerbrechen wird?

Gut unterhalten sein und zum Nachdenken gebracht werden ist nicht dasselbe, Mr. Spielberg.

Das ist nicht der Spielberg, den wir kennen

Dabei kann’s der Maestro doch so viel besser. Denken wir mal an «Jurassic Park» aus dem Jahr 1993; ein Dino-Film, der nie behauptet hat, mehr sein zu wollen – und trotzdem mehr substanzielle Argumente zu seiner Prämisse liefert als «Disclosure Day». Etwa: «Darf der Mensch Gott spielen, nur weil er’s kann?»

Als Kind fand ich das eine langweilige Szene. Heute weiss ich, dass sie die wichtigste des ganzen Films ist.

Oder «Minority Report», ebenfalls Spielberg: ein Actionfilm über eine Polizeibehörde, die Menschen verhaftet, bevor sie ein Verbrechen begehen. Diesen Film hat Spielberg nicht nur packend inszeniert, er hat damit auch eine der schärfsten Auseinandersetzungen mit Determinismus, freiem Willen und staatlicher Kontrolle geschaffen, die Hollywood je gesehen hat.

Beide Filme – «Jurassic Park» und «Minority Report» – trugen ihre Ambitionen nicht vor sich her. Beide haben sie trotzdem eingelöst. «Disclosure Day» hingegen löst gar nichts ein. Im Gegenteil. Er ist handwerklich makellos, aber inhaltlich folgenlos. Und das tut mir ehrlich gesagt am meisten weh.

Was denkst du? Erfüllt der Film seinen Zweck, oder hat dich «Disclosure Day» am Ende auch enttäuscht? Schreib’s in die Kommentare.

Titelbild: Universal Pictures

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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