Es lebe die Gratiskultur
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Es lebe die Gratiskultur

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 01.07.2020
Bei mir im Quartier gibt’s fast alles «for free». Seit Corona blüht der Tauschhandel, das Trottoir wird zur Shoppingmeile und jeder Spaziergang interessanter. Die alten Sachen erzählen Geschichten.

Ob ein Sofa, Regale und Bücher oder einen Satz Barhocker – im Laufe der letzten Monate hätte ich mir die Wohnung komplett neu einrichten können. Samt Bibliothek, Küche und Kinderzimmer. Für lau, denn das Zeug steht kistenweise an der Strasse. Seit März wird ausgemistet. Die Lockdown-geplagte Nachbarschaft schaut sich zuhause um und handelt nach dem Motto: «Alles muss raus!» Wie im Schlussverkauf ist von echten Schnäppchen bis zu absolutem Ramsch alles dabei.

«Gratis! Zum Mitnehmen!»

Es gibt edle Stücke. Gepflegte Holzkommoden, die keine Werbung nötig haben und auf dem Trottoir seltsam deplatziert wirken. Sie verschwinden schnell. Und es gibt abgehalfterte Pressspanmöbel, die mit dem grosszügigen Hinweis «Gratis! Zum Mitnehmen!» versehen noch drei Tage später im Nieselregen stehen. Irgendeinen Messie werden die Reizworte schon triggern, mag sich der selbstlose Spender denken. Und stellt gleich noch ein paar angesprungene Gläser dazu, die von der nächtlichen Lauf- und Saufkundschaft auf der Strasse zerschmettert werden. Klar, ein paar schwarze Schafe sparen sich nur die Tour zum Recyclinghof.

«Wo gehört das hin?»
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«Wo gehört das hin?»

Doch insgesamt ist die Qualität überraschend hoch. Bei fast allen funktioniert der Filter im Kopf, was den Mitmenschen nicht nur zuzumuten ist, sondern auch Freude bereiten könnte. Wer alle zwei Wochen das Altpapier akkurat gebündelt vor die Tür stellt, gibt sich auch beim Ausmisten Mühe.

Da waren die Halloween-Kostüme, die sorgfältig verpackt, mit Grössen angeschrieben und dem Hinweis «frisch gewaschen» versehen an der Bushaltestelle lagen. Oder eine ganze Einfahrt voll gut erhaltener und sortierter Spielsachen, die jetzt wieder benutzt werden.

Das pompöse Sofa, auf dem wir eine halbe Stunde in der Sonne verbracht und von dem ich gedacht habe, dass es nie verschwinden wird. Es hat die Dämmerung nicht mehr in unserer Strasse erlebt.

Es war wirklich ein Bild von einem Sofa.
Es war wirklich ein Bild von einem Sofa.

Ein Traummann als Ladenhüter

All die Dinge, denen die Vorbesitzer kein Ende in der Müllverbrennungsanlage zumuten wollen. All die Sachen, bei denen der Verkauf für ein paar Franken zu mühsam ist. All der Kram, der doppelt und dreifach im Schrank liegt, findet den Weg auf die Strasse – und vielleicht neue Besitzer gleich nebenan. Mich zum Beispiel.

Ich kann mir nicht helfen. Ich muss schauen, wenn irgendwo «Gratis!»-Kartons stehen. Sie sind voller Geschichten. Manchmal entdecke ich Kuriositäten, wie den «Traummann» als letzten Ladenhüter. Eine Mogelpackung: Die Backform war nicht mehr drin und selbst wenn – es wäre nur ein halber Kerl mit verrutschter Visage gewesen. Kein Verlust, dass er bei uns nicht mehr lieferbar ist.

Back Dir Deinen Traummann
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Birkmann Back Dir Deinen Traummann

Ich stelle mir vor, wie er, als Gag verschenkt, ganz schnell im Küchenschrank verschwand. Bis er eines Tages ausgesetzt und von der neuen Besitzerin verstohlen ohne Karton mitgenommen wurde. Die backt das süsse Sixpack auch genau einmal, dann fliegt er wieder raus. Die Sachen am Strassenrand sorgen für Gesprächsstoff und haben oft eine persönliche Note. Sie sagen: Euch kann ich die hinterste Kellerecke zeigen und die Vasensammlung aus zwei Jahrzehnten anvertrauen, liebe Nachbarn. Bedient euch.

Obwohl ich selbst genug loswerden will, muss ich manchmal zugreifen. An dieser Stelle danke ich für den top erhaltenen Laufradsatz samt Schläuchen und Bereifung, zwei Mountainbike-Handlebars und einen Käsehobel. Ich weiss genau, dass ich maximal einen «Tête de Moine» kaufen und damit hobeln werde, bevor er ungenutzt rumsteht. Das verbindet mich mit den Vorbesitzern. Aber was soll's, dann steht er halt bald wieder an der Strasse. Natürlich «for free». Für den Moment will ich hier nur meine Meinung loswerden: Weitergeben macht glücklich!

Der ist doch noch gut!
Der ist doch noch gut!

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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