Liebeserklärung an das Laufen
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Liebeserklärung an das Laufen

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 26.01.2021
Seit sieben Jahren laufe ich. Doch nun ist bald Schluss damit. Eine Liebeserklärung zum Abschied von meinem Lieblingssport.

Vor sieben Jahren gab ich das Rauchen auf und begann mit dem Schoggiessen. Resultat: zehn Kilo mehr auf der Waage. Blöd. Schliesslich entwöhnte ich mich auch von Milky Way und Co. und schnürte stattdessen die Laufschuhe. Seither kamen einige tausend Kilometer auf den Tacho. Bis zur Milchstrasse wird's nicht gereicht haben, aber immerhin.

Weil mein linkes Knie kaputt ist, muss ich nun jedoch mit dem Laufen aufhören. Mit Knorpelschaden und Arthrose kann ich zwar noch ein bisschen jöggerle, aber an ambitioniertes Laufen ist nicht mehr zu denken. Sonst riskiere ich ein künstliches Kniegelenk. Und da habe ich (noch) keinen Bock drauf. Den hätte ich aktuell aber extrem ausgeprägt aufs Laufen. Darum schnüre ich zum Abschied nochmals die Laufschuhe, mache mich ein letztes Mal auf meine Hausrunde und lasse in der nächsten Stunde die vergangenen Jahre Revue passieren.

Von Dinosauriern und Schlitten

Kaum bin ich unterwegs, bricht ein kleiner Wintersturm los. Einer der Gründe, warum ich das Laufen liebe: die Elemente. Ich bin Stadtmensch, verbringe meine Zeit im Grossraumbüro oder aktuell im Homeoffice. Also drinnen. Sitzend. Draussen bin ich Jäger und Sammler. Ich renne, also bin ich. Spüre mich und die Welt um mich herum. Kälte und Schnee im Winter. Sonne, Hitze und Schweiss im Sommer.

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Meine Joggingrunde führt mich zum alten Wasserturm auf dem Basler Bruderholz. Eine der markanten Landmarks hier und in unmittelbarer Nachbarschaft eines Zeitgenossen, der mich ebenfalls ans Jagen und Sammeln erinnert. Der 23 Meter lange Diplodocus war eine Schenkung des Naturhistorischen Museum Basel an den lokalen Quartierverein. Auch das einer der Vorzüge des Laufens: Man kommt rum und entdeckt seine Stadt neu.

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Viele Erinnerungen sind mit diesem Ort verbunden. Mit meiner Tochter, unterdessen im Teenageralter, ging ich hier zum ersten mal schlitteln. Sie muss damals ungefähr zwei Jahre alt gewesen sein und wir hatten einen Riesenspass. Auch die ersten zaghaften Spaziergänge mit unserem Hund fanden vor Jahren beim Wasserturm statt. Es war Sommer, der Podenco kam aus dem Tierschutz zu uns und wir waren zu Beginn heillos überfordert mit ihm.

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Denken, nicht rennen

Für mich war das Laufen immer auch eine Art der Psychohygiene. Schreibblockade? Laufschuhe schüren, loslaufen, den Gedanken freien Lauf lassen. Kopf lüften, Dinge ins rechte Licht rücken. Neue Perspektiven finden. Oft hatte ich das Gefühl, denken zu gehen, nicht rennen. Unterdessen bin ich auf dem Rückweg und plötzlich kommt mir mein Hund freudig wedelnd entgegen. Er ist mit meiner Frau auf dem Spaziergang. Ich könnte weinen vor Glück und muss doch weiterlaufen. Wenigstens dieses eine letzte Mal noch.

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Mein Weg führt vorbei am Sonnenbad St. Margarethen oder einfach Sunnebeedli, wie es die Locals liebevoll nennen. Hier im altehrwürdigen Freiluftbad über den Dächern der Stadt hat meine Tochter schwimmen gelernt und ich mir manchen Sonnenbrand eingefangen.

Bald bin ich wieder zuhause, als unvermittelt die Wolkendecke aufreisst und die Sonne durchdrückt. Ich bleibe stehen und sauge diesen Moment in mich auf. Der wichtigste Grund, warum ich das Laufen liebe: Es macht mich demütig angesichts der Natur um mich herum. Dann ist Schluss und ich bin wieder daheim. Ein bisschen dehnen, ausschwitzen, die Schuhe putzen. Reflexartige, hundertfach ausgeführte Handlungen. Sie helfen, nicht sentimental zu werden. Dann setze ich mich hin und beginne zu schreiben.

Ich werde das Laufen vermissen.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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