Lost in Leshnikovo oder ein Traumstart in Bulgarien
ReportageSport

Lost in Leshnikovo oder ein Traumstart in Bulgarien

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 28.01.2021
Lous und Julen träumen von einem Bike-Trip entlang der alten Seidenstrasse. Weil die Grenzen zu sind, sind sie offen für alles und erkunden den Osten auf Umwegen. Kaum in Bulgarien, stolpern sie aus dem tiefsten Wald in eine Dorfparty.

Das hier wird eine Zeitreise in eine fast vergessene Welt. Mit feiernden Menschen, Gesellschaft und Begegnungen. Momentan erscheint das Leben wie eingefroren, manche Momente sind zäh wie Kaugummi, in anderen Situationen verfliegen die Stunden, Tage und Wochen geradezu. Um die Relativität der Zeit zu spüren, musst du kein Einstein sein. Und deshalb ist mir relativ egal, dass Lous und Julen, um deren Geschichte es hier geht, längst wieder gemeinsam in Zürich auf dem Sofa sitzen. Stillstand nach Monaten im Sattel. «Es ist ein grosser Gegensatz zum Leben, das wir gewohnt waren», sagt Julen. «Für Körper und Geist ist die Umstellung schwierig», hat Lous festgestellt. Zum Glück gibt es Erinnerungen. Spulen wir einfach ein paar Monate zurück und machen da weiter, wo wir aufgehört haben: In der Türkei, im Spätsommer, in der grossen Freiheit einer Reise, bei der der Weg das Ziel ist. Denn das eigentliche Ziel, eine Bike-Tour entlang der Seidenstrasse, ist in Covid-Zeiten ohnehin unerreichbar.

Bikepacking ins Ungewisse: *«Bis auf die Grenzen ist alles offen»**
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Bikepacking ins Ungewisse: «Bis auf die Grenzen ist alles offen»

Kirgisistan? Griechenland? Bulgarien!

Die grenzenlose Freiheit gibt es nicht mehr, aber Lous und Julen loten buchstäblich Grenzen aus. Von Istanbul aus geht es in den Osten, bis der Iran in Sichtweite ist. Und ganz nach oben, bis auf den höchsten Gipfel. Weiter entlang der Seidenstrasse kommen sie auf dem Landweg nicht. Die Länder machen dicht. Nach dem Wendepunkt folgen Wochen entlang der Schwarzmeerküste, Lous und Julen wenden sich wieder in Richtung Westen. Neue Entscheidungen stehen an. «Die Türkei war grossartig, aber wir wollten gerne etwas Neues entdecken», sagt Lous. Ein Flug nach Kirgisistan scheitert, es sind komplizierte Zeiten, die Einreisebestimmungen strikt. Türken und Schweizer dürften rein, für EU-Bürger wie die Niederländerin und den Spanier heisst es: leider nein. «Keine Chance für euch, haben sie uns bei der Botschaft gesagt», erzählt Julen.

Wenn die Sonne im Marmarameer versinkt und kurz darauf an der gleichen Stelle der Mond aufgeht – Lous und Julen haben mal wieder einen schönen Schlafplatz gefunden.
Wenn die Sonne im Marmarameer versinkt und kurz darauf an der gleichen Stelle der Mond aufgeht – Lous und Julen haben mal wieder einen schönen Schlafplatz gefunden.

Der noch fernere Osten ist vorerst unerreichbar. «Dann wollten wir nach Griechenland und sind am Marmarameer entlang gefahren», erinnert sich Lous. Kurz vor der Grenze kommt der nächste Rückschlag für ihre Reisepläne. «In einem Restaurant haben wir erfahren, dass der Übergang schon lange geschlossen ist.» Also heisst es einmal mehr: umdrehen, weitersehen und optimistisch bleiben. Der Trip in diese schöne Sackgasse wäre zu vermeiden gewesen, trotzdem bereuen Lous und Julen ihn nicht: «Wir haben an der Küste tolle Orte entdeckt.»

Warnschild im türkisch-griechischen Grenzgebiet: Reisebeschränkungen bleiben zu Corona-Zeiten ein schwieriges Thema.
Warnschild im türkisch-griechischen Grenzgebiet: Reisebeschränkungen bleiben zu Corona-Zeiten ein schwieriges Thema.

Es ist bereits die vierte geschlossene Grenze, die ihren Plänen im Weg steht. Viele Optionen bleiben nicht mehr. Mit Gegenwind im Gesicht und Hoffnung im Gepäck streben Lous und Julen Bulgarien entgegen. Ein beschwerlicher Weg, der sich lohnt, weil diese Grenze tatsächlich offen ist. Mit etwas Wehmut und dankbar für unfassbar grosse Gastfreundschaft verlassen sie die Türkei. Ein neues Abenteuer auf dem Balkan beginnt. Und wie. «Der erste Tag dort war fantastisch», sind sich beide einig.

Nach gut zwei Monaten und mit vielen schönen Erinnerungen verlassen Lous und Julen die Türkei.
Nach gut zwei Monaten und mit vielen schönen Erinnerungen verlassen Lous und Julen die Türkei.

Party auf Umwegen

Nach zwei Monaten ein neues Land, das heisst, sich neu zu orientieren und den Alltag unterwegs zu organisieren. Genaue Pläne machen Lous und Julen nicht. Der Zufall darf mitspielen, und so starten sie abseits der Hauptstrasse. «Wir wollten etwas offroad fahren, es sah machbar aus», erzählt Lous. Schnell machen die beiden Bekanntschaft mit Bulgariens beeindruckend dichten Wäldern. «Irgendwann haben wir uns gefragt: Siehst du noch so etwas wie einen Weg? Wir waren mitten im Gestrüpp. Einer musste die Äste zur Seite biegen, der andere die Velos schieben.»

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Die beiden kämpfen sich durchs Dickicht und können den Weg nur noch erahnen: «Wir hatten immer noch GPS, hingen aber im Wald fest.» Zerkratzte Haut, drei platte Reifen und kein Ausweg in Sicht – es gäbe einige Gründe, diese bulgarische Begrüssung zu verfluchen. «Zweieinhalb Stunden lang konnten wir die Bikes nur schieben oder tragen, es wurde langsam dunkel, wir hatten wenig Wasser und nur etwas Reis», erinnert sich Julen. Doch beide haben gelernt, Widerstände zu überwinden. Irgendwie kommen sie da durch, irgendwo endet auch der finsterste Wald, irgendwann wendet sich das Blatt. Mit diesem Urvertrauen schlagen sie sich weiter durch die Büsche, bis sie wieder auf einen Weg gelangen, der diesen Namen verdient. Statt einer Nacht im Unterholz lockt das nächste Dorf, welches sie gegen 20 Uhr erreichen. Leshnikovo. Ein kleiner Fleck auf der Landkarte, der grosse Überraschungen bereithält.

Whisky die ganze Nacht

«Zwei alte Männer sassen vor der Bar, die noch geschlossen hatte», erzählt Lous. «Wir haben gefragt, ob wir zelten dürfen und sie meinten: Kein Problem, das Haus da drüben ist verlassen, da könnt ihr euer Zelt aufschlagen.» Viel mehr wünschen sich die müden Reisenden nicht. Aber die Fremden, die beginnen, ihre zerstochenen Schläuche zu flicken, sind schnell eine lokale Attraktion. «Es kamen immer mehr Leute vorbei, von denen leider niemand Englisch sprach. Plötzlich kam einer mit Flickzeug, einer mit einer Lampe und mit einer Pumpe. Wir haben nach nichts gefragt, aber sie kamen einfach und haben geholfen.»

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Erst irgendwo im Nirgendwo, dann plötzlich Mittelpunkt des Dorflebens und kurz darauf schon auf einer rauschenden Party. Für Geschichten wie diese lohnt sich das Reisen abseits der grossen Touristenrouten. «Irgendwann kam ein Finne, der sehr gut Englisch konnte», sagt Lous. «Er hatte an diesem Tag ein Haus gekauft und das musste gefeiert werden, wie immer, wenn im Dorf etwas passiert. Also gab es Whisky die ganze Nacht. Kurz darauf sassen wir mit 30 der 79 Einwohner zusammen in der Bar.» Es ist eine Szene aus einer fast schon vergessenen Zeit, die für Lous und Julen vier Monate später ebenfalls weit weg ist: «Im September war Corona in Bulgarien kaum ein Thema, die Fallzahlen waren sehr niedrig. Es hat sich angefühlt, als wären wir in einer anderen Welt.»

(Fast) das ganze Dorf ist da: Henry aus Finnland feiert seinen Hauskauf in Leshnikovo.
(Fast) das ganze Dorf ist da: Henry aus Finnland feiert seinen Hauskauf in Leshnikovo.

Also wird angestossen. Mit Henry, dem Finnen, der das Leben in Leshnikovo zu schätzen gelernt hat. Ganze 28 Mal in vier Monaten hätten die Bewohner einen Grund zum Feiern gefunden, vertraut er den Durchreisenden an, die die Nacht nicht im Zelt verbringen müssen. «Am Ende war der Bürgermeister da und hat uns zu sich nach Hause eingeladen», erzählen die beiden. Was für ein Luxus, wenige Stunden nach der Irrfahrt im Wald. Eine Nacht beim Bürgermeister, ein Frühstück bei Henry und zehn gemeinschaftlich geflickte Löcher in den Schläuchen später steht der Abschied an. Von einem Ort, der vermutlich in keinem Reiseführer steht und doch eine Reise wert war. Willkommen in Bulgarien.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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