Primadonna Soul: De'Longhis smarte Kaffee-Fee mit App-Potenzial

Primadonna Soul: De'Longhis smarte Kaffee-Fee mit App-Potenzial

Martin Jungfer
Martin Jungfer
Zürich, am 03.12.2020
Wenn du deutlich über 1000 Franken in eine Kaffeemaschine investierst, ist es mit einfach nur gutem Kaffee als Ergebnis nicht mehr getan. Vollautomaten-Hersteller De’Longhi hat deshalb die «Bean Adapt»-Funktion erfunden und in die Primadonna Soul gepackt. Ich habe die Maschine getestet.

Wir haben in der Redaktion mit Simon Balissat einen ausgewiesenen Kafficionado. Er ist der Dompteur der Siebträger-Maschinen, unser Koordinator im Kaffeebohnen-Universum, der Mann, in dessen Venen Koffein fliesst. Ihm einen Kaffeevollautomaten in die Wohnung zu stellen – nein, das sollte man nicht tun. Haben wir auch nicht. Deshalb teste ich für dich die neue Primadonna Soul von De’Longhi. Während Barista Balissat mit Kaffeeröstern fachsimpelt, freue ich mich über das Paket aus Norditalien.

Ich gehöre zu den Menschen, auf die man vom Olymp der Siebträger mit einer Mischung aus Mitleid und Missgunst herabblickt. Ich habe nämlich keine Zeit (oder mag sie mir nicht nehmen), Bohnen in der Mühle in Pulver zu verwandeln, in einen Siebträger zu drücken, am besten aufs Gramm genau, und mir dann an heissen Reglern die Finger zu verbrennen, bis der Kaffee ins Tässchen rinnt.

Bei mir ist De’Longhi mit seiner Marketing-Botschaft an den genau Richtigen geraten. «Der 4,3 Zoll grosse TFT-Touchscreen zeigt die Getränke basierend auf Ihrer Benutzung an. So ist Ihr Lieblingsgetränk immer sofort auf Knopfdruck verfügbar.» Jawohl, so mag ich das. Personalisiert und einfach. Und weiter geht’s: «Das elektronische Thermoblock-System garantiert die optimale Brühtemperatur für Ihre Kaffeegetränke und übernimmt die Dampferzeugung für Milchgetränke.» Gernau! Sollen sich doch andere ihre Hände verbrühen. Und der krönende Abschluss: «Mit integrierter Reinigungsfunktion für maximale Hygiene. Nach jeder Zubereitung werden alle Teile, die mit Milch in Berührung kommen, automatisch gereinigt.» Konkret wird Dampf durchs System gejagt, bis auch der letzte Tropfen Milch draussen ist. Nehmt das, ihr Milchkännchen-von-Hand-Schrubber!

Taugt die Primadonna Soul als Ersatz?

Also, jetzt weisst du, in welche Schublade ich passe. Ich bin Vollautomatenkaffeetrinker. Womöglich schlummert tief in mir sogar der Wunsch, virtuos zu sein. Aber mein Cappuccino am Morgen hat irgendwo zwischen Bestücken der Znüni-Box und erstem Videocall seinen Platz einzunehmen. Und auch der Espresso nach dem Zmittag muss schnell gehen.

Deshalb stand bisher schon einige Jahre lang eine Primadonna in unserer Küche. Das XS-Modell verrichtete treu seinen Dienst, war aber zuletzt wie ein alterndes Model nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Etwas arg wässrig kam der Espresso zuletzt daher. Stattdessen durfte die Neue im Haus einige Wochen lang zeigen, was sie konnte. Derweil wurde die XS in den Keller verfrachtet. Dort bleibt sie jetzt auch. Allerdings nicht, weil ihr das Soul-Modell den Platz weggenommen hat. Die hat uns zwar qualitativ überzeugt, aber ihre etwas ausladenden Proportionen waren dann doch so, dass wir uns für ein kleineres De’Longhi-Modell entschieden haben.

Beginnen wir am Anfang, beim Auspacken und Installieren. Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber mir graut es immer davor. Da hat man ein gut laufendes System, kennt sich mit der Maschine aus. Und dann willst du das alles aufgeben? Etwas Überwindung kostet das natürlich. Eines Mittags holte ich mit Hilfe meiner Frau die gut in Styropor verpackte Maschine dann doch ans Tageslicht. Zack, aufgestellt! Stromkabel anschliessen, Wassertank und Pulverauffangschale einsetzen, Bohnen einfüllen. Und aufs Startknöpfchen gedrückt. Menü-Sprache gewählt – und los ging’s. Erst einmal ohne App-Unterstützung. Wir wollten einen ersten Espresso probieren.

Alt und neu: die bisherige Primadonna XS im Vergleich mit dem Soul-Modell.
Alt und neu: die bisherige Primadonna XS im Vergleich mit dem Soul-Modell.

Das hat hervorragend geklappt. Zehn Minuten nach dem Öffnen des Kartons war der Apparat in Gang. Das anderthalb Pfund schwere Paket mit Anleitungen in allen möglichen Sprachen blieb unberührt. Okay, du wirst sagen, dass so ein Vollautomat auch von einem Schimpansen mit mittlerer Bildung beherrscht werden könnte. Trotzdem hat De’Longhi in Sachen Bedienung und Hardware in meinen Augen einen guten Job gemacht.

Gegenüber der vier Jahre alten Primadonna XS fallen einige Verbesserungen auf:

  • Der Wassertank wird vorne eingesetzt.
  • Ich kann den Füllstand der Bohnen besser erkennen.
  • Der Milchbehälter lässt sich füllen, ohne ihn abzudocken – hilfreich bei Milchschaum-Orgien.
  • Ist der Milchbehälter nicht angeschlossen, kann ich den Anschluss mit einer Klappe abdecken.

Ein Lob an die Produktdesigner mit ästhetischem Flair.

Praktische Lösung für Vielschäumer: Nachfüllen ist per Klappe im laufenden Betrieb möglich.
Praktische Lösung für Vielschäumer: Nachfüllen ist per Klappe im laufenden Betrieb möglich.

Viel Auswahl bei den Getränken, inklusive eine ganze Kanne voll Kaffee

Für Cappuccino-Trinker ist gesorgt. Und für fast alle anderen auch. Das Auswahl-Menü umfasst 19 vorprogrammierte Getränke, wobei man da sehr grosszügig alles mitgezählt hat. Inklusive der nicht sehr unterschiedlichen Getränke mit dem Namen «heisses Wasser» und «Tee Funktion», die auch nur, ja, richtig, heisses Wasser spenden. Lob bekommt die Soul von mir für das Schwiegereltern-Getränk «Kaffeekanne». Sind diese zu Besuch muss der schwarze Sud literweise zubereitet werden. Eine passende Kaffeekanne ist im Lieferumfang nicht enthalten, kann aber natürlich extra gekauft werden.

Wenn dir die Auswahl an Getränken nicht genügt oder du der Meinung bist, dein Espresso müsste fünf Milliliter weniger oder mehr enthalten, kommt die App ins Spiel. Falls du nicht am Display an der Maschine selbst herumdrücken willst. Kannst du auch, ist aber nicht ganz so fancy.

Also, die App. Hier sollte De’Longhi noch einmal nachlegen. Auf meinem iPhone X funktioniert sie. Aber sie lädt manchmal unerklärlich lange beim Wechsel der Menüs. Oder es startet, wenn ich per Fingertippen das Getränk «bestellt» habe, eine schöne Animation, die den Mahlvorgang der Bohnen darstellt, und dann springt der Screen auf «Getränk fertig», wo ich beim Blick zur Maschine bestenfalls den Espresso aus der Maschine laufen sehe. Bei den erklärenden Texten wünschte ich mir, hätte jemand diese verfasst, der das gelernt hat. So liest man Sachen wie:

«Die Optimierung Ihrer Maschine ist beendet. Wenn Sie ein anderes Ergebnis erzielen möchten, können Sie die Extraktionseinstellungen Ihrer Bohnen in der Bean-Adapt-Sitzung anpassen.»
Formulierungskunst von De’Longhi

So in etwa kann ich mir schon vorstellen, was mir das Teil sagen will. Aber mit «in etwa» bin ich eben nicht zufrieden bei einer Maschine in der Preisklasse über 1000 Franken. Auch nicht, wenn mein personalisierter Espresso in der Übersicht der Getränke nicht als «Espresso forte» angezeigt wird, wie ich es eingetippt habe, sondern in der Übersicht zum «Espresso f» wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der vollständige Name des Default-Getränks «Espresso macchiato» mehr Buchstaben hat.

Warum zeigt die App nicht den von mir liebevoll vergebenen vollen Namen (rechts unten) an? Mein «Espresso forte» ist doch kein «Espresso f».
Warum zeigt die App nicht den von mir liebevoll vergebenen vollen Namen (rechts unten) an? Mein «Espresso forte» ist doch kein «Espresso f».

Weil ich gerade so schön in überkoffeinierter Stimmung bin: einige Worte zur Bean-Adapt-Funktion. Ohne Marketing-Blabla formuliert handelt es sich dabei um Einstellungen, die die Maschine passend zur Art der Bohnen vorschlägt. Hast du also zum Beispiel ein Päckchen 100% Arabica in den Bohnenbehälter gekippt, kannst du das der Maschine mitteilen. Sie wird dann ihr «Wissen» über diese Art Bohnen in einen bestimmten Mahlgrad, eine geeignete Kaffeemenge und Infusionstemperatur übersetzen. Die «Erkennung» der Bohnen gelingt der Maschine mit einem einfachen Trick: Du als Besitzer musst nämlich in einem ersten Schritt der App angeben, ob du 100% Arabica oder eine Arabica-Robusta-Mischung hast. Und im zweiten Schritt bestimmst du den Röstgrad: von «leicht» bis «dunkel» in vier Stufen. Dabei hilft ein «Röstfarben-Kit», also eine Farbschablone.

Lustiges Braunton-Raten mit Röstfarbenschablone.
Lustiges Braunton-Raten mit Röstfarbenschablone.

Sind die Einstellungen erledigt, brühst du den Espresso. Wenn dir das Ergebnis in der Tasse nicht gefällt, führt dich die App, um das Ergebnis deinem Wunsch anzupassen. Wenn die Crema zu hell oder zu dunkel ausfällt, oder wenn dir der Espresso zu wässrig oder auch zu kräftig-bitter ist, passt die Maschine die Einstellungen an. Smart bist also du und nicht die Maschine.

Fazit: Guter Kaffee, schlechte App

Genug um den heissen Kaffee herumgeredet – hier kommt mein Fazit nach fünf Wochen und überproportional vielen Espressos pro Tag. Die Primadonna Soul macht in der Küche eine gute Figur. Der Schweizer Vollautomaten-Hersteller Jura mag Gehäuse mit mehr Stil bauen, eine echte Siebträger-Maschine bringt mehr Italianità in deine Küche. De’Longhi offeriert hier die vernünftige Mitte. Allerdings hätte ich für deutlich mehr als 1000 Franken schon etwas mehr erwartet als Kunststoff mit Metall-Look.

Das Ergebnis, das die De’Longhi liefert, lässt für mich keine Wünsche übrig. Der Espresso hat eine schöne Crema, bei den Kaffee-Milch-Mischungen liefert die Maschine stabilen Milchschaum, und das sogar aus Hafer- und Sojamilch. Die Bean-Adapt-Funktion ist eine nette Spielerei. Mittels App lässt sich das Ergebnis verbessern oder zumindest individualisieren. Die Bohnen-Erkennung verkürzt den Prozess zur optimalen Einstellung ein wenig. Hast du sie gefunden, wirst du vermutlich nicht mehr daran herumspielen. Im Alltag überzeugender als die technisch noch nicht ausgereift wirkende App samt «Bean Adapt» sind die kleinen, praktischen Verbesserungen von Milch- bis Wassertank und Display.

Für Haushalte mit mehr als zwei Kaffeetrinkern (oder mit mindestens einem exzessiven) ist die Primadonna Soul eine gute Wahl. Dann stört dich auch nicht, dass zum Beispiel der Milchbehälter nur quer ins Standard-Getränke-Fach des Kühlschranks passt und den Platz von zwei Flaschen Wein braucht.

Der Milchbehälter fasst viel Milch. Und er braucht viel Platz im Kühlschrank.
Der Milchbehälter fasst viel Milch. Und er braucht viel Platz im Kühlschrank.

Du bist in diesem Fall auch bereit, der wuchtigen Kaffee-Fee in deiner Küche einen Stellplatz von 26 mal 46 Zentimetern freizuräumen. Und du wirst dich dann auch darauf freuen, wenn die App sich in hoffentlich bald erscheinenden neuen Versionen klarer ausdrückt und schneller lädt. Dann ist der Spass beim «Bestellen» eines Kaffees per Fingertippen aus dem Homeoffice-Büro im Obergeschoss noch unbeschwerter. Vorausgesetzt du warst smart genug und hast irgendwann vorher eine Kaffeetasse unter den Kaffeeauslauf gestellt.

10 Personen gefällt dieser Artikel


Martin Jungfer
Martin Jungfer

Head of Content, Zürich

Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren