
Profi-Läuferin Kim Schreiber: «Ein Buch zu schreiben, war lange mein Traum»
Profi-Läuferin Kim Schreiber hat ihr erstes Buch «Off Track» veröffentlicht. Neben persönlichen Erfahrungen enthält es Portraits von Grössen der Trailrunning-Szene und Beschreibungen ikonischer Strecken. Wie sie ihre beiden Leidenschaften, das Laufen und Schreiben vereint, verrät sie im Interview.
Kim (Kimi) Schreiber ist neben ihrer professionellen Laufkarriere freiberufliche Texterin und Autorin. Sie läuft seit acht Jahren für das internationale Adidas-Trailrunning-Team und gehört laut UTMB-Index zu den Besten der Welt. Kim lebt in München und hostet mit ihrer Freundin und Laufkollegin Ida-Sophie Hegemann den Trailrunning-Podcast «Höhenmeter pro Kilometer». Im Interview erzählt sie mir über die grössten Highlights und Herausforderungen ihrer Karriere.
Du bist Autorin und professionelle Trail-Läuferin. Beides sind anspruchsvolle Berufe. Wie lebt es sich mit der Kombination?
Kim Schreiber: Sehr gut. Es war lange ein Traum von mir, ein Buch zu schreiben. Vielleicht klingt es ein bisschen doof, aber manchmal reicht es für mich nicht aus zu sagen: «Ich bin Profi-Trailrunnerin». Deshalb finde ich es schön, noch anhängen zu können: «Und jetzt auch frischgebackene Autorin».
Wie sieht das im Alltag aus?
Ich bin absolut happy damit. Laufen und Schreiben bereichern mein Leben gleichermassen. Das war schon an der Uni so. Wenn ich vom Lernen den Kopf voll hatte, bin ich gelaufen. Anschliessend konnte ich wieder still sitzen und mich konzentrieren. Das ist immer noch so. Wenn ich die Bewegung nicht hätte, könnte ich sicher auch nicht so viel schreiben.

Quelle: Dan King
Zurück zu den Anfängen. Wie bist du zum Trailrunning gekommen?
Meine Mama ist viel gelaufen. Ich habe es mir bei ihr quasi abgeschaut. Als ich 2016 nach Bamberg gezogen bin, bin ich einem Laufverein beigetreten. Ein damaliger Kumpel, der Trailrunner im Adidas-Terrex-Team war, hat mich mit in die Fränkische Schweiz genommen. Er dachte, dass mir das Laufen auf Trails gefallen könnte. Aber tatsächlich habe ich es schon länger gemacht, ohne zu wissen, dass es so heisst. Ich bin schon immer gerne im Wald gerannt und bin auch viel in den Bergen gewesen. Also war Trailrunning schon immer ein bisschen Teil meines Laufens, ohne dass ich es bewusst so genannt habe.
Du bist ja viel unterwegs, zum Training und auf Wettkämpfen. Beispielsweise auf Madeira oder in Südafrika. Ist Trailrunning auch eine Art für dich, die Welt zu entdecken?
Ja, auf jeden Fall. Es gibt viele Orte, zum Beispiel in den USA, in Kalifornien, die ich durchs Laufen kennenlernen durfte und die ich ohne den Sport wahrscheinlich nie gesehen hätte. Ich lerne auch neue Menschen und Kulturen kennen. Gerade in Südafrika, in Kapstadt, gibt es eine Community, die wahnsinning warmherzig ist und mich gleich willkommen geheissen hat. All diese Begegnungen und Freundschaften, die ich durchs Laufen geschlossen habe, sind ein ganz grosses Geschenk.

Quelle: Callwey
Was bedeutet dir der Laufsport?
Er hat mir schon immer eine willkommene Auszeit von meinem Alltag gegeben. Er war auch mein Rückzugsort in einer Zeit, in der ich sehr unsicher war und noch nicht so richtig wusste, was ich eigentlich vom Leben will. In diesen Zeiten hat mich das Laufen immer begleitet. Natürlich ist es inzwischen viel mehr als das. Ich habe durch den Sport meine Sponsoren gefunden und verdiene mein Geld damit. Er hat mir so viele Türen geöffnet, zum Beispiel zu einem Podcast und jetzt auch zu einem Buch.
Du gehörst laut UTMB-Index zum Top-1-Prozent der Frauen. Was waren deine bisher schönsten Erfolge?
Das würde ich gar nicht an einem Wettkampf festmachen. Es ist eher die Summe von allem, was bisher durchs Laufen entstanden ist. Ich war eine Zeit lang unzufrieden und immer auf der Suche. Inzwischen bin ich angekommen und bin glücklich in München. Wenn ein Wettkampf mal nicht so gut läuft, bekomme ich nicht gleich eine Sinnkrise, und das ist für mich schon ein extrem schöner Erfolg. Wenn ich jetzt enttäuscht bin, weil es nicht so gut gelaufen ist, weiss ich, dass das daher kommt, dass ich mit so viel Herzblut dabei bin.
Gibt es Rennen, an die du dich besonders gern erinnerst?
Der Schnalstal-Trail war sehr anspruchsvoll und sehr alpin. Ich dachte, die Strecke liegt mir gar nicht und am Ende des Tages habe ich die 51 Kilometer mit 4500 Höhenmetern als erste Frau gefinisht. Der Schnalstal-Trail und der Koasa-Marsch waren beides Rennen, die wahnsinnig anspruchsvoll waren und die meinem Selbstbewusstsein gut getan haben. Auch beim Broken Arrow in den USA und in Südafrika hatte ich richtig gute Rennen. Das sind alles richtig coole Erfahrungen.
Beim Koasa-Marsch in Tirol hast du die 55-Kilometer-Distanz als Erste im Gesamtklassement beendet. Und dabei noch 3900 Höhenmeter zurückgelegt. Wie hast du das erlebt?
Die Strecke ist unglaublich schön und brutal. Ich hatte einen richtig guten Tag. 2017 bin ich beim Koasa-Marsch mein erstes Trailrennen überhaupt gelaufen. Und dann 2025 bei der Jubiläumsausgabe zu gewinnen, war schon etwas Besonderes.
Einen weiteren Erfolg hast du in der Schweiz gefeiert. Beim Swiss Canyon Trail bist du auf der 31-Kilometer-Strecke auch auf den ersten Platz gelaufen.
Der Swiss Canyon Trail war auch deshalb wichtig, weil es vorher beim Transvulcania auf La Palma nicht ganz so gut gelaufen ist. Die 31-Kilometer-Distanz beim Swiss Canyon zu gewinnen, hat mir danach viel bedeutet. Es war sehr heiss und es war ein super schnelles Rennen. Die Startzeit am Nachmittag liegt mir eigentlich gar nicht. Und dann war es ein so gutes Rennen. Was mir bei den Wettkämpfen in der Schweiz gefällt, ist, dass es neben dem Preisgeld immer coole Preise gibt, zum Beispiel Käse. Ich komme sehr gern in die Schweiz, weil ich mich dort immer wertgeschätzt fühle, das war bisher bei jedem Rennen so, auch beim Davos-X-Trails 2025.

Quelle: My Visual
Der OCC, Teil der UTMB Finals und eines der wichtigsten Rennen der Saison, liegt nun ebenfalls hinter dir. Wie hast du das Rennen erlebt?
In diesem Jahr wollte ich dieses Jahreshighlight leichter angehen und mir erlauben, die Herausforderung zwar anzunehmen, aber dabei nicht meine Liebe zum Laufen zu verlieren. Das habe ich geschafft. Leider hatte ich wieder einmal mit Krämpfen zu kämpfen. Dennoch ist das Finish als 12. Frau eines, womit ich zufrieden bin. Während des Laufens war ich im Hier und Jetzt, konnte die Stimmung und die einzigartige Kulisse aufsaugen und darin aufgehen. Dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar.
Was war die wichtigste Lektion, die du bisher beim Trailrunning gelernt hast?
Es fällt mir immer noch nicht so leicht, aber für mich ist es: Nicht so sehr auf die anderen schauen. Mir ist es schon oft passiert, dass ich zu schnell losgelaufen bin, weil ich auf die anderen geschaut habe oder komplett von meiner Strategie und meinem Bauchgefühl abgewichen bin und dann hatte ich immer ein schlechtes Rennen. Deshalb arbeite ich daran, wirklich mein Rennen zu laufen und mich auf meine Stärken zu konzentrieren, egal, ob die anderen von Anfang an lossprinten.
Du hast ja einige Sponsoren und bist im Adidas und im Blackroll-Team. Wie war für dich der Schritt von der ambitionierten Amateurläuferin zum Profi?
Meinen ersten Vertrag mit Adidas habe ich 2019 unterzeichnet. Das war aber in ganz kleinem Rahmen, da ging es um Schuhe, Kleidung und etwas Taschengeld. Ich habe zu der Zeit noch für Magazine gearbeitet. Vollzeit zu arbeiten und auf hohem Niveau zu trainieren, war irgendwann einfach nicht mehr möglich. Ich habe zum Teil nur drei Stunden geschlafen, weil ich vor und nach der Arbeit trainiert habe. Da ist Adidas mir entgegengekommen und ich musste nicht mehr Vollzeit arbeiten. Das war auch der Punkt, an dem ich mich fürs Laufen entschieden habe und das Schreiben für den Moment etwas reduzieren wollte. Es war aber ein Prozess und es hat noch einige Zeit gedauert, bis ich wirklich vom Laufen leben konnte.
Wolltest du schon immer Laufprofi werden?
Nein, das hatte ich nie geplant (lacht). Ich war schon immer sportlich und habe auch Sport-Abitur gemacht. Aber das war kein Ziel, auf das ich zehn Jahre hingefiebert habe. Als Adidas mich dann gesponsert hat, dachte ich: «Das ist eine einmalige Chance». Ich bin sehr glücklich, dass ich zur richtigen Zeit das richtige Angebot bekommen habe. Das ist nicht selbstverständlich. Witzigerweise hatte ich vorher noch Gespräche mit einem lokalen Einzelhändler, der aber fand, ich hätte noch nicht genug Erfolge vorzuweisen. Im Nachhinein bin ich froh, dass das nicht geklappt hat.
Stichwort Profi. Das Trailrunning wird immer beliebter und gleichzeitig auch professioneller. Für Freizeitläuferinnen ist es teilweise schwer, einen Startplatz bei grösseren Rennen zu bekommen. Wie siehst du diese Entwicklung?
Es gibt immer noch Überraschungsergebnisse. Gerade ist Morven Goodrum beim Sierre-Zinal Dritte geworden, nachdem sie das Rennen lange Zeit angeführt hat. Ohne Sponsor und ohne lange Erfahrung im Trailrunning. Aber das gibt es nicht oft. Generell ist es schon so, dass die Rennen kompetitiver werden und es weniger wahrscheinlich ist, dass Hobbyläuferinnen oder -läufer vorne dabei sind.
Ein Podiumsplatz muss ja auch nicht für alle das Ziel sein. Viele Leute lieben das Laufen in den Bergen und lassen sich gerne von Profis wie dir inspirieren. Zum Beispiel im Podcast «Höhenmeter pro Kilometer», den du mit Ida-Sophie Hegemann machst.
Als mich Ida gefragt hat, hatte ich Zweifel, ob uns überhaupt jemand zuhört. Aber ich fand die Idee super schön, und inzwischen bin ich sehr dankbar, wenn ich sehe, wie viele Menschen uns hören und wie viel Feedback wir bekommen. Bei einem Lauf am Wochenende kam mir eine Wanderin entgegen und sagte ganz spontan: «Cooler Podcast!» Das freut mich natürlich. Das Projekt bedeutet mir viel. Insbesondere, da wir einfach sagen können, was wir wollen. Wir können offen und kritisch sein und genau die Sachen ansprechen, die uns beschäftigen. Das ist auch eine tolle Möglichkeit für uns, den Laufsport nochmal ganz neu zu erleben.
Zum Podcast ist jetzt auch das Buch «Off Track» gekommen. Was hat dich an diesem Projekt fasziniert?
Die Idee und die Struktur kamen vom Verlag: Es gab bereits ein ähnliches Buch zum Thema Rennradfahren, mit Porträts von Menschen, schönen Strecken und Hintergründen. Ich empfand das in dem Moment fast als Erleichterung, weil es mein erstes Buch ist und ich grossen Respekt vor einem leeren Word-Dokument hatte. Ich habe meine Trailrunning-Expertise und meine Kontakte eingebracht. Ich bin ein recht kritischer Mensch und provoziere auch gerne mal. Das ist für ein Coffee-Table-Buch nicht immer passend. Ich bin deshalb froh, dass ich auch kritische Themen aufgreifen konnte, die über den läuferischen Tellerrand ein bisschen hinausgehen.

Tatsächlich zeigst du ja nicht nur die Schokoladenseiten des Laufens. In einem Porträt spricht Profiläufer Dakota Jones beispielsweise das Dilemma des vielen Reisens an, was der Umwelt schadet, obwohl ihm die Natur so viel bedeutet. Corrine Malcolm thematisiert die mangelnde Sichtbarkeit der Frauen im Laufsport. Warum war es dir wichtig, diese Themen einzubeziehen?
Ich finde es schwierig, den Sport nur in den Himmel zu loben. Ich wollte nicht einfach nur Leute zeigen, die krasse Wettkämpfe gewinnen. Das ist einfach nicht meine Art des Storytellings. Der Verlag wusste von Anfang an, dass ich nicht nur die sonnigen Seiten des Trailrunnings aufzählen werde. Und ich fand’s super cool, dass meine Ansprechpartner offen für meine Herangehensweise waren. Klar, gab’s Diskussionen, aber wir haben es insgesamt gut hinbekommen, finde ich.
Was würdest du Hobbyläuferinnen und -läufern aus deiner Erfahrung mitgeben?
Trailrunning boomt und wenn man sich einige Social-Media-Posts anschaut, kann man den Eindruck gewinnen, es sei ganz einfach. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad auch. Trailrunning ist sehr einsteigerfreundlich und man kann eine Menge Spass haben, auf unglaublich schönen Strecken laufen und Fortschritte machen, wenn man es richtig angeht.
Aber wenn es so aussieht, als ginge es ganz einfach und alle könnten sofort 100 Meilen mit x-Tausend Höhenmetern in Rekordzeit laufen, dann stimmt das einfach nicht. Und solche Aussagen nerven dann auch. Trailrunning ist ein anspruchsvoller Sport und je nachdem, wo du läufst, bewegst du dich in echt schwierigem Gelände. Der Körper muss erst einmal dorthin geführt werden und dementsprechend brauchst du Zeit, Geduld und auch eine gewisse Disziplin. Deshalb wäre mein erster Tipp, den Sport und die Natur ernst zu nehmen.
Was heisst das konkret?
Ich sehe einen Trend hin zu: immer weiter und immer krasser. 100 Kilometer oder 100 Meilen gelten als normal. Und ich finde es schade, wenn jemand sagt, er oder sie sei «nur» 50 Kilometer gelaufen. Denn 50 Kilometer sind eine tolle Strecke, aber auch 10 oder 20 Kilometer sind anspruchsvoll. Diese Distanzen können nur wenige wirklich schnell laufen, das ist auf jeden Fall eine super Leistung. Das sollten wir nicht vergessen. Ich denke, es wäre manchmal gut, mehr auf den eigenen Körper und das eigene Gefühl zu hören, als sich von Social Media beeinflussen zu lassen und dann unzufrieden zu sein.

Quelle: Callwey
Magst du noch einen Blick in die Zukunft werfen? Was sind Traumrennen oder Traumdestinationen für dich?
Ich bin mit der Saisonplanung fürs nächste Jahr noch nicht so weit, aber wenn ich mal wild rumspinnen darf: Vielleicht wäre es cool, mal ein Skyrace auszuprobieren oder auch Strecken zu erkunden, die ich bisher noch gar nicht gelaufen bin.
Wird es nächstes Jahr ein neues Buch geben?
Mal schauen, was kommt. Ich habe einige Ideen und führe Gespräche, aber im Moment ist es auch ganz angenehm, neben dem Training und den Wettkämpfen nicht noch ein Buch fertigzustellen. So gern ich es mache, es war eben zwischenzeitlich schon sehr stressig. Und trotzdem kann ich es mir gut vorstellen, im nächsten Jahr wieder an einem Buch zu arbeiten.
Vielen Dank, Kim. Wir sind gespannt, was wir in nächster Zeit von dir sehen, hören und vielleicht auch lesen dürfen.
Forschungstaucherin, Outdoor-Guide und SUP-Instruktorin – Seen, Flüsse und Meere sind meine Spielplätze. Gern wechsel ich auch mal die Perspektive und schaue mir beim Trailrunning und Drohnenfliegen die Welt von oben an.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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