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Warner Bros.
Hintergrund

«The Shining» im IMAX: Wo der Wahnsinn auf dich wartet

Luca Fontana
7.8.2026

Das Overlook Hotel vergisst niemanden. Auch 46 Jahre später nicht. Jetzt kehrt Stanley Kubricks «The Shining» ins Kino zurück – und entfaltet seinen schleichenden Wahnsinn erstmals auch in der Schweiz auf der gewaltigen IMAX-Leinwand.

Ich weiss noch, wie ich in meinen frühen Teenager-Jahren bei einem Kumpel zu Hause sass und Jack Torrance zum ersten Mal durch diese endlosen Korridore laufen sah. Die Steadicam folgt ihm ruhig und unaufhaltsam, wie ein Puls, der sich langsam beschleunigt. Kein Schnitt, der einen retten würde. Kein Moment, in dem man kurz durchatmen könnte. Nur dieses eine, stetige Vorwärts – als würde einen das Overlook Hotel selbst am Kragen packen und einfach nicht mehr loslassen.

Die DVD hatten wir heimlich in sein Schlafzimmer geschmuggelt und in seine Playstation 2 geschoben, denn sein Vater hatte ihm strikt verboten, den Film zu schauen. Wir taten's trotzdem – und waren danach fertig mit den Nerven.

Jetzt kehrt Stanley Kubricks Horrorfilm zurück, und zwar dorthin, wo seine Bilder eigentlich immer schon hingehört haben: auf die grösstmögliche Leinwand. Am Samstag, 12. September, um 19:00 Uhr zeigen wir «The Shining» im IMAX, in Kooperation mit The Ones We Love und Pathé Schweiz, in Originalsprache, ohne Untertitel. Es handelt sich um die 144-Minuten-Version.

Hier geht's zu den Tickets:

Samstag, 12. September: 19:00, EN: Spreitenbach | Ebikon | Bern | Balexert

EN = Englisch ohne Untertitel.

Aber dieser Text soll kein blosser Reminder für den Vorverkauf sein. Sondern eine Annäherung an einen Film, der seit 46 Jahren nichts von seiner Wirkung verloren hat und uns bis heute nicht in Ruhe lässt. Lehnt euch zurück, spielt, wenn ihr mögt, Wendy Carlos' und Rachel Elkinds Score im Hintergrund ab und lasst euch auf die folgenden Zeilen ein.

Vorsicht: Spoiler.

Das Overlook lässt sich nicht festlegen

«The Shining» beginnt, wie so viele Horrorfilme beginnen: mit einer Familie, die an einen abgelegenen Ort zieht. Jack Torrance, gespielt von Jack Nicholson, übernimmt für den Winter die Stelle als Hausmeister des Overlook Hotels, hoch oben in den Rocky Mountains, eingeschneit und von der Welt abgeschnitten. Mit ihm reisen seine Frau Wendy und der kleine Danny an. Er besitzt eine Gabe, die im Hotel nur «das Shining» genannt wird: die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen können.

Und im Overlook, da sieht er einiges.

Ein Hotel, so gross und so leer, dass die Einsamkeit fast schon zu einer eigenen Figur wird.
Ein Hotel, so gross und so leer, dass die Einsamkeit fast schon zu einer eigenen Figur wird.
Quelle: Warner Bros.

Was den Film von Anfang an von anderen Spukhaus-Geschichten unterscheidet, ist, dass Kubrick sich nie entscheidet, ob das Overlook wirklich verflucht ist oder ob wir nur einem Mann beim Zerfall seines Verstandes zusehen. Beides liegt die ganze Zeit übereinander, wie zwei Bilder auf derselben Belichtung. Die Geister könnten real sein. Sie könnten auch nichts anderes sein als das, was Jacks eigene Wut und sein Selbsthass in den leeren Fluren finden, wenn sie lange genug nach etwas suchen.

Genau diese Unentschiedenheit ist der Trick. Denn ein Film, der uns sagen würde, was echt ist und was nicht, würde uns auch die Möglichkeit nehmen, im Zweifel zu bleiben. Und im Zweifel, das wissen wir alle, wohnt das eigentliche Grauen.

Die Architektur des Wahnsinns

Was mich bei «The Shining» am meisten fasziniert, ist, wie sehr der Wahnsinn hier eine Frage des Raumes ist. Das Overlook Hotel ist geometrisch schlicht unmöglich: Fenster, die es von aussen gar nicht geben dürfte. Räume, die auf dem Grundriss keinen Platz hätten. Korridore, die sich wie ein Labyrinth verhalten, obwohl sie auf den ersten Blick völlig gewöhnlich wirken.

Kubrick hat dieses Chaos mit obsessiver Präzision gebaut, und genau dort liegt die Ironie: Ein Regisseur, der für seine Kontrollsucht berüchtigt war, drehte einen Film über einen Mann, der genau daran zerbricht, dass er die Kontrolle verliert. Bis zu 127 Takes soll Kubrick von einzelnen Szenen verlangt haben. Shelley Duvall, die die verzweifelte Wendy spielt, berichtete später von Dreharbeiten, die sie an den Rand der eigenen Erschöpfung brachten – und man sieht es. Ihre Angst im Film ist selten gespielt. Sie ist echt.

Shelley Duvalls blanker Terror spiegelt sich in unseren Gesichtern, wenn wir diese Szene schauen.
Shelley Duvalls blanker Terror spiegelt sich in unseren Gesichtern, wenn wir diese Szene schauen.
Quelle: Warner Bros.

Das Labyrinth aus Hecken vor dem Hotel ist dabei nur die offensichtlichste Metapher: ein Ort, in dem man sich verirrt, während draussen alles unter Schnee begraben liegt und drinnen etwas nachwächst, das viel gefährlicher ist als jede Sackgasse. Aber auch das Hotel selbst ist ein Labyrinth. Eines, das Jack nicht mehr verlassen will, weil es ihm etwas verspricht, das er sich selbst nie geben konnte: Bedeutung. Kontrolle. Einen Platz, an dem er «immer schon» war, wie es das berühmte letzte Bild des Films andeutet.

«All work and no play»

Es gibt diese eine Szene, die den Film für mich am besten zusammenfasst. Wendy schleicht sich in den Raum, in dem Jack angeblich an seinem Roman arbeitet, seit Wochen schon, Tag für Tag. Sie findet einen Stapel Papier, hunderte Seiten hoch. Sie beginnt zu lesen.

Derselbe Satz. Immer und immer wieder.

«All work and no play makes Jack a dull boy.»

Kein Blut, kein Geist, kein Schrei. Nur Papier und diese grauenvolle, sich förmlich unter die Haut ritzende Musik. Und doch ist das einer der schockierendsten Momente des gesamten Films, weil er uns unmissverständlich zeigt, dass der Mann, mit dem Wendy seit Jahren lebt, längst nicht mehr derselbe ist. Isolation, das erzählt uns diese Szene, muss gar nicht mit übernatürlichen Kräften arbeiten, um jemanden zu zerstören. Manchmal reicht dafür ein leeres Haus, ein einsamer Winter und ein Mann, der sich selbst nicht mehr aushält.

Genau da wird «The Shining» zu mehr als einer Geistergeschichte. Er wird zu einer Studie über häusliche Gewalt, über einen Vater und Ehemann, der lange, bevor er die Axt in die Hand nimmt, begonnen hat, seine Familie zu terrorisieren. Das Hotel gibt ihm nur die Erlaubnis, endlich zu werden, wonach er sich schon immer gesehnt hat.

Twins, Blut und ein Foto aus dem Jahr 1921

Kubrick streut derweil Bilder in den Film, die sich weigern, sich erklären zu lassen. Die Zwillingsmädchen am Ende des Flurs, die Danny einladen, «für immer und immer und immer» zu spielen. Der Fahrstuhl, aus dem eine Blutwelle bricht, so gewaltig, dass sie die ganze Lobby zu verschlingen droht. Der Mann im Bärenkostüm, der einem anderen Gast in einem Hotelzimmer etwas antut, das der Film nie erklärt und auch nie erklären will.

Die Zwillinge – eine der eindrücklichsten und meistzitierten Horror-Bilder überhaupt.
Die Zwillinge – eine der eindrücklichsten und meistzitierten Horror-Bilder überhaupt.
Quelle: Warner Bros.

Nichts davon ergibt im klassischen Sinne einen Sinn. Aber genau das ist der Punkt. «The Shining» funktioniert nicht wie ein Rätsel, das gelöst werden will. Er funktioniert wie ein Trauma, das immer wieder an die Oberfläche drängt, ohne sich je vollständig erklären zu lassen. Es ist kein Zufall, dass ganze Generationen von Kubrick-Fans bis heute nach der «wahren» Bedeutung des Films suchen, ob im Dokumentarfilm «Room 237» oder in unzähligen Foren. Der Film lädt genau zu dieser Suche ein, weil er sich selbst nie festlegt.

Am eindrücklichsten zeigt sich das im letzten Bild des Films: eine vergilbte Fotografie aus der Lobby des Overlook, datiert auf den 4. Juli 1921. Zu sehen ist eine feiernde Ballgesellschaft. Mittendrin, lächelnd: Jack.

Wie er dorthin gelangt ist, sagt uns der Film nicht. Ob er schon immer da war, in einem früheren Leben, einer Reinkarnation, oder ob das Hotel ihn einfach für sich beansprucht hat, wie es das mit allen zu tun scheint, die zu lange in seinen Mauern verweilen – auch das bleibt offen. Was bleibt, ist nur dieses eine, unheimliche Gefühl: Manche Orte lassen einen nie wirklich gehen.

Ein Film, der uns bis heute nicht loslässt

46 Jahre nach seiner Premiere ist «The Shining» noch immer einer der meistzitierten, meistanalysierten und meistgefürchteten Filme der Geschichte, obwohl Stephen King, der Autor der Romanvorlage, Kubricks Version bekanntlich nie wirklich mochte. Für King fehlte dem Film die Wärme seines Buchs, die Erlösung, das Mitgefühl für Jack als Menschen, nicht als Monster.

Vielleicht hat er damit sogar recht. Aber genau das macht Kubricks «The Shining» zu dem, was er ist: kein Film über einen guten Mann, der von bösen Kräften vereinnahmt wird, sondern über einen Mann, in dem etwas längst geschlummert hat und der endlich einen Ort gefunden hat, der es aus ihm herausholt. Das Overlook Hotel erschafft Jacks Wahnsinn nicht. Es erkennt ihn bloss und heisst ihn willkommen.

«Heeere's Johnny!» ist längst Popkultur geworden, ein Zitat, das man kennt, selbst wenn man den Film nie gesehen hat. Aber im Kontext, mit der ganzen Wucht der grossen Leinwand, verliert dieser Moment nichts von seinem Schrecken. Im Gegenteil. Auf IMAX-Format wird das Overlook so gross, so bedrückend und so unausweichlich, wie es Kubrick sich wohl erträumt hat.

Kommt vorbei. Setzt euch hin. Und lasst euch von einem Hotel einladen, das niemanden jemals wirklich gehen lässt.

Titelbild: Warner Bros.

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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