Hintergrund

Von der Planung zum fertigen MTB-Trail: Schweizer Know-how für Tourismusdestinationen weltweit – zwei Trailbauspezialisten erläutern die Hintergründe

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
15.08.2022
Bilder: Manuel Wenk

Seit 2003 unterstützt Allegra Tourismus diverse Mountainbike-Destinationen bei ihrer Entwicklung – heute ist das Unternehmen aus dem Engadin weltweit tätig. Dabei berät es seine Kunden nicht nur bei der Planung der gesamten Infrastruktur, den Dienstleistungen und der Positionierung im Markt, sondern kümmert sich auch um den Bau und den Unterhalt von Trails und Wanderwegen.

Zu Beginn des Millenniums steckt der Mountainbike-Tourismus in der Schweiz, im Gegensatz zu Ländern wie den USA und Kanada, noch in den Kinderschuhen. 2003 kommt der Engadiner Darco Cazin nach einer längeren Nordamerikareise zurück nach Pontresina. Und gründet dort, beeindruckt vom Mountainbike-Boom in Übersee, mit seinem Vater Fadri die Firma Allegra Tourismus.

Einer der ersten Kunden ist Livigno in Italien, das die Engadiner für die Mountainbike-Weltmeisterschaft 2005 als Berater engagiert. Bis heute steht Allegra Tourismus seinen weltweiten Kunden mit Rat zur Seite. Darüber hinaus plant Allegra die komplette Infrastruktur für eine Destination oder auch auf regionaler Ebene wie etwa für den Kanton Graubünden. Ausserdem übernimmt das Unternehmen den Bau sowie auf Wunsch auch den Unterhalt von Trails und Wanderwegen. Und Graubünden ist, nicht zuletzt auch dank Allegra Tourismus, während der letzten 20 Jahre zum Bikekanton Nummer eins der Schweiz avanciert.

Biken als Firmen-DNA

Geschäftsführer von Allegra ist heute Domenico Bergamin. Der Familienvater aus Lenzerheide war während seiner beruflichen Laufbahn in unterschiedlichen Funktionen im Tourismus tätig. Unter anderem auch als interimistischer Tourismusdirektor in Lenzerheide. Der studierte Sport- und Betriebswissenschaftler ist seit einem halben Jahr für die operativen Belange des Unternehmens zuständig. Ich treffe den 41-Jährigen weit weg von knackigen Singletrails in seinem Büro in Zürich-Wiedikon zum Gespräch.

Geschäftsführer Domenico Bergamin.
Geschäftsführer Domenico Bergamin.

Domenico Bergamin, arbeiten bei euch eigentlich ausschliesslich Biker?
Wenn eine Person zum Stellenprofil passt, würde ich sie auch einstellen, wenn sie keine Biker:in ist. Ich glaube jedoch nicht, dass sich jemand bei uns bewerben würde ohne Bezug zum MTB. Ich glaube, das ergibt sich von alleine. In unserem Unternehmen biken alle Mitarbeitenden. Egal, ob Anfänger:innen oder Fortgeschrittene.

Wie würdest du eure Unternehmensphilosophie in kurzen Worten zusammenfassen?
Letztlich geht es uns darum, mit unserer Arbeit den Menschen in den Bergen einen nachhaltigen Lebensunterhalt zu ermöglichen. Und zwar durch Outdoor-Sport. Darco Cazins Leidenschaft war damals das Bike, heute begleiten wir unsere Kunden umfassend. Wir planen und bauen Trails, und unterhalten diese auf Wunsch auch. Wir bauen aber auch Wanderwege, entwickeln Masterpläne für Tourismusregionen und Behörden, konzipieren Angebote für unterschiedliche Zielgruppen und helfen unseren Kunden zu verstehen, was Biker in ihrer Freizeit oder ihren Ferien wollen.

Und, was sucht der Biker in seinen Ferien?
In erster Linie ein Landschafts- und Naturerlebnis. Das zeigt sich in vielen Befragungen. Egal, ob Biker:innen, Wander:innen oder Trailrunner:innen: Alle suchen dasselbe. Dieses Erlebnis ist im gesamten Alpenraum grossartig. Das ist einerseits toll, andererseits macht es die einzelnen Destinationen austauschbar. Interessant für Bikende ist daher vor allem ein abwechslungsreiches Wegenetz. Das ist die Hauptmotivation: Wo kann ich schöne Trails in einer abwechslungsreichen Landschaft fahren.

Welche Rolle spielt der Trend hin zu den E-Bikes, verändert das auch die Art der Trails, die ihr baut?
Grundsätzlich hat dies keinen Einfluss auf den Trailbau, weil diese Bikes ähnlich zu handhaben sind wie solche ohne elektrische Unterstützung. Was sich verändert, ist die Art, respektive das Tempo, mit dem ein E-Biker den Berg hinauf fährt. Das führt teilweise zu Konflikten mit anderen Wegnutzern. Hier versucht man, in reine Uphill- und reine Downhill-Trails zu entflechten.

Bleiben wir noch kurz beim E-Bike. Ein Thema, das polarisiert. Wie siehst du diese Entwicklung grundsätzlich?
Es wurden in den letzten Jahren viele Trailcenters in den Agglomerationen von grösseren Städten gebaut, wo du die ersten Basics in Sachen Biken vermittelt bekommst. Es geht darum, grundlegende Techniken zu erlernen. Swiss Cycling bemüht sich beispielsweise stark, den Leuten Fahrkurse schmackhaft zu machen, bevor sie sich in den Sommerferien auf ein Miet-E-Bike setzen und losfahren.

Das kann durchaus fatal enden.
Absolut. Mit dem E-Bike kommen viele Leute an Orte, wo sie mit reiner Muskelkraft nie hinkämen. Dann fehlt es oft auch an der entsprechenden Technik. Das sieht man vereinzelt bei Touristen, die selten bis nie velofahren, sich in den Ferien ein Bike mieten und dann hilflos am Berg stranden.

Was ist dieser Interessengruppe sonst noch wichtig? Unabhängig davon, ob sie mit reiner Muskelkraft oder mit Akkuunterstützung unterwegs ist.
Es geht um die Frage, wo die Biker möglichst konfliktfrei unterwegs sein können. Wer schon länger MTB fährt, wird zum Beispiel kaum nach Appenzell Innerrhoden gehen. Da gibt es Horrorgeschichten von Bauern, die mit der Mistgabel auf Biker losgehen, von Stacheldraht, der über Wege gespannt wird, und so weiter.

Entflechtung als Antwort auf den Dichtestress?

Der Druck auf den Alpenraum nimmt zu. Immer mehr Menschen drängen in die Berge und suchen dort Erholung oder Abenteuer. Je nachdem. Der Dichtestress auf Wanderwegen und Mountainbike-Trails steigt. Wie lassen sich Konflikte zwischen den einzelnen Nutzergruppen vermeiden?

Das Zauberwort der letzten Jahre heisst Entflechtung und wird als Allheilmittel zur Lösung des Problems herumgereicht. Domenico Bergamin ist damit aber nur bedingt einverstanden. Man könne nicht sämtliche Wege komplett voneinander trennen und für die jeweilige Nutzergruppe exklusiv halten. Denn da seien Wanderer, Reiter, Menschen mit Hunden, Trailrunner und Biker. Hinzu kämen dann E-Biker, die andere Bedürfnisse hätten als Biobiker oder Gravelbiker und so weiter. Es sei beinahe unmöglich, dies alles voneinander zu trennen.

Allegra Tourismus verfolgt laut Domenico Bergamin einen anderen Ansatz. Am Anfang stünde immer eine gesamtheitliche Betrachtung des Raums. Egal, ob es sich dabei um einen ganzen Kanton, eine Stadt oder ein Dorf in den Alpen handle. Welche Gebiete müssten komplett geschützt werden, wo gäbe es einen Bewegungsraum, in dem sich Menschen aufhalten könnten? In einem zweiten Schritt gelte es dann, in diesem Bewegungsraum die beliebtesten Wandertouren und die beliebtesten Biketouren zu identifizieren.

Es gehe darum, bereits im Planungsstadium möglichst exakt zu bestimmen, welche Bedürfnisse die einzelnen Nutzergruppen hätten. Oft sei es durchaus machbar, auf die friedliche Koexistenz zu setzen. Sollte es jedoch Wege geben, auf denen die Massierung sehr hoch sei und sich beispielsweise Biker und Wanderer stark in die Quere kämen, würde die Entflechtung zum Zug kommen.

Von Zürich nach Schruns

Szenenwechsel. Einige Wochen nach meinem Besuch beim Geschäftsführer von Allegra Tourismus in Zürich bin ich in Österreich. Dort baut das Unternehmen für einen neuen Kunden einige Trails. Dabei handelt es sich um reine MTB-Strecken, sogenannte Single-Flow-Trails. Der ideale Moment, um mir vor Ort einen Eindruck über die Arbeit zu verschaffen. Auf der Baustelle oberhalb Schruns im Montafon treffe ich den zuständigen Bauleiter von Allegra, Colin Leutenegger.

Ein ruhiger Moment in einem ansonsten hektischen Alltag auf der Trail-Baustelle.
Ein ruhiger Moment in einem ansonsten hektischen Alltag auf der Trail-Baustelle.

Colin Leutenegger, wir sitzen hier auf einem Abschnitt eines Trails, den ihr neu gebaut habt und der in Kürze eröffnet wird. Was sind die Herausforderungen, die du und deine Crew hier im Montafon zu meistern habt?
Die grösste Challenge ist sicherlich das Gelände, da wir oft in sehr steilen Bereichen arbeiten müssen. Grundsätzlich besteht der Trailbau aber ausschliesslich aus Challenges (er schmunzelt).

Kannst du da Beispiele nennen?
Zum Beispiel führt ein Trailabschnitt, den wir gerade bauen, durch Gelände, durch das immer wieder Kühe gehen. Ich kann diesen Bereich noch nicht abschliessend designen, da mir die Kühe sonst immer wieder die Fähnchen wegfressen, mit denen ich den künftigen Trail abstecke. So muss ich den gesamten Abschnitt im Kopf haben, ohne ihn ausflaggen zu können. Das macht die Arbeit sehr mühsam. Die grösste Herausforderung ist aber wie gesagt das Gelände, wenn du in einem steilen Abschnitt eine Kurve bauen musst.

Macht es für dich als Bauleiter einen Unterschied, ob du in der Schweiz oder hier in Österreich einen Trail baust?
Da wir nebst unserem Hauptsitz in Pontresina auch eine Niederlassung in Innsbruck haben, sind uns die lokalen Gegebenheiten bestens bekannt. Ebenso die etwas andere Gesetzeslage. Und Kunden wollen in der Regel dasselbe.

Nämlich?
In der Regel wollen sie an ihrem Berg eine neue touristische Attraktion. Bergbahnen haben ein Interesse daran, dass die Leute ein Ticket kaufen, ihre Infrastruktur nutzen und dadurch Arbeitsplätze entstehen.

Gibt es dennoch Unterschiede?
Das Spezielle an der Silvretta Montafon Holding GmbH als Kunde ist, dass ihnen nebst den Bergbahnen auch viele Restaurants und Hotels sowie die Bikevermietung im Tal gehören. Dadurch entsteht durch die neuen Trails, im Vergleich zu reinen Bergbahnbetreibern wie etwa in Lenzerheide, eine grössere Wertschöpfung. Hotelübernachtungen, Bikemiete und die Gastronomie machen ein Vielfaches des Bergbahntickets aus.

Nach sechs Jahren Planung fuhren im Frühling 2022 die Bagger auf.
Nach sechs Jahren Planung fuhren im Frühling 2022 die Bagger auf.

Der Bau eines Trails ist eine Sache, die Planung eine andere. Wie lange hat es gedauert, bis ihr mit den Baggern auffahren konntet?
Die ursprüngliche Planung des Projekts begann bereits im Jahr 2015. Im Jahr darauf wurde ein erstes kleines Skills-Center für Kinder hier am Berg gebaut. Die grosse Herausforderung waren dann die Gespräche mit allen involvierten Grundstücksbesitzern und mit den diversen Ämtern. Diese führte der Kunde und erhielt 2017 die Baugenehmigungen. Es dauerte bis 2021, bis wir wieder involviert waren. Dann gab es noch Details aufgrund der diversen Linienwahlen zu klären, bis wir diesen Frühling schliesslich mit den Bauarbeiten beginnen konnten.

Jahrelange Planung, kurze Bauzeit

Insgesamt baut Colin Leutenegger mit seinem Team hier am Berg auf rund sieben Kilometern Länge drei Trails mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Vom einfachen Flowtrail für Anfänger:innen bis zum schwierigen Singletrail mit Sprüngen für geübte Biker:innen ist alles dabei. Mitte August sind die Trails fertiggestellt und werden eröffnet. Für den Unterhalt und den Betrieb der Trails ist anschliessend der Kunde verantwortlich.

Ein interessantes Detail: In der Schweiz kostet der Bau eines Meters Trail zwischen 50 und 100 Franken, je nach Gelände, in dem gebaut wird.

Apropos bauen: Ich habe der Trailcrew bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut und dabei auch Schaufel und Rechen in die Hand genommen. Was dabei herausgekommen ist, erzähle ich dir in Kürze. Wenn du nichts verpassen willst, folge hier meinem Autorenprofil und bleibe auf dem Laufenden.

Die Arbeit des Shapers hat es in sich.
Die Arbeit des Shapers hat es in sich.

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Patrick Bardelli

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.


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