Warum mir Kinderschuhe auf den Senkel gehen

Warum mir Kinderschuhe auf den Senkel gehen

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 07.05.2021
Egal ob Schnürsenkel, Klettverschluss oder Schnellschnürsystem – irgendwas reisst immer. Bei der Schleife ist es regelmässig mein Geduldsfaden.

Kinder sind kluge kleine Menschen. Sie halten sich nicht mit Dingen auf, die überflüssig sind. Smalltalk? Gibt’s in ihrer Welt nicht. Pausen? Höchstens, um hastig trinkend den Blutzuckerspiegel hochzujagen. Die Hände verwenden, um Schuhe anzuziehen? Nur im äussersten Notfall und unter Protest. Der Nachwuchs stampft sich stehend mit Gewalt in die Stiefel. Oder er lässt schnüren. Kniet nieder, Mami und Papi.

Klettverschluss-Kind

Ich war auch mal ein kluges kleines Kind. Ein Klettverschluss-Kind. Ritsch, Schuh auf. Ratsch, Schuh zu. Ganz einfach. Etwas anderes kam mir nicht an die Füsse. Ich hatte keine Bindungsängste, sah aber überhaupt keinen Anlass, eine Schleife zu lernen. Mit der ganz offensichtlich dümmsten Methode, Schuhe zu schliessen, sollten sich die Erwachsenen herumplagen. Sie ist die Eintrittskarte in eine komplizierte Welt, der sich Kinder instinktiv verweigern.

Mit uns Kindern Schuhe zu kaufen, war der Horror für meine Mutter. Während beflissene Fachverkäuferinnen Füsse vermassen und schachtelweise orthopädischer Ledertreter mit peppigem Blümchenmuster anschleppten, war in meinem Kopf die Entscheidung längst gefallen. Solange meine Schwester um das Paar ihrer Träume kämpfte, guckte ich mir den neonbunten Turnschuh mit drei Klettverschlüssen aus und beschloss: der passt. Sonst keiner.

Wie gesagt, Kinder sind kluge kleine Menschen und spüren, wenn sie ausnahmsweise mal am längeren Hebel sitzen. Ich legte ihn mit Freude um. Gegen das Killer-Argument «auuuh, der drückt!», kam niemand an. Da konnten noch so viele Erwachsene mit Engelszungen auf mich kleines Teufelchen einreden – am Ende musste die frustrierte Verkäuferin ihre beigen Ökolatschen mit dem 1A-Fussbett wieder einpacken und Mami das Portemonnaie für einen synthetischen Alptraum zücken. Nicht atmungsaktiv und eigentlich zwei Nummern zu gross? Egal. Klettverschluss. Sieg auf der ganzen Linie. Und ich hatte weise gewählt.

 Stinkstiefel

35 Jahre später fühle ich mich selten so alt, wie wenn ich meine Kinder über den korrekten Umgang mit Schuhen belehre. «Nimm doch die Hände! Mach sie ordentlich zu, das hält so nicht lange. Der ist dir doch noch viel zu gross. Moment, ich helfe dir. STOPP, VOR DER HAUSTÜRE AUSZ...» Zu spät. Sätze wie diese höre ich mich nun selbst in schöner Regelmässigkeit sagen. Oder schreien.

Es kommt eben alles zurück im Leben. Nur sitze ich diesmal nicht am längeren Hebel. Im Gegenteil, ich knie auf dem Boden, stopfe nasse Stinkstiefel mit Zeitungspapier aus, beseitige Dreckspuren und wundere mich über die vorhandene Schuhflut, obwohl doch sowieso immer die gleichen zwei Paare getragen werden. Die ohne Schnürsenkel. Warum? Weil sie nicht nerven. Kann ich total verstehen.

Die Suche verrät es: Nicht rund oder braun, sondern «ohne binden» sollen Schnürsenkel sein.
Die Suche verrät es: Nicht rund oder braun, sondern «ohne binden» sollen Schnürsenkel sein.

Geschundene Alternativen

Die dauergenutzten Alternativen werden geliebt und geschunden. Bei Klettverschlüssen reisst die Öse. Oder die kleinen Kunststoffkrallen lösen sich, erschöpft vom ständigen Ritsch-Ratsch, in Staub auf. Auch der beliebte Schnellverschluss besteht nicht jede Zerreissprobe.

Beim neuesten Outdoorschuh war er in Rekordzeit von vier Wochen durch und liegt nun ganz oben auf dem Papi-reparier-das-Stapel. Demnächst fällt den Kindern sicher auch irgendein Boa-Drehsystem zum Opfer. Mir egal. Ich flicke das alles gerne. Hauptsache, wir machen im Alltag einen grossen Bogen um die Schleife.

Kaputtgeliebt: Gekauft im April 2021, gerissen im Mai 2021.
Kaputtgeliebt: Gekauft im April 2021, gerissen im Mai 2021.

Welches How-to-Schuh guckst du?

Ich binde meine Schuhe bis heute selbst nicht gerne. Am besten nur einmal. Und zwar so, dass ich für alle Zeiten einfach rein und rauskomme. Im Idealfall, ohne die Hände benutzen zu müssen, sofern die Kinder nicht hinschauen. Bei ihren mit Missachtung gestraften Schnürschuhen habe ich es schon mit elastischen Schnürsenkeln versucht, die nach anfänglicher Begeisterung doch wieder sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden sind. Völlig zurecht.

Das war auch nicht die Lösung. Die Schleife ist nie die Lösung. Sie ist und bleibt eine Zumutung. Was ist das für eine unsägliche Art, Schuhe zu schliessen, wenn es dafür millionenfach geklickte «How-to»-Videos auf YouTube braucht. Sogar der allererste TED-Talk, dieses schlaue Format für schlaue Menschen, widmete sich im Jahr 2005 diesem Problem.

«Bis zu diesem Moment hätte ich gedacht, dass im Alter von 50 eine der Fertigkeiten, die ich wirklich kapiert hatte, war, meine Schuhe zu binden.»
Terry Moore im TED-Talk 2005 über sein Aha-Erlebnis

Ende der Geschichte? Nein, 2017 folgte der Talk «An Even Better Way to Tie Your Shoe Lace». Wir haben es offensichtlich mit einer der ganz grossen Fragen der Menschheit zu tun. Vielleicht ist es auch nur eine Übung in Demut, die es immer wieder zu absolvieren gilt. Knie nieder, binde und spüre im Rücken, wie du unaufhaltsam älter wirst. Bis du irgendwann einen Schuhlöffel und ein Bänkchen kaufst, auf dem du «How to tie your shoes with back pain» schaust. Auch deshalb gehen mir Kinderschuhe auf den Senkel. Jedes Mal, wenn ich seufzend vor einem fünfjährigen Flummiwesen niedersinke, um auf Kosten meiner Fingernägel und meiner Würde versehentlich geknüpfte Doppelknoten zu lösen, erinnert mich das an den schleichend einsetzenden Verfall.

 Wut in Endlosschleife

Meine Wut auf die vorsintflutliche Methode hat sich potenziert, seit ich eine Fussballgruppe G-Junioren trainiere. Neun Energiebündel, die niemals still stehen. Es sei denn, ein Schuh ist offen. Dann sind sie hilflos. Als es anfangs von erfahrenen Vereinskollegen hiess: «Die Hälfte der Zeit geht eh fürs Schuhebinden drauf», habe ich noch gelächelt. Jetzt nicht mehr, denn es stimmt. Auf 100 Torschüsse der Kleinen kommt ein Hexenschuss bei mir, weil ich Schuhe im Akkord schnüre, während die Kinder in der Verschnaufpause meinen Kopf als Armlehne nutzen. Ich bin wie Bill Murray in einer Endlosschleife gefangen.

Taktiktafel für G-Junioren:

Einzige Kundenbewertung: «Sieht cool aus, den Mehrwert für die Kinder haben wir noch nicht gefunden.»

Dabei ist die Lösung – ritsch, ratsch – doch eigentlich lange bekannt. Einer der Jungs ruft regelmässig triumphierend: «Ich hab einen Klettverschluss!» Zumindest einen über der Schleife. Selbst das wirkt schon Wunder. Es geht aber noch besser. Eltern, die ihr eure Kinder zu jung zum Binden in den Vereinssport schickt: Das Zauberwort heisst nicht «Expelliarmus», sondern «laceless». Befreit vom Schnürsenkelsyndrom wären echte Leistungssprünge möglich. Weil dann echtes Training möglich wäre. Ein Gruss geht raus an alle Primar- und Chindsgi-Lehrer*innen – wie macht ihr das eigentlich im Turnunterricht?

Mit seinen besten Hallenschuhen kann ich meinen Fünfjährigen nicht alleine zum Polysport schicken. Das Anziehen ist ein mittelgrosses Vater-Sohn-Projekt, undenkbar ohne Schuhlöffel, Grunzen, Jaulen und Regieanweisungen. Dabei sind sie ihm immer noch zu gross. Wie vor einem halben Jahr, als er beschloss: die passen. Sonst keine. Zufälligerweise haben sie seine Lieblingsfarbe. Und drei Streifen. Der Einstieg ist eng, aber leider nicht laceless. Das Schlechteste aus beiden Welten. Wenn der Fuss endlich drin ist, kommt als Sahnehäubchen noch die Schleife obendrauf. Kurz darauf ist sie dann wieder auf. Während beim Niederknien die Bandscheibe springt und mit einem leisen Seufzer mein Geduldsfaden reisst, beherrsche ich mich und denke: Scheiss Schleife. Wenigsten wir müssen jetzt zusammenhalten.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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