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Meinung

«World of Warcraft» ist das beste Game aller Zeiten

Digitec Galaxus hat eine 47-köpfige Experten-Jury zusammengetrommelt und die 100 besten Games aller Zeiten gewählt. Hier ist die Nummer 1.

«World of Warcraft» ist meine erste grosse Gaming-Liebe. Kein anderes Spiel löst auch nach über 20 Jahren noch ein solch warmes Gefühl in mir aus. Mit keinem anderen Titel verbinde ich so viele magische Erinnerungen wie mit Blizzards MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game). Es hat das Genre revolutioniert und zu Bestzeiten 15 Millionen Spielerinnen und Spieler weltweit vor den Bildschirm gelockt. «World of Warcraft» hat sämtliche Angriffe auf den Thron abgewehrt und bleibt bis heute eines der wenigen Spiele, für das viele bereit sind, ein monatliches Abo zu zahlen.

Kein Verfolger konnte es mit WoW aufnehmen.
Kein Verfolger konnte es mit WoW aufnehmen.
Quelle: Blizzard

Ich weiss noch genau, was das Feuer in mir entfacht hat: die Vorschau auf einer Gamestar-DVD. Ja, damals gab es die noch – in gedruckten Magazinen und auf echter Disc – und nicht nur mit einem Downloadcode. Ich habe die Vorschau unzählige Male angeschaut. Ich konnte damals nicht genau sagen, was mich so faszinierte; ich hatte nicht einmal einen besonderen Bezug zu «Warcraft». Aber nach «Diablo» und «Starcraft» war Blizzard mein persönliches Nintendo-Gütesiegel. Ein Rollenspiel in einer gigantischen Welt mit anderen Spielern klang für einen MMORPG-Neuling wie mich unglaublich verlockend.

Unstillbarer Entdeckerdurst

Dem Ruf konnte ich bereits in der Beta nicht widerstehen. Zuvor musste ich jedoch zahlreiche Internetforen durchforsten, um einen der begehrten Zugangscodes zu erbetteln. Als ich schliesslich im Körper meines Taurenjägers die magische Welt von Azeroth betrat, war es um mich geschehen. Die Grafik bot zwar nicht den Detailreichtum und die Physikspielereien eines «Half-Life 2» oder die Beleuchtungstechnik von «Doom 3», doch Blizzard zauberte malerische Welten, die meine Fantasie beflügelten. Schon die weiten Ebenen von Mulgore – dem Startgebiet der Tauren – mit der Hügelstadt Thunder Bluff am Horizont weckten meinen Entdeckerdurst wie kein zweites Spiel.

Die Aufzüge nach Thunderbluff fuhren einem immer vor der Nase ab.
Die Aufzüge nach Thunderbluff fuhren einem immer vor der Nase ab.
Quelle: Blizzard

Dazu trug auch der sensationelle Soundtrack bei. Er traf genau die richtige Mischung aus Subtilität und Atmosphäre. Selbst nach unzähligen Stunden wird er mir nicht überdrüssig. Das leise Zirpen, begleitet von Blasinstrumenten, während ich im Brachland (The Barrens) Raptoren und Löwen jagte, erfüllte mich mit einer inneren Ruhe, die ich heute selbst nach zehn Stunden Meditation kaum erreiche.

Am häufigsten habe ich jedoch das Stück im Hauptmenü gehört – zwangsläufig. Stundenlange Warteschlangen und Verbindungsabbrüche waren an der Tagesordnung. Dennoch verbinde ich mit der Musik vor allem Vorfreude und ein Kribbeln im Bauch, während ich darauf wartete, dass das Spiel endlich geladen war.

Durchzocken, bis die Augen tränen

Beim offiziellen Europa-Launch im Februar 2005 hievten mein bester Kumpel und ich unsere PCs auf den Esstisch. Meine Eltern waren in den Ferien, wir waren eingedeckt mit Snacks, Bier und «grünem Wunderkraut» – wir zockten drei Tage am Stück durch. Pausen machten wir nur zum Schlafen oder wenn uns der Server mal wieder rauswarf. «Never play on launch day»? Von wegen, das sind doch alles Casuals! Jede Minute wurde ausgekostet, auch wenn ein Klick regelmässig mit dreissigsekündiger Verzögerung ausgeführt wurde und mein Charakter längst nicht mehr dort stand, wo ich ihn vermutete. Ich habe es trotzdem geliebt wie kein anderes Spiel zuvor. Am Sonntagabend waren meine Augen so blutunterlaufen wie die meines untoten Hexenmeisters. Ich konnte einfach nicht aufhören; es gab so viel zu sehen und zu lernen in Azeroth.

Nach drei Tagen WoW-Marathon sah ich ähnlich gesund aus.
Nach drei Tagen WoW-Marathon sah ich ähnlich gesund aus.
Quelle: Blizzard

Als ich mit Level 40 mein erstes Mount bekam – ein schwarzes Pferd mit feurigen Augen und Hufen, wie es sich für einen Hexenmeister geziemt –, gab es kein Halten mehr. Ich gab meinem Gaul die Sporen und ritt in die grosse, weite Welt hinaus. Endlich konnte ich Gebiete erkunden, die weit über meinem Level lagen. Dank der 60 Prozent höheren Geschwindigkeit galoppierte ich an überstarken Feinden vorbei – doch selbst das blieb nervenaufreibend. Ein Schlag reichte oft, um mich auf den nächsten Friedhof zu schicken, von wo aus ich als Geist zu meiner Leiche zurückschlurfen musste.

Das hielt mich nicht davon ab, bis in die frühen Morgenstunden das Hinterland zu erkunden, mit einer Schar Wildkins im Schlepptau. Erst weit im Osten am Strand gönnte ich mir eine Verschnaufpause. Ich streckte meine Füsse ins Wasser, beobachtete die planschenden Drachenschildkröten und schickte meinen Kumpels im Chat Screenshots meiner Reise.

Erst mal Pause machen. Aber nicht zu nahe an den gefrässigen Schildkröten.
Erst mal Pause machen. Aber nicht zu nahe an den gefrässigen Schildkröten.
Quelle: Blizzard

Geheimzutat Mensch

Der Multiplayer-Aspekt ist unbestritten das, was aus einem hervorragenden Rollenspiel ein sensationelles macht. Sei es, wenn ich irgendwo im Nirgendwo einer anderen einsamen Seele begegne und sie mir ungefragt in einem Kampf gegen Feuerdämonen beisteht. In den unzähligen Dungeons von Shadowfang Keep bis zu Blackrock Mountain, wo ich mir die Haare raufte, weil ich um zwei Uhr morgens den Würfelwurf für mein fehlendes Rüstungssetteil verlor. Oder wenn mir ein Alchemist einen Goldbarren schmelzen sollte und sich stattdessen mit meinen Materialien aus dem Staub machte.

Die Hochs und Tiefs dieser menschlichen Interaktionen werde ich nie vergessen. Genauso wenig wie meine Gildenkumpels von «KULT». Zusammen mit 39 anderen Nerds wagten wir uns in den sagenumwobenen Molten Core. Den damals härtesten und grössten Dungeon, an dessen Ende der Feuerdämon Ragnaros auf die Gruppe wartete.

Bevor du dich mit Ragnaros anlegen kannst, musst du acht weitere Bosse besiegen, was oft mehrere Tage in Anspruch genommen hat.
Bevor du dich mit Ragnaros anlegen kannst, musst du acht weitere Bosse besiegen, was oft mehrere Tage in Anspruch genommen hat.
Quelle: Blizzard

Über Teamspeak – den Vorgänger von Discord – teilten wir uns in Teams mit eigenen Teamleadern und einem Raidleader auf, der alle Fäden in der Hand hielt. Der war es dann auch, der nach einem erfolgreichen Bosskampf die Beute plünderte und verteilte. Noch heute höre ich seine Stimme im Kopf, wenn er rief: «Epic Looooooot». Gänsehaut.

Auch die PvP-Schlachten rund um Tarren Mill zwischen der Horde und der Allianz sind legendär. Dedizierte Multiplayer-Arenen gab es damals noch nicht. Ich spielte zudem auf einem PvE-Server, wo sich die beiden Fraktionen nicht einfach so angreifen konnten. Es gab nicht mal Erfahrungspunkte. Trotzdem lieferten wir uns erbitterte Kämpfe und jubelten, wenn wir einen Paladin trotz seiner Angstblase erledigen konnten und fluchten, wenn uns ein Schurke aus dem Hinterhalt abmurkste.

Die Seuchenausbrüche, die ganze Bevölkerungen auslöschten, waren auch ein einmaliges Erlebnis. Durch einen Exploit verschleppten Spieler einen Debuff – eine Art Fluch – aus der Instanz Zul'Gurub über ganz Azeroth. Auf unserem Server klopfte er an die Pforte der Ork-Hauptstadt Orgrimmar. Plötzlich pflasterten Leichen die Strassen der Stadt und der Chat wurde vollgespammt, wie man sich verhalten sollte, um sich nicht anzustecken. Der Vorfall diente Ärzten während der Corona-Pandemie als Grundlage zur Bekämpfung des Virus.

Ganz so schlimm sah es auf unserem Server nicht aus.
Ganz so schlimm sah es auf unserem Server nicht aus.
Quelle: Blizzard

Hätte ich nur mehr Zeit

Mit meinen WoW-Erinnerungen könnte ich ganze Fotoalben füllen. Ich könnte noch vom absolut epischen Moment erzählen, als sich die Pforten von Ahn'Qiraj öffneten und den Server fast zum Erliegen brachten. Oder als ich mit einem Überbrückungskabel, das ich dank Ingenieur-Skillung fertigen konnte, unserer komplette Raid-Gruppe den Rückweg ersparen konnte. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, kribbelt es schon wieder unter meinen Fingern. Der Launch von «Classic» 2019 hat mir gezeigt, dass es für einmal nicht an der rosa Nostaligebrille liegt.

Das Spiel hat mich sofort wieder reingezogen, als hätte ich nie aufgehört. Faszination und Sucht liegen in «World of Warcraft» nahe beieinander. Das musste ich während des Studiums auf die harte Tour lernen. Ich spielte in jeder freien Minute. Sogar am Morgen vor dem Unterricht loggte ich mich regelmässig ein. Manchmal, um Ressourcen für Raids zu farmen oder um den Chat zu fragen, ob jemand Broken Tooth gesehen hatte. Das war das Tier mit der schnellsten Angriffsgeschwindigkeit und damit äusserst begehrt unter Jägern wie mir.

Meine Version von Broken Tooth hiess Fritz The Cat.
Meine Version von Broken Tooth hiess Fritz The Cat.
Quelle: Blizzard

Als ich auf das Ende des ersten Semesters zusteuerte, zeichnete sich ziemlich klar ab, dass ich ein Extrajahr anhängen würde. Ich entschied mich für den kalten Entzug: die Löschung all meiner Charaktere. R.I.P. Philardes und Co.. Ich wusste, sonst würde ich nicht widerstehen können. Aber es war bereits zu spät. Während sich mein Studium verlängerte, war meine Zeit mit «World of Warcraft» zu Ende. Vergessen werde ich sie aber nie.

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Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken. 


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