

«Yoga macht mich fertig» – auf Stippvisite in einem reinen Männer-Kurs
Yoga-Kurse nur für Männer sind ein Trend. Ich spreche mit einem Trainer über steife Hüften und warum Kerle andere Asanas als Frauen brauchen. Auf die Matte habe mich auch getraut.
Eine idyllische Siedlung am Rande Hamburgs. Einfamilienhäuser, viel Grün, wenig Autos. Hier bin ich mit Maik Güldenstern verabredet. Er ist Yoga-Lehrer und bietet bei «My Yoga Place» einen Kurs ausschließlich für Männer an. Ich darf heute dabei sein – als Frau.
Torpediere ich damit nicht den ganzen Sinn von Männer-Yoga?
Maik: Nein, gar nicht. Wir sind sogar ein bisschen aufgeregt, weil du mitmachst.
Was ist beim Männer-Yoga anders als beim gemischten Yoga?
Die reinen Männerklassen bieten eine Art Schutzraum. Männer sind unter sich und müssen sich nicht schämen, wenn sie ein bisschen ungelenker sind als Frauen. Ich kenne das von mir selbst. Als ich vor vielen Jahren mit Yoga anfing, brauchte ich sehr viel Mut und Überwindung, immer wieder in die Kurse zu gehen. Weil man natürlich die Fortschritte der anderen sieht und sich vergleicht. Und weil ich oft nahezu der einzige Mann war.
Der Klassiker!
Ja, der Quotenmann (lacht). Diese Hürde in einer gemischten Klasse zu überwinden, ist hart. In einer reinen Männergruppe gibt es sie nicht.

Wie ist die Atmosphäre in den Männer-Kursen?
Sie ist besonders. Vielleicht liegt es daran, dass wir einfach unter uns sind und auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch kommen. Einige Teilnehmer haben sich angefreundet. Wir sitzen nach den Stunden auch oft zusammen und reden über Dinge, die uns beschäftigen. Das ist wie Networking mit ganz viel Vertrauen. Es ist schön, dass so ein Ort entstanden ist.
Welche Männer kommen zu dir, gibt’s da einen bestimmten Typ?
Das ist sehr unterschiedlich. In dem Kurs, den du gleich mitmachst, liegt das Alter so zwischen 40 und 50 Jahren, quer durch alle Berufsgruppen. Ich gebe aber auch noch einen anderen Kurs, dort ist der Älteste 71. Und nicht alle Männer sind freiwillig hier.
Wie meinst du das?
Viele Männer entdecken erst dann Yoga für sich, wenn sie spüren, dass ihr Körper älter wird. Der Rücken zwickt, die Knie tun weh, irgendwas funktioniert nicht mehr so wie früher. Dann schickt sie vielleicht auch mal ein Orthopäde her. Oder ihre Frau. Ich kenne einige Teilnehmer, die einfach von ihren Ehefrauen angemeldet worden sind. Nach dem Motto: «Schatz, geh da mal hin.» Das Interessante ist aber: Die meisten Teilnehmer finden Yoga nach einigen Stunden so toll, dass sie freiwillig immer wiederkommen.
Brauchen Männer ein anderes Training als Frauen?
Auf jeden Fall. Männer sind aufgrund ihrer Anatomie oder ihrer Vorgeschichte oft weniger gelenkig. Ich habe etwa Fußballer in meinen Kursen, die irre viel laufen, aber ihre Beine kaum dehnen. Bei denen sind dann die Beinrückseiten so verkürzt, dass sie in der Vorbeuge nicht mal mit den Fingerspitzen auf den Boden kommen. Oder Männer, die viel schwimmen und Kraftsport machen – bei ihnen ist der Schultergürtel sehr eng. Sie können oft gar nicht richtig die Arme hochheben und gerade ausstrecken. Die Körperpartien kann man mit Yoga wieder öffnen und weicher machen. Allgemein sind auch die Hüften ein Problem.
Warum?
Die männliche Hüfte ist schmaler als die weibliche. Da fällt es manchmal schon schwer, sich überhaupt in den Schneidersitz zu setzen. Ich rate den Männern dann, sich ein Kissen unter den Hintern zu packen. Diese Erhöhung entlastet den unteren Rücken und öffnet die Hüften etwas. Das Sitzen ist dann weniger anstrengend.

Du trainierst ja auch Frauen. Gibt es Übungen, die bei ihnen herausfordernd sind?
Ja, alles, was mit Arm- und Oberkörperkraft zu tun hat. Also, die Planke, der Liegestütz oder die Asana «Delphin», bei der du dich auf den Unterarmen abstützt. Da muss ich aufpassen, dass ich in gemischten Klassen die Frauen nicht verliere, weil sie bereits keuchend auf dem Boden liegen, während die Herren noch gut mitkommen.
Frauen haben weniger Kraft in den Armen, stimmt’s? Geht mir genauso.
Genau. Und Frauen wollen auch weniger Kraftübungen in den Yoga-Klassen machen. Muskelaufbau ist ihnen nicht so wichtig. Bei den Männern ergibt sich hingegen oft eine Gruppendynamik, sich gegenseitig anzuspornen, auch die anstrengendste Asana durchzuziehen. Deswegen baue ich immer Elemente für den Kraftaufbau in meine Männer-Kurse ein.
Das ist jetzt vielleicht die absolute Klischee-Frage, aber: Mögen Männer Meditation und Achtsamkeit oder ist ihnen das zu esoterisch?
Sie mögen das. Es dauert nur etwas, bis sie auf den Geschmack kommen. Die meisten starten mit Yoga unter sportlichen Aspekten. Und merken erst mit der Zeit, dass Yoga viel mehr als «Turnen» ist. Diese Stille, einfach mal das Atmen beobachten, den Körper spüren – viele Teilnehmer schätzen diese Momente irgendwann sehr, weil sie ihnen im Alltag fehlen. Diejenigen, die schon länger praktizieren, wissen, dass sie beim Yoga noch einmal eine ganz andere Art der Stressresilienz lernen, die ihnen auch im Job hilft. Für mich ist Yoga ein ganzheitliches Konzept, schon allein wegen der Nähe zur Spiritualität. Dementsprechend lasse ich solche Elemente regelmäßig einfließen.
Wie bist du eigentlich Yoga-Lehrer geworden?
Ich habe in Griechenland und Indien eine Ausbildung gemacht. Eigentlich erst einmal nur für mich. Ich hatte gar nicht vor, Kurse zu geben. Irgendwann dachte ich dann: «Ach komm, das ist eine gute Ergänzung zu meinem Alltagsjob als Lehrer an einem Gymnasium.» Da liegt das Unterrichten irgendwie nicht so fern. Sportlehrer an der Schule wollte ich nie werden. Pubertierende Kinder sind schwer zu begeistern. Dann doch lieber Erwachsene, die freiwillig Lust auf Bewegung haben.
Was steht denn für heute im Kurs an? Es geht ja in 15 Minuten los.
Wir machen am Anfang eine Dankbarkeits-Meditation und zum Warmwerden zwei Runden Sonnengrüße. Danach habe ich mir einen kleinen Flow überlegt, der fordernd, aber nicht zu heftig ist. Und zum Schluss gibt es noch Krafttraining für den Bauch, bevor wir in der Schlussentspannung unserem Körper danken, dass er uns durch diese Yoga-Stunde getragen hat.

Als einzige Frauen auf der Matte
Mit diesen Worten entschwindet Maik in den Yoga-Raum. Ich schnappe mir meine Matte und folge ihm. Ein paar Männer haben sich bereits im Halbkreis hingesetzt, bewaffnet mit Meditationskissen, Wasserflasche und Handtuch. Es ist warm im Raum, draußen ist Sommer. Ich setze mich dazu. Das Männer-Yoga beginnt.
Maik führt routiniert durch die Stunde – genauso wie er sie mir beschrieben hat. Anfangsmeditation, dann wird es dynamischer. Ich mache mit und komme recht schnell ins Schwitzen. Die Asanas kenne ich alle, doch das Tempo ist deutlich flotter als in meiner Klasse, die ich seit drei Jahren besuche. Das meinte Maik also mit: «Männer wollen sich auspowern.» Ich ziehe trotzdem durch. Als wir im herabschauenden Hund kurz durchatmen, blicke ich um mich. Alle Teilnehmer geben ihr Bestes – und doch sehe ich, was der Trainer mir im Vorfeld beschrieben hat. Ich erblicke einige krumme Buckel. Verknickte Arme mit verkrampften Schultern. Beweglichkeit ist hier definitiv ein Entwicklungsfeld, wie man so schön sagt.
Bei den Kraftübungen für die Oberarme läuft das Spiel dann umgekehrt. Nun hängen mich die Herren wie erwartet gnadenlos ab. Maik leitet uns an, von der tiefen Hocke aus in die Krähe zu kommen. Du musst dir das so vorstellen: Du sitzt in der Hocke, stellst die Hände vor dir auf den Boden und hebst nun Popo und Füße an, sodass du am Ende nur noch von deinen Handflächen getragen wirst. Mir tropft der Schweiß von der Nase. Ich gebe auf – und schnappe mir mein Smartphone, um ein paar Fotos von dieser beeindruckenden Asana zu machen. Elegant gerettet, Anika.

Merke: Schweiß ist für alle da!
Nach der Schlussentspannung, dem Shavasana, quatsche ich den Herrn auf der Matte neben mir an. Er hat ziemlich viel geschnauft in den vergangenen 75 Minuten und guckt erschöpft. Ich will wissen, warum er zum Yoga geht.
«Mein Körper braucht das, ich bin viel zu steif», sagt er. Dann rollt er seine Matte zusammen. Beim Rausgehen dreht er sich noch einmal zu mir um: «Du musst dir das mal vorstellen: Ich bin Sportler, ich spiele Fußball, schwimme und fahre viel Fahrrad. Aber Yoga, diese Übungen, die machen mich fertig.» Ich schmunzle: «Ja, mich manchmal auch.»
Nach dem Kurs sitzen noch einige Männer mit Maik zusammen und trinken Tee. Sie unterhalten sich übers Wochenende und die Arbeit. Ein ganz normales Gespräch, das auch in einer Kneipe stattfinden könnte. Nur dann wohl eher mit Bier als mit Tee.
Als Kind wurde ich mit Mario Kart auf dem SNES sozialisiert, bevor es mich nach dem Abitur in den Journalismus verschlug. Als Teamleiterin bei Galaxus bin ich für News verantwortlich. Trekkie und Ingenieurin.
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