
Caroline Wahl: Wie St. Moritz zum Schauplatz ihres vierten Romans wurde
Samara war bisher nur die beste Freundin von Ida aus «Windstärke 17». In «1999 Meter über dem Meer» bekommt sie ihre eigene Geschichte – und landet in St. Moritz, wo sie sich als Fotografin ausgibt. Caroline Wahl über Mut, Hochstapelei, die Kunstszene im Engadin und die Frage, ob nächstes Jahr schon Buch Nummer fünf kommt.
Caroline Wahl ist mit ihrem vierten Roman «1999 Meter über dem Meer» auf Lesetour durch Deutschland und die Schweiz. Eine Station ist St. Moritz – ein Schauplatz des Buchs.
Dieses Interview ist die gekürzte Fassung eines öffentlichen Bühnengesprächs vom Dienstag, 20. Oktober, das ich in St. Moritz moderiert habe. Ich kenne Caroline Wahl seit rund einem Jahr. Bis August 2026 habe ich für St. Moritz Tourismus AG gearbeitet – jene Organisation, die Caroline Wahl bei der Recherche zum Roman unterstützt hat. In der Danksagung des Buchs werde ich erwähnt.
Du bist heute aus Zürich angereist – Samara ist ungefähr zur gleichen Jahreszeit ungefähr dieselbe Strecke gefahren. Deine Protagonistin bekommt beim Anblick der Berge fast einen Herzinfarkt. Geht es dir ähnlich?
Caroline Wahl: Es ist schon überwältigend, vor allem auf dem Julierpass – da versteht man auch, wie klein und nichtig man selbst ist und wie gross und überwältigend die Welt. Meer und Berge lösen gleichermassen Faszination in mir aus, aber Berge finde ich von der Wirkung her noch beängstigender und krasser. Und jetzt durchs Dorf zu laufen und all die Orte zu sehen, die im Roman eine Rolle spielen, das ist ein ganz komisches Gefühl.
Von der Nebenfigur zur Hauptfigur
Samara ist die beste Freundin von Ida aus «Windstärke 17». Wann wusstest du, dass Samara eine eigene Geschichte bekommt?
Als ich «Die Assistentin» fertig hatte, hatte ich kurz Panik und mir gedacht: «Scheisse, worüber schreibe ich jetzt?» Ich wollte ja schnell nachlegen. Und dann habe ich zuerst einen Drachenroman geschrieben und war da voll vertieft und hatte eine richtig gute Zeit. Ich habe auch meinen Eltern erzählt, ich würde nur an Heiligabend kommen, danach müsse ich direkt zurück nach Kiel und weiterschreiben. Ich schickte die ersten dreissig Seiten meinem Lektor und meiner Agentin. Die fragten dann, ob ich auch noch was anderes hätte. Also habe ich überlegt, ob ich noch eine andere Idee habe. Und mir gefällt die Vorstellung, immer mal wieder in diesen «22 Bahnen»-Kosmos einzutauchen, zu schauen, wie’s Tilda, Ida und Co. so geht, und auch mal Zeit mit einer anderen Figur zu verbringen. Ich fragte mich, mit wem ich denn losziehen könnte, und Samara war sofort präsent. Im Gegensatz zu Tilda und Ida ist sie eher zurückgenommen, eine angepasste, fleissige Studentin, eine sehr fürsorgliche Freundin und eben nicht so wild und rücksichtslos wie Ida. Und da hab ich mich gefragt, ob's in ihr auch brodelt und sie auch aufbrechen will.
Im Titel des 22-Bahnen-Kosmos steht immer eine Zahl, und Samaras Reise folgt einer Alliteration: Bali, Berlin, Berge. Zufall oder Kalkül?
Ich würd sagen, Tilda ist schuld. Tilda ist ja Mathematikerin und liebt Zahlen. Und jetzt finde ich’s eben schön, dass es sich so einreiht und im Titel immer eine Zahl steht.
Die Alliteration hat Samara so in die Hand genommen. Es hat auf Bali angefangen und ich wusste auch noch gar nicht genau, wo es hingeht. Ich wusste schon, dass ihre erste berufliche Stelle in Berlin ist, aber das mit St. Moritz wusste ich gar nicht. Aber ich wusste, sie muss in die Berge, weil sie noch nie in den Bergen war und das Meer ja scheisse findet. Da muss sie sich ja zumindest mal die Berge anschauen! Sie landet dann zuerst im Allgäu, aber das ist ihr zu provinziell, und es geht weiter nach St. Moritz. Samara und mich eint diese Faszination für extreme Orte. Und ich wollte einfach mal hin, wollte sehen, wie’s wirklich ist. Und da habe ich mich voll gefreut, dass ich dank Samara auch mal hierher kommen konnte. Wir kannten St. Moritz beide nur aus taff-Beiträgen.

Quelle: Stefanie Liechti
Wie St. Moritz in den Roman kam
Wie kam's denn dazu, dass St. Moritz einer der Schauplätze –vielleicht fast der wichtigste – in diesem Roman wurde?
Ich habe in Berlin mal einen Galeristen kennengelernt, dessen Freundin in der Kunstbubble in St. Moritz unterwegs ist und immer über Weihnachten und Silvester hinfährt. Ich habe ihn dann ein bisschen ausgefragt, wie das so ist da oben. Das sind so Sachen, die mich im Alltag beschäftigen, ohne dass ich direkt daran denke, darüber einen Roman zu schreiben. Und dann bin ich im Schreibmodus und Fritzi [A.d.R der Love Interest von Samara] sagt, er habe eine Wohnung in St. Moritz, und so ist das passiert.
Wie bist du an deine Recherche herangegangen?
Im Alltag spiele ich meine Autorinnen-Karte ja nie aus. Ich gehe nicht in ein Restaurant und sage: «Hey, ich bin Autorin, gebt mir einen Tisch» oder so ähnlich. Für diesen Roman habe ich diese Karte zum ersten Mal ausgespielt und gemerkt: Das funktioniert ja ganz gut! Ich habe das Tourismusbüro angeschrieben und gesagt, ich schreibe einen Roman über euer Dorf. Könnt ihr mir das zeigen? Und so habe ich Orte kennengelernt, die ich alleine wahrscheinlich nie gefunden hätte, und Geschichten gehört, die ich sonst nicht erfahren hätte. So hat Samara auch mich mutiger gemacht. Und manche Leserinnen und Leser kommen nach einer Lesung zu mir und sagen, Samara hätte auch sie mutiger gemacht.
Im Alltag spiele ich meine Autorinnen-Karte ja nie aus.
Hat sich deine Sicht auf St. Moritz verändert, als du hier warst?
Die hat sich total verändert! Ich glaube, es sind zwei Dinge: Die Natur ist einfach überwältigend und wahnsinnig schön. Auch jetzt sieht es wieder komplett anders aus als vor drei Wochen, als ich das letzte Mal hier war. Und das Zweite sind die Menschen, die hier wohnen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die die Natur zu schätzen wissen und sie voll ausschöpfen – und beispielsweise in der Mittagspause Skifahren gehen! Eigentlich wollte ich ja, dass es wirklich ein Roadnovel wird und Samara die ganze Zeit unterwegs ist und dann nach Italien fährt. Und dann war ich eben während des Schreibprozesses hier – und wir sind beide hängengeblieben.
Hochstapeln, um zu sich zu finden
Samara kämpft vor allem zu Beginn mit dunklen Gedanken. Lösen diese sich im Verlauf des Buchs auch dadurch, dass sie sich dann als jemand anderes ausgibt?
Ich glaube, sie findet in diesem Hochstaplersein mehr zu sich selbst. Sie nimmt ihre eigene Identität und Geschichte nicht mit. So lernt sie, die Depression und die dunklen Wolken besser zu kontrollieren. Am Anfang hat sie keine Orientierung und das ändert sich dann in den Bergen.
Sie schleust sich in die Kunstszene ein und gibt sich als Fotografin aus. Wie kommt’s, dass die Kunstbubble so einen grossen Platz im Roman bekommt?
Die Kunstwelt ist einfach spannend und Kunst an sich ist ja eine Hochstaplerei, oder? Man behauptet Dinge, die man quantitativ nicht verifizieren kann. Samara kann schliesslich nicht sagen, sie ist Skiläuferin, da fliegt sie dann schnell auf. Ich wollte mit diesem Roman auch nichts bewerten, nicht die Kunstszene, nicht die Menschen. Ich will einfach mit Samara abhängen und beobachten.
Kunst an sich ist ja eine Hochstaplerei, oder?
Auf dem Cover ist ein Plakatsujet der 2. Internationalen Automobilwoche von 1930 zu sehen. Wie hast du das Bild gefunden?
Das war die Idee meines Lektors. Er ist sehr kunst- und plakataffin und wir wussten sofort: Das ist es! Und erst hinterher haben wir herausgefunden, dass es den Berninapass zeigt, der im Roman auch eine Rolle spielt. Das war ein absoluter Full-Circle-Moment.

Quelle: Carmen Baumann
Zurück in die Schweiz
Du hast ein Jahr in Zürich gelebt und gearbeitet. Wie war diese Zeit?
Ich hatte damals eine wirkliche Kackzeit in Zürich. Ich hab da ein Jahr gelebt und als Assistentin in einem renommierten Verlag gearbeitet. In der Zeit hab ich dann «22 Bahnen» geschrieben. Ich wollte einfach nur weg aus dieser Stadt und bin dann aus Trotz nach Rostock gezogen, weil ich schon immer mal am Meer leben wollte.
Und heute?
Die ersten Jahre hatte ich auch Lesungen in Zürich und es war immer doof, wieder zurückzukehren. Die Stadt war irgendwie zu schön, zu reich und hat mich immer an das Jahr dort erinnert. Jetzt kippt's aber, ich hab damit abgeschlossen. Und gestern hatte ich einen besonderen Moment: Ich stand am See und hatte so ein Gefühl, dass ich hier mal leben könnte.
Ich stand am See und hatte so ein Gefühl, dass ich hier mal leben könnte.
Der Drachenroman und das fünfte Buch
Du bist momentan auf Lesereise. Schreibst du auch während dieser Zeit?
Ja, ich versuche immer zu schreiben. Morgens in der Hotellobby oder im Frühstückssaal setze ich mich gerne mal hin und tauche in die Geschichte ein. Das ist ein Stück weit wie zu Hause sein. Wenn ein Projekt abgeschlossen ist, dann brauche ich sofort das nächste, sonst ist da so eine Leere.

Quelle: Stefanie Liechti
Du hattest anfangs einen Drachenroman erwähnt. Wird es irgendwann mal …
Ich sag schon ja, bevor du die Frage fertiggestellt hast. Der muss kommen, oder?
Auf jeden Fall! Du hast seit deinem Debüt «22 Bahnen» jedes Jahr ein Buch veröffentlicht. Die grosse Frage: Gibt es nächstes Jahr schon das fünfte Buch?
Ich überlege gerade noch. Die Leute scheinen auch wütend zu sein, dass ich so schnell nachliefere. Da dachte ich mir, dann kann ich mir ja auch mal mehr Zeit lassen – und schauen, ob sie das glücklicher macht.
Kannst du schon etwas über das nächste Buch verraten?
Ich hab mich zum ersten Mal an einer männlichen Perspektive versucht. Es ist ein multiperspektivischer Roman. Das mag ich sowieso, wenn sich dann Perspektiven so verschränken und gezeigt wird, wie ähnlich oder unterschiedlich Sachen wahrgenommen werden. Damit spiele ich gerade und es macht total Spass!
Leidenschaftliche Leserin und laute Lacherin. Ein Buch darf in meiner Tasche nie fehlen, und ja, immer ein physisches. Von Taylor Jenkins Reid über Kristin Hannah, von Biografien bis hin zu Sci-Fi und Fantasy: Wenn dich die Welt der Bücher interessiert, dann bist du hier richtig.
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