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Anna Sandner
Hintergrund

55 421 Schritte später: So habe ich meine erste Frankfurter Buchmesse erlebt

Ich bin Planerin. Für meinen ersten Besuch der Frankfurter Buchmesse hiess das: Messeplan ausgedruckt, Veranstaltungen eingetragen, U-Bahn-Verbindung gecheckt, Presseraum ungefähr verortet. Bequeme Schuhe, Powerbank, Trinkflasche und Tote-Bag lagen bereit. Was soll da noch schiefgehen? Wie es wirklich lief, lest ihr hier.

Neben der ganzen Planung für die Buchmesse 2026 habe ich mir auch vorgenommen, mich etwas treiben zu lassen. Denn es zeigt sich schnell: Planung aus der Distanz ist das eine, die Situation vor Ort das andere.

Tag 1, oder: Die grosse Orientierungslosigkeit

Es beginnt mit meinem Koffer. Den möchte ich schnellstmöglich in einer Garderobe abgeben. Das Problem nur: Zweimal stehe ich vor verschlossenen Türen, bei sonnigen 24 Grad, mit Rucksack und Koffer, auf einem riesigen Messegelände. Auf gut Glück gehe ich in Halle 3 und bin erst mal überwältigt: Hier sind die meisten grossen Verlage, die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und der Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband (SBVV). Ich fühle mich wie die verwirrte Protagonistin in einem Liebesroman, als ich meinen Koffer über den roten Teppich schleppe (ja, wirklich).

Trotz all der Bücher bringe ich einen klaren Gedanken zustande: An der Seite des Gebäudes gibt es sicher Garderoben. Und siehe da: sogar zwei. Der nette Herr dort sieht mir offenbar an, was ich hinter mir habe: «Sie sehen ja erleichtert aus!» Die Erleichterung hält zehn Sekunden, dann stellt sich heraus, dass das Kartenlesegerät nicht funktioniert. Mit mitleidigem Blick schickt er mich «zehn Meter weiter» zur nächsten Garderobe. Da klappt's und mir fällt eine Last von den Schultern.

In der Theorie kenne ich den Lageplan, wie sieht's in der Praxis aus?
In der Theorie kenne ich den Lageplan, wie sieht's in der Praxis aus?
Sagen wir es so: Die Wegweiser sind hilfreich.
Sagen wir es so: Die Wegweiser sind hilfreich.
Das Schweizerkreuz gibt Aufschluss: Der Stand des SBVV.
Das Schweizerkreuz gibt Aufschluss: Der Stand des SBVV.
Mit geschlossenen Garderoben habe ich nicht gerechnet.
Mit geschlossenen Garderoben habe ich nicht gerechnet.

Bis zum ersten Talk bleibt eine halbe Stunde, also suche ich auf der «Agora», dem grossen Platz inmitten der Hallen, etwas zu essen. Falafel, Shawarma, Udon, Fish & Chips: Die Auswahl ist endlos, und ich nehme mir vor, jeden Tag einen neuen Foodstand auszuprobieren. Um 12.30 Uhr fürs Mittagessen anzustehen, war nicht die klügste Idee: Ich muss meine Falafel Bowl herunterschlingen, um rechtzeitig zum ersten Talk zu kommen. Er heisst «Die Zukunft liest sich nicht von allein – Gemeinsam gegen die Lesekrise». Die zentrale Frage: Wie sorgen wir dafür, dass kein Kind ohne Bücher aufwächst? Die drei wichtigsten Learnings von Laura Trost, der Leiterin Marketing und Kommunikation der Stiftung Lesen (Fokus Deutschland):

  • Laut PISA-Studie hat jeder dritte 15-Jährige eine mangelnde Lesekompetenz. Das hat Folgen im Alltag, etwa wenn man beim Arzt etwas nachlesen muss.
  • Wortschatzunterschiede beginnen bereits im zweiten Lebensjahr. Die Stiftung Lesen hat deshalb die Kampagne «Ich lese vor – du auch?» lanciert.
  • Was zu Hause nicht vorkommt, macht man selbst auch nicht: Wenn keine Bücher herumliegen und man Erwachsene nicht lesen sieht, liest man auch selbst nicht.

Danach geht es in Halle 5 zu einem Interview der «Die Zeit» mit Ruth-Maria Thomas. Ihr Debüt «Die schönste Version» habe ich im August gelesen und geliebt. Ihr zweiter Roman «Die zweitgrösste Liebe», den sie direkt im Anschluss zu schreiben begann, steht noch auf meiner Liste. Der Talk überzeugt mich so sehr, dass ich direkt zum Stand von dtv stiefle und das Buch kaufe. Book Count: +1.

Dann erkunde ich den Presseraum. Der Weg ist eine kleine Odyssee: Irgendwann ist er nicht mehr angeschrieben, und es geht etwas verlassen zwischen Halle 4 und 5 hindurch bis zum «Torhaus». Aber es lohnt sich: Das Pressezentrum liegt im 4. Stock, mit toller Aussicht, ruhig und hell, perfekt fürs Nervensystem.

Zum Presseraum ist es zwar eine Odyssee, ...
Zum Presseraum ist es zwar eine Odyssee, ...
... aber für diese Aussicht lohnt es sich allemal.
... aber für diese Aussicht lohnt es sich allemal.
Autorin Ruth-Maria Thomas erzählt über ihren zweiten Roman.
Autorin Ruth-Maria Thomas erzählt über ihren zweiten Roman.
Gisèle Pelicot auf der Literaturbühne – was für eine starke Frau!
Gisèle Pelicot auf der Literaturbühne – was für eine starke Frau!

Mein persönliches Highlight des Tages: Gisèle Pelicot im Gespräch auf der Literaturbühne. Wer meine «Monatsbücher» liest, weiss, dass mich ihre Memoiren ergriffen hat. Entsprechend voller Macht, Stärke und Lebensfreude ist ihr Auftritt.

Sie [die Peiniger] müssen den Blick senken und ich werde das durchstehen, ich werde hocherhobenen Hauptes vor ihnen stehen.
Gisèle Pelicot

Zum Abschluss meines ersten Messetages drehe ich eine Runde durch die Festhalle, die ganz im Zeichen von New Adult und Fantasy steht. Für eine gründlichere Runde ist morgen Zeit, bevor am Freitag die Publikumsmesse beginnt.

Tag 2, oder: Die Ruhe vor dem Ansturm

War es gestern noch sonnig, herrscht heute Regen vor und es ist herbstlich frisch. Mir wurde geraten, während der Fachbesuchertage die verschiedenen Stände auszukundschaften, bevor am Freitag um 11 Uhr die Publikumsmesse beginnt. Wer bin ich, das anzuzweifeln? Mit Cappuccino in der Hand schlendere ich durch die Festhalle. Erster Stopp: der Stand des Book Bash Festivals, das nächsten Sommer als Deutschlands erstes Open-Air-Book-Festival stattfindet. Ich bastle mir ein Friendship Bracelet: «I♡Books», für Kreativeres hat’s dann nicht gereicht. Bei einem anderen Stand ist es schliesslich um mich geschehen: Ich kaufe vier Paar Socken. Bereue ich es? Nein. Aber ich muss hier raus, bevor ich noch mehr Schaden anrichte.

Zugegeben, ganz so originell ist I♡Books nicht.
Zugegeben, ganz so originell ist I♡Books nicht.
Ich liebe alles daran.
Ich liebe alles daran.
Das Weinrot der Socken passt perfekt zum Farbschema der Messe.
Das Weinrot der Socken passt perfekt zum Farbschema der Messe.

Danach folgt ein Paneltalk zur Lesekrise, organisiert vom Rotary Club Elementarbildung. Die Top-3-Erkenntnisse:

  • Lesen ist Lesen, egal welches Genre. Die Genres sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn Lesefreude führt zu Lesekompetenz.
  • Wenn eine ganze Klasse dasselbe Buch lesen muss, ist das zum Scheitern verurteilt. Anschauliches Beispiel aus dem Panel: Im Publikum würden sich einige über Kafka freuen, ebenso viele (oder mehr) aber nicht.
  • Lesen ist das einzige Medium, bei dem man nicht bereut, es genutzt zu haben, im Gegensatz zu Social Media.

Direkt im Anschluss, zum Glück in derselben Halle, liest Yael Inokai auf der OFF Bühne Schweiz aus «Die Auster». Damit ist sie nominiert für den Schweizer Buchpreis.

Mit ihrem vierten Buch «Die Auster» betritt Yael Inokai Krimi-Terrain.
Mit ihrem vierten Buch «Die Auster» betritt Yael Inokai Krimi-Terrain.
Produktbild Die Auster (Deutsch, Hardcover, Yael Inokai)
Belletristik
EUR23,–

Die Auster

Deutsch, Hardcover, Yael Inokai

Dann habe ich noch eine Mission: einen Pinguin-Pin von Penguin Random House ergattern. Ich habe ihn gestern schon gesehen, und er lässt mich nicht mehr in Ruhe. Das Logo geht auf die Anfänge des Penguin-Verlags in den 1930er-Jahren zurück: Gründer Allen Lane wollte günstige, aber hochwertige Taschenbücher auf den Markt bringen und suchte einen Namen, der «würdevoll und frivol» daherkommt. Eine Sekretärin schlug einen Pinguin vor, im Londoner Zoo entstanden Skizzen. Erfolg, auch für mich: Der Pin ist ab jetzt mein Begleiter.

Der Pinguin-Pin und ich – ein starkes Team.
Der Pinguin-Pin und ich – ein starkes Team.

Tag 3, oder: Der Sturm zieht auf

Um 9 Uhr stehe ich auf der Matte, es ist noch ruhig. Viele Fachbesucher ziehen mit Koffern umher. Sie haben ihren Messebesuch bald hinter sich, eine weise Entscheidung, wie sich spätestens am Sonntag herausstellen wird. Doch ich bleibe, denn für meine erste Buchmesse will ich alles erleben.

Die Halle 3 um 09:49 Uhr...
Die Halle 3 um 09:49 Uhr...
... und um 15:03 Uhr.
... und um 15:03 Uhr.

In Halle 5 stosse ich zufällig auf ein TV-Interview mit Sebastian Fitzek, der zum 20-Jahr-Jubiläum einen riesigen Stand hat. Noch ist der Stand wenig besucht, das ändert sich im Laufe des Tages: Für ein Autogramm steht man zwischen eineinhalb und drei Stunden an.

Ungeplant bleibe ich bei einem Flyer zu Hera hängen, einer Raumsonde der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Alles mit Raumfahrt nehme ich mit Handkuss mit. Die Frage der ESA: «Können wir einen Asteroiden abwenden, der auf dem Weg zur Erde wäre?» Die Antwort erfährst du in einem späteren Artikel. Nur so viel: Es war ein langer Weg, bis sich die Frage überhaupt im Feld beantworten liess.

«Die ESA-Sonde Hera untersucht, wie gut sich Asteroiden ablenken lassen.
«Die ESA-Sonde Hera untersucht, wie gut sich Asteroiden ablenken lassen.
Review: Das passende Buch zum Projekt.
Review: Das passende Buch zum Projekt.

Mein nächster Termin ist ein Paneltalk, «Found in Translation – oder was Original verloren geht». Die drei grössten Erkenntnisse:

  • Wörtliches Übersetzen gibt es nicht, manchmal muss man sich weit vom Original entfernen.
  • Verluste sind unvermeidlich, manchmal gibt es aber auch Verbesserungen. Übersetzerinnen und Übersetzer sind ein weiteres Lektorat.
  • So wie einem ein Autor gefallen muss, so ist es auch bei Übersetzern. Nicht jeder Übersetzer gefällt jedem Leser.

Nachmittags folgen die Lesungen: ein Live-Podcast mit Caroline Wahl und Mona Ameziane in der Buch Lounge und eine Kurzlesung von Lukas Bärfuss aus «Königin der Nacht» auf der OFF Bühne Schweiz, ebenfalls nominiert für den Schweizer Buchpreis.

Produktbild 1999 Meter über dem Meer (Deutsch, Hardcover, Caroline Wahl)
Belletristik
EUR24,–

1999 Meter über dem Meer

Deutsch, Hardcover, Caroline Wahl

Produktbild Königin der Nacht (Deutsch, Hardcover, Lukas Bärfuss)
Belletristik
EUR22,–

Königin der Nacht

Deutsch, Hardcover, Lukas Bärfuss

Caroline Wahl erzählt von ihrem neuen Roman «1999 Meter über dem Meer»,
Caroline Wahl erzählt von ihrem neuen Roman «1999 Meter über dem Meer»,

Auffallend: Es sind viele junge Menschen da, vor allem in der Festhalle, wo sie für Bücher der Romantasy und New Adult anstehen. Gestern musste ich nirgends anstehen, jetzt zieht sich die Schlange vor jedem Stand. Und wenn es heute schon so ist, wie wird es dann morgen? Samstag ist bekanntlich der besucherstärkste Tag.

Tag 4, oder: Die Reizüberflutung

Die Reizüberflutung beginnt schon in der U‑Bahn. Am Hauptbahnhof steigen haufenweise Leute ein, ich blende sie weitestgehend aus. Beim Aussteigen an der Haltestelle «Festhalle/Messe» höre ich einen Herrn schmunzelnd sagen: «Alles Bücherwürmer!» Ich muss lächeln. Ja, die vielen Leute sind vielleicht zu viel, aber ist es nicht schön, dass so viel Interesse an der Bücherwelt besteht? Und trotzdem sehne ich mich ein wenig nach den ersten zwei Messetagen. Mir ist bewusst, was für ein Privileg es war, da zu sein, als «nur» das Fachpublikum zugelassen war.

Mein erster Stopp ist das kleine Kaffeemobil zwischen Halle 4 und 5, mittlerweile fast mein Stammstand, und wie erhofft gibt es noch keine Schlange. Ich bestelle einen doppelten Cappuccino (ja, so ernst ist es) und richte mich im Pressezentrum ein, um meinen Plan anzuschauen und erste Textentwürfe zu schreiben. Mein Nervensystem fährt herunter, während der Cappuccino kickt, eine gute Kombination.

Auf dem Rückweg sehe ich eine riesige Warteschlange: Die Bücherwürmer wollen nach Lyxville, eine kleine Stadt, die der Lyx-Verlag extra für die Leserinnen aufgebaut hat. Wartezeit: zwei Stunden. Da bleibt genug Zeit, um ein paar Seiten in einem Buch zu lesen.

Produktbild The Knight and the Moth (Deutsch, Hardcover, Rachel Gillig)
Belletristik
EUR24,–

The Knight and the Moth

Deutsch, Hardcover, Rachel Gillig

The Knight and the Moth (Deutsch, Hardcover, Rachel Gillig)
EUR24,–

The Knight and the Moth

Deutsch, Hardcover, Rachel Gillig

Abends bin ich beim Lesefest Open Books. Frankfurt ist in diesen Tagen auch abseits des Messegeländes im Buchfieber. Lesungen, Buchvorstellungen und Interviews finden mitten in der Altstadt, bei freiem Eintritt, statt. Heute lesen die Nominierten für den Schweizer Buchpreis im 500 Jahre alten Rathaus. Die Preisverleihung für den Buchpreis ist am Sonntag, 15. November, im Rahmen der BuchBasel.

Tag 5, oder: Der Abschied

Der letzte Messetag ist entspannt. Er beginnt einmal mehr mit einem doppelten Cappuccino, bevor es zu meiner liebsten Bühne geht, der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3Sat. Am Vormittag liest Sarah Elena Müller aus «Unwucht», ebenfalls nominiert für den Schweizer Buchpreis. Danach folgt eine Podcast-Aufzeichnung zu «Der Heated Rivalry-Effekt: Wie gehen gute BookTok-Verfilmungen?». Nachmittags verabschiede ich mich müde, mit 55 421 Schritten in den Beinen, vier Paar Socken, einem Buch, einem Friendship Bracelet und einem Pin und voller Inspiration von der Frankfurter Buchmesse.

Danke Frankfurter Buchmesse, es war toll. Aber ich brauche jetzt erstmal Ruhe.
Danke Frankfurter Buchmesse, es war toll. Aber ich brauche jetzt erstmal Ruhe.

Mein Fazit, oder: Die Frage aller Fragen

Einen Besuch an der Frankfurter Buchmesse muss man wollen: Die Messe ist ein riesiger Apparat, der 236 000 Besucherinnen und Besucher anzieht. Da stockt einem der Atem, denn gefühlt begegnet man ihnen allen gleichzeitig. Willst du einfach nur neue Bücher kaufen, lohnt sich der Besuch meiner Meinung nach nicht allein dafür. Die meisten Bücher bekommst du auch abseits der Messe. Und ob du mehrere Stunden für Sebastian Fitzek, Lyxville oder ähnliche Stände anstehen möchtest, ist natürlich dir überlassen. Wenn du aber gerne Talks, Interviews, Lesungen und Podcasts besuchst und einen Blick hinter die Kulissen der Buchbranche werfen willst, dann ist das eine andere Geschichte. Pick dir zwei bis drei Veranstaltungen pro Tag heraus und plane Pausen – und vor allem Geduld – ein. Als Privatbesucherin oder Privatbesucher reichen zwei Tage, vielleicht sogar einer.

Hast du Fragen zur Frankfurter Buchmesse? Oder interessiert dich ein spezifisches Thema? Schreib’s mir in die Kommentare.

Titelbild: Anna Sandner

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Leidenschaftliche Leserin und laute Lacherin. Ein Buch darf in meiner Tasche nie fehlen, und ja, immer ein physisches. Von Taylor Jenkins Reid über Kristin Hannah, von Biografien bis hin zu Sci-Fi und Fantasy: Wenn dich die Welt der Bücher interessiert, dann bist du hier richtig. 


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