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Hintergrund

Papa lernt Pokémon, Teil 1: Die absoluten Basics für Eltern

Michael Restin
11.8.2026
Bilder: Christian Walker

Mein Sohn sammelt Pokémon. Ich habe keine Ahnung davon. Zuckst du bei diesem Thema auch mit den Schultern? Dann komm mit mir zu den Experten: Zunächst geht es um Booster, Sets und die Frage, was Kinder eigentlich sammeln wollen.

Was Pokémon betrifft, bin ich völlig ahnungslos. Ich erkenne Pikachu, das war's dann aber auch. Als der Hype losging, war ich schon etwas zu alt und das Thema hat mich nie mehr eingeholt. Jetzt ist es so weit: Mein Sohn sammelt und spricht auf einmal eine Fremdsprache. Glurak, ex, VMAX, Holo – was ist das? Worum geht es? In einer Beitragsreihe will ich es herausfinden. Denn im Moment sehe ich nur Karten, die mal mehr, mal weniger glitzern.

Anfangs belächle ich das Hobby. Ich merke aber schnell, dass mein Sohn voll im Thema ist, und will mehr darüber wissen. Wir packen seine besten Karten ein und fahren gemeinsam ins TwoMoons, eine Trading-Card-Game- und Boardgame-Bar in Stettbach. Dort treffen wir Jonas Rudin, Mitgründer des Ladens und ehemaliger Galaxus-Kollege, sowie Patrick Landis, der Turnierspieler ist und als Mitarbeiter die Pokémon-Community im TwoMoons betreut.

Patrick (Mitte) und Jonas (rechts) fachsimpeln mit meinem Sohn und versuchen, meine Fragen so einfach wie möglich zu beantworten.
Patrick (Mitte) und Jonas (rechts) fachsimpeln mit meinem Sohn und versuchen, meine Fragen so einfach wie möglich zu beantworten.

Mein Sohn breitet seine Karten aus, schon sind die drei im Thema. «Das sind ein paar Schätze», sagt Patrick. Ich höre mehrfach die Worte «Fatale Flammen» und ich drohe bereits in den ersten Minuten den Faden zu verlieren. Für mich müssen wir wirklich weiter vorne anfangen, flehe ich.

Ich weiss nur, dass man Pokémon auch spielen kann, bei den meisten Kindern aber sammeln und tauschen das grosse Thema ist. Also bitte, holt mich ab. Was muss ich denn als Erstes wissen, wenn mein Kind mit dem Sammeln beginnt?

Booster, Sets und der Kampf um die Karten

«Vielleicht interessiert dich erstmal, wie man an die Karten kommt», sagt Jonas und fächert ein paar bunte Verpackungen auf. Grundkurs, Lektion 1: Ein Set ist eine zusammengehörige Kartenserie. Booster sind zufällig zusammengestellte Packs mit Karten aus einem solchen Set. «Darin hast du unterschiedlich viele Karten. Die meisten japanischen Sets enthalten nur fünf Karten pro Booster, im deutschen und englischen haben wir zehn Karten.» Bis hierhin kann ich folgen, die Booster-Packs kenne ich und merke mir: Es gibt verschiedene Sprachversionen und anscheinend sind alle interessant.

Booster Packs kenne ich. Dass das Sammelkartenspiel in 13 Sprachen erhältlich ist, wusste ich nicht.
Booster Packs kenne ich. Dass das Sammelkartenspiel in 13 Sprachen erhältlich ist, wusste ich nicht.

«Reguläre Sets kommen ungefähr alle drei Monate heraus, dazwischen gibt es diverse ergänzende Produkte und Sondersets», fährt Jonas fort. «Solche Sets kommen in unterschiedlichen Varianten. In einem Display sind 36 Boosters drin. Bundles enthalten sechs Boosters, ausserdem gibt es zum Beispiel Tins mit zwei oder vier Boosters – also die unterschiedlichsten Formen.» Sondersets richten sich mehr an die Sammlerszene.

Warum Booster manchmal fehlen

All die Tins und Bundles sind zu teuer, um sie im grossen Stil vom Sackgeld zu ergattern. «Wo kaufst du die Booster eigentlich?», will ich von meinem Sohn wissen. «In der Migros oder bei Coop kann man an der Kasse fragen, ob sie welche haben, und dann bekommt man sie manchmal einzeln.» Oft aber auch nicht. «Seit zwei Monaten haben sie nichts mehr gehabt», erfahre ich.

Das ist nicht zwingend Pech, man muss wirklich schnell sein: «Es kommen Leute und versuchen, möglichst alles auf einmal zu kaufen und teurer weiterzuverkaufen», erklärt Jonas. «Das nennen wir im Fachjargon Scalping. Diese Leute wollen ein Business daraus machen und das ist ein Problem im Hobby.» Wer Freude am Sammeln hat, bekommt hart kalkulierende Konkurrenz, die on- und offline die Regale plündert.

Booster und Tins sind nur zwei von etlichen Varianten.
Booster und Tins sind nur zwei von etlichen Varianten.

Pokémon-Karten sind längst nicht nur für Spielerinnen und Sammler interessant, sondern für viele ein Investment. Schlagzeilen um die mit über 12 Millionen Franken teuerste Karte der Welt oder eine sagenhaft wertvolle Schweizer Sammlung landen in den Medien.

Jeder Booster eine kleine Lotterie

Trotzdem ist mir neu, dass der Kampf um die Karten schon in der Migros nebenan beginnt und die Jüngsten betrifft. Ich dachte, es streiten sich Leute mit Geld um die schönsten historischen Sammlerstücke. Aber nein, es kann schwer sein (oder teuer werden), an aktuelle Karten ranzukommen. «Wenn die Pokémon Company alles richtig macht, dann drucken sie so viele Karten, dass es für alle Leute reicht, die spielen wollen», sagt Jonas. «Alle, die sammeln, dürfen dagegen nicht ganz so viel bekommen, wie sie wollen.» Die Pokémon Company selbst beteuert, gerne noch mehr unter die Leute bringen zu wollen: Sie kündigt aufgrund der sehr hohen Nachfrage so schnell wie möglich Nachdrucke an.

Einzelne, besonders begehrte Karten können frisch aus einem Booster mehrere Hundert Franken wert sein. Das sind natürlich Ausnahmen, doch jedes Pack ist eine kleine Lotterie. Es lohnt sich also zu schauen, was das Kind aus seinem ersten Booster zieht und vielleicht mit in die Schule nimmt. Wer wenig über die Karten weiss, kann auf dem Pausenplatz leicht einen sehr ungleichen Tausch machen. Ein wenig Wissen hilft, die Situation besser einzuschätzen und gezielter zu sammeln. Die Kinder lernen schnell und wissen bald: Mit Tauschen oder dem Einzelkauf kommen sie eher an ihr Ziel. Ein Ziel, das man als Elternteil kennen sollte.

Nicht jedes Pokémon macht glücklich

«Am Anfang sollten Eltern erstmal rausfinden, wofür genau sich das Kind interessiert», sagt Jonas. Sammeln oder spielen? Meiner Erfahrung nach sammeln die meisten Kinder. Nur was? «Manche finden ein bestimmtes Pokémon toll und wollen zum Beispiel einen ganzen Sammelordner mit allen Umbreons haben. Andere sammeln einen Pokédex, das heisst, sie wollen von jedem Pokémon eines haben. Oder sie wollen ein Set komplettieren. Da kann man wirklich kreativ sein.»

Da es über 1000 Pokémon in etlichen Varianten und zahllose Sets gibt, kann man ganz schön falsch liegen, wenn man als Geschenk einfach irgendwas kauft, denke ich mir. «Es ist sicher gut, das Kind mal ein bisschen auszufragen, was das Lieblings-Pokémon ist und was gerade gesucht wird», sagt Patrick, der Pokémon-Experte im TwoMoons. «Auch wenn man mit den Begriffen noch nichts anfangen kann, lohnt es sich, sie aufzuschreiben. Dann sind Game Stores wie unserer ein super Anlaufpunkt.» Das Zauberwort lautet «TCG Store», es führt dich in jedem grösseren Ort via Google Maps ans Ziel. In solchen Läden wird beraten, getauscht und natürlich auch verkauft.

Es gibt unendlich viele Sammelziele.
Es gibt unendlich viele Sammelziele.

Ich weiss inzwischen, dass «Fatale Flammen» der Name eines Sets und das Sammelziel meines Sohnes und seines Kollegen ist: «Das Set ist nicht so gross und wir wollen es voll bekommen, weil wir da schon die wertvollste Karte haben», erklärt er. Immerhin hat er jetzt einige Ideen, was er sich wünschen könnte.

Ich weiss nun immerhin, dass «Pokémon-Karten» als Wunsch ungefähr so präzise ist wie «irgendein Buch». Bevor ich etwas verschenke, frage ich künftig zuerst nach dem Sammelziel. All die glitzernden Karten und seltsamen Abkürzungen kann ich immer noch nicht einordnen.

Das ändert sich im zweiten Teil. Ausserdem lerne ich, wie man Raritäten erkennt, schützt und ihren Wert realistisch einschätzt. Nicht jede Karte, die glänzt, ist Gold wert – aber sie könnte es sein.

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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