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«Godzilla Minus Zero» / TOHO
Kritik

«Godzilla Minus Zero»: Noch immer eine Klasse für sich, aber …

Luca Fontana
30.10.2026

Takashi Yamazaki entfesselt erneut eine Apokalypse, die unter die Haut geht. Denn «Godzilla Minus Zero» ist packend, erschreckend und visuell herausragend. Trotzdem fehlt dem Film etwas, das sein Vorgänger vor drei Jahren noch hatte.

Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Godzilla Minus Zero» läuft ab dem 5. November im Kino.

Neun Jahre. Gerade einmal so lange lagen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zurück, als 1954 erstmals ein gigantisches Monster über die japanische Kinoleinwand stapfte. Die Bomben hatten Hunderttausende Menschen das Leben gekostet, ganze Stadtviertel ausgelöscht und unzählige Überlebende fürs Leben gezeichnet. Japan versuchte noch immer, die Wunden des Zweiten Weltkriegs zu schliessen. Doch die Angst vor der nächsten nuklearen Katastrophe blieb.

Dann kam Godzilla. Ein durch Atomtests gewecktes Urzeitmonster, das Tokio in Schutt und Asche legte und dessen radioaktive Zerstörungskraft Erinnerungen an Hiroshima und Nagasaki wachrief. Für das japanische Publikum von damals muss das Grauen erschreckend vertraut gewesen sein. Schliesslich gab Godzilla den Ängsten einer ganzen Nation eine Gestalt: riesig, unaufhaltsam und selbst mit den modernsten Waffen kaum zu bezwingen.

Eine wandelnde Apokalypse.

1954 brachte Japan seine grössten Ängste auf die Kinoleinwand. Sie hatten einen Namen: Godzilla.
1954 brachte Japan seine grössten Ängste auf die Kinoleinwand. Sie hatten einen Namen: Godzilla.
Quelle: TOHO

Im Laufe der Jahrzehnte verlor Godzilla allerdings viel von seinem ursprünglichen Schrecken. Aus der wandelnden Apokalypse wurde zunehmend ein Beschützer der Menschheit, der sich mit anderen Riesenviechern prügelte. Hollywood machte sogar ein ganzes Monsterverse daraus, das spätestens mit «Godzilla vs. Kong» mehr an das Marvel Cinematic Universe erinnerte als an den japanischen Klassiker von 1954.

Regisseur, Autor und VFX-Chef Takashi Yamazaki besann sich 2023 mit «Godzilla Minus One» wieder auf dessen Ursprünge. Er verlegte die Handlung ins Japan der unmittelbaren Nachkriegszeit und liess Godzilla erneut als unaufhaltsame Naturgewalt über das Land hereinbrechen. Wenn sich etwa dessen Rückenplatten blau aufluden, folgte kein cooler Laserstrahl, sondern eine Explosion von nuklearem Ausmass. Mit Druckwelle, Atompilz und Bildern, die unmittelbar an Hiroshima und Nagasaki erinnerten.

Das ging mir damals unter die Haut. Geht’s noch immer. Zumal Yamazaki die Katastrophe eng mit der Geschichte eines ehemaligen Kamikaze-Piloten verknüpfte, der an seiner Überlebensschuld beinahe zerbrach. So wurde «Minus One» nicht nur zu einem der besten Filme 2023, sondern auch zu einer erschütternden Geschichte über Schuld, Verlust und die Frage, wie man nach einer solchen Katastrophe überhaupt weiterleben kann.

Drei Jahre später ist Yamazaki zurück. Mit mehr Geld, mehr Effekten und einem Vorgänger, der die Messlatte unglaublich hoch gelegt hat.

Die Menschen machen den Unterschied

Zwei Jahre sind seit Godzillas verheerendem Angriff in «Minus One» vergangen. Japan schreibt das Jahr 1949 und versucht weiterhin, sich aus dessen Trümmern zu erheben. Tatsächlich kehrt langsam sowas wie Normalität zurück. Auch ins Leben von Koichi Shikishima (Ryunosuke Kamiki), der seine Schuldgefühle weitgehend überwunden hat und zusammen mit Noriko (Minami Hamabe) und seiner Tochter Akiko endlich eine Zukunft aufbauen möchte.

Natürlich bleibt dieser Frieden nicht lange ungestört. Neue Hinweise auf eine monströse Bedrohung lassen die Vergangenheit wieder aufleben. Was mühsam aufgebaut wurde, droht erneut zerstört zu werden.

Wenn ich etwas an Yamazakis beiden Godzilla-Filmen besonders mag, dann, dass er sich stets Zeit für seine menschlichen Figuren nimmt. Denn Yamazaki versteht etwas, das Hollywoods Monsterverse über die Jahre zunehmend vergessen hat: Menschen sind bei ihm keine lästigen Statisten, die zwischen zwei Monsterkämpfen die Handlung vorantreiben müssen. Sie sind der emotionale Ankerpunkt seiner Filme.

Dazu kommt die Art, wie Yamazaki die Zerstörung inszeniert. Wenn Godzilla über Japan hereinbricht, erinnert mich das weniger an einen Monsterfilm als an Bilder aus einem Kriegsgebiet. Etwa, wenn eine Mutter mit ihrem weinenden Kind im Arm verzweifelt um ihr Leben rennt, bevor beide unter einstürzenden Trümmern zerquetscht werden. Da vergeht mir jedes Staunen über das Spektakel. Was ich sehe, erinnert mich viel zu sehr an die Schrecken echter humanitärer Katastrophen.

Die Trümmer sind noch da. Die seelischen Narben auch. Yamazaki lässt Japans Kriegstrauma selbst in den ruhigeren Momenten nie ganz verschwinden.
Die Trümmer sind noch da. Die seelischen Narben auch. Yamazaki lässt Japans Kriegstrauma selbst in den ruhigeren Momenten nie ganz verschwinden.
Quelle: TOHO

Genau diese Ernsthaftigkeit macht Godzilla bei Yamazaki so furchteinflössend. Er wirkt wie eine unaufhaltsame Naturgewalt, deren Zerstörungskraft weit über den eigentlichen Angriff hinaus ihre Spuren hinterlässt.

Im Schatten des eigenen Vorgängers

Aber so beeindruckend und furchterregend Yamazaki Godzilla auch diesmal inszeniert – das tut er wirklich –, ganz so begeistert wie vor drei Jahren hat mich «Minus Zero» dann doch nicht mehr. Das liegt ausgerechnet an der menschlichen Geschichte, die ich eben noch so gelobt habe. Denn je länger der Film dauert, desto stärker beschleicht mich das Gefühl, etwas zu sehen, das ich in ähnlicher Form bereits kenne.

Das zeigt sich vor allem an Koichi Shikishima.

Koichi und Noriko haben sich nach den Schrecken des Krieges endlich ein neues Leben aufgebaut. Doch wie lange hält der Frieden?
Koichi und Noriko haben sich nach den Schrecken des Krieges endlich ein neues Leben aufgebaut. Doch wie lange hält der Frieden?
Quelle: TOHO

Erinnern wir uns: In «Minus One» war der ehemalige Kamikaze-Pilot von der Schuld zerfressen, den Krieg überlebt zu haben. Seine Begegnung mit Godzilla zwang ihn, sich buchstäblich jener zum Monster gewordenen Vergangenheit zu stellen, vor der er davonlief. Am Ende aber fand er einen Weg, mit seinen Schuldgefühlen zu leben. Ein ungemein starker Charakterbogen, dessen emotionale Kraft auch daher rührte, wie eng Koichis persönliche Geschichte mit dem existenziellen, kollektiven Trauma Japans verwoben war.

In «Minus Zero» hingegen ist Koichi mittlerweile ein gefestigter Mensch. Er hat seinen inneren Frieden weitgehend gefunden und möchte seiner Tochter eine Zukunft ermöglichen, in der sie keine Angst mehr haben muss. Das ist ein nachvollziehbarer Wunsch. Nur ist die Geschichte eines Vaters, der seine Familie vor einer übermächtigen Bedrohung beschützen will, auch wesentlich trivialer.

Natürlich versucht Yamazaki, das Kriegstrauma aus anderen Perspektiven zu beleuchten. Neue Figuren bringen neue Schicksale mit, alte Wunden werden wieder aufgerissen. Das funktioniert über weite Strecken gut. Trotzdem habe ich immer wieder das Gefühl, dass «Minus Zero» auf bereits vertrautem emotionalem Terrain unterwegs ist. Die Konflikte ähneln sich, die Themen wiederholen sich. Was mich 2023 noch völlig unvorbereitet traf, hat diesmal etwas von einem Déjà-vu.

Auch in «Minus Zero» sind es die Menschen, die den Kampf gegen Godzilla führen müssen. Das Monster selbst bleibt eine nahezu unaufhaltsame Naturgewalt.
Auch in «Minus Zero» sind es die Menschen, die den Kampf gegen Godzilla führen müssen. Das Monster selbst bleibt eine nahezu unaufhaltsame Naturgewalt.
Quelle: TOHO

Das macht den Film keineswegs langweilig. Gerade anfangs funktioniert er für mich hervorragend. Erst später beginnt die Geschichte etwas zu schleppen. Auch, weil die emotionalen Konflikte für meinen Geschmack zu wenig Neues hergeben, um die Spannung über die gesamte Laufzeit aufrechtzuerhalten. Zumal Yamazaki seine Monster weiterhin erstaunlich sparsam einsetzt. Eine Zurückhaltung, die ich grundsätzlich schätze. Sie verlangt allerdings auch eine Geschichte, die das Publikum bis zum Schluss fesselt.

Womöglich bin ich da etwas streng. Schliesslich macht «Minus Zero» vieles richtig, was ich an seinem Vorgänger so sehr geliebt habe. Aber genau darin liegt für mich auch sein grösstes Problem: «Minus One» hat eine sehr ähnliche Geschichte bereits erzählt, und das mit einer emotionalen Wucht, die seine Fortsetzung trotz aller Qualitäten nicht mehr ganz erreicht. So fehlt dem Film etwas, das sein Vorgänger vor drei Jahren noch hatte: Innovation.

Fazit

Im Schatten eines Meisterwerks

Vielleicht ist «Godzilla Minus Zeros» grösstes Problem schlicht, dass «Godzilla Minus One» existiert. Denn für sich genommen ist Yamazakis Fortsetzung ein richtig guter Monsterfilm, der mit seinen menschlichen Figuren, seiner erschreckenden Zerstörungskraft und seiner Ernsthaftigkeit noch immer weit über Hollywoods Monsterverse steht.

Auch handwerklich gibt es kaum etwas auszusetzen. Nach dem Oscar für die visuellen Effekte von «Minus One» (dem ersten Oscar fürs gesamte Godzilla-Franchise!) standen Yamazaki diesmal mehr Geld und ein grösseres Effektteam zur Verfügung. Das Ergebnis sieht erneut fantastisch aus. Dazu kommt Naoki Satos grossartige Filmmusik, die mit ihren klassischen Godzilla-Motiven regelmässig für Gänsehaut sorgt.

Nur hat Yamazaki mit «Minus One» die Messlatte so hoch gelegt, dass seine Fortsetzung zwangsläufig daran gemessen wird. Und da fehlt mir diesmal etwas. Die emotionalen Konflikte sind vertrauter, die Geschichte weniger überraschend und gerade im letzten Drittel geht dem Film etwas die Luft aus. Das schmälert seine Qualitäten keineswegs, erklärt aber, weshalb ich diesmal deutlich nüchterner aus dem Kino gekommen bin als noch vor drei Jahren.

Titelbild: «Godzilla Minus Zero» / TOHO

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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