
«World of Warcraft: Forever»: «Die Reise ist, was zählt, nicht das Ziel»
«World of Warcraft» wird zum zweiten Mal neugestartet. «Forever» ist aber weit mehr als ein «Classic»-Plus. Nach meinem Hands-on an der Blizzcon bin ich überzeugt: Es hat das Zeug, die alte Sucht neu zu entfachen.
«World of Warcraft: Forever» ist wie Peter Pans Nimmerland. Hier wirst du nie älter … als Level 60. Es wird keine Erweiterungen geben, die das Levelcap erhöhen und die Welt auf den Kopf stellen. Das Spiel wird neben Classic und Retail existieren und die Zeit ein weiteres Mal zurückdrehen. Dort, wo alles begann und Azeroth noch in Ordnung war. Für alle wie mich, die so denken, verspricht «Forever» eine Heimkehr 2.0 zu werden. Aber das Spiel ist nicht einfach ein neues Classic.
Aus alt mach neu
Der grösste Dämpfer vorneweg: Zwar hat Blizzard visuell einiges verbessert, besonders was Beleuchtung, Wasser und Schatten anbelangt, an die Retail-Version reicht es bei weitem nicht heran. Das hilft, die beiden Spiele voneinander abzugrenzen. Ich hatte mir trotzdem etwas Substanzielleres erhofft. Bei meiner Anspielsession an der Blizzcon in Los Angeles fällt mir auf den ersten Blick kaum ein Unterschied zu Classic auf.

Quelle: Blizzard
Die entscheidendsten Änderungen sind inhaltlicher Natur. Blizzard will die Essenz der Vanilla-Version erhalten und daraus ein «forever»-Spiel machen. «Die Reise ist das, was zählt, nicht das Ziel», sagt Vizepräsidentin von «World of Warcraft» Holly Longdale während der Vorstellung. Der tosende Applaus bestätigt, dass viele dem endlosen Grind durch Add-ons und höhere Maximallevel überdrüssig sind. In «Forever» soll das höchste Level, nun, «forever» 60 bleiben.
Damit Spielerinnen und Spieler trotzdem dauerhaft motiviert bleiben, ergänzt Blizzard die Vanilla-Version mit neuen Regionen. Es wird aber nicht irgendwo eine Zone erfunden, stattdessen werden bisher ungenutzte Orte zum Leben erweckt. Die vier neuen Regionen sind die Flusslande (Riverglades), der Berg Hyjal, Shen'dralar und Zephirs Isle. Das ist gleichzeitig die Heimat der neuen Rasse der Himmelsgeborenen (Skyborne).

Quelle: Blizzard
Die vertriebenen Hochelfen kann ich bereits ausprobieren. Zu ihren Spezialfähigkeiten gehört das Gleiten. Damit überstehe ich Sprünge aus den höchsten Türmen. Zephirs Isle erinnert mich mit seinen grünen Wiesen und abgerundeten Bergen etwas an Mulgore, das Startgebiet der Tauren.

Quelle: Blizzard
Wie geht das schon wieder mit den Dungeons?
Das zweite, das ich ausprobieren darf, ist der riesige Outdoor Dungeon namens The Drowned City. Vom Pressezentrum der Blizzcon joine ich mit meinem Level‑38-Charakter drei Besucher, die unter mir in der riesigen Messehalle zocken. Zum Glück wähle ich Jäger als Klasse, mit der bin ich noch einigermassen vertraut. Auch so komme ich ordentlich ins Schwitzen, weil es doch ein paar Jahre her ist, dass ich WoW gezockt habe. Das vertraute Gefühl stellt sich aber sofort wieder ein – spätestens wenn unser Tank eine zweite Gegnergruppe anzieht und wir zum ersten Mal wipen.

Quelle: Blizzard
Danach läuft es besser und wir sammeln fleissig Loot. Hier kommt eine weitere neue Mechanik zum Einsatz. Dropt ein ungewöhnlicher oder seltener Gegenstand, erhalten alle Gruppenmitglieder zumindest das Aussehen, um es später transmoggen zu können. So muss ich mir keine Sorgen machen, dass mir jemand meine Beute streitig macht, nur weil sie cool aussieht. Denn auch «World of Warcraft: Forever» bietet Transmog an. Das heisst, ich kann das Aussehen meiner Ausrüstung verändern. Ebenfalls cool: Bevorzuge ich mein Spiel ohne Transmogs, kann ich das in den Optionen deaktivieren. So entscheiden alle selbst, wie sie spielen möchten.
Aktuell habe ich aber andere Sorgen. Wir treffen im Dungeon auf Trolle, die mich regelmässig mit Sturmangriffen durch die Luft kicken, wenn ich mal wieder zu viel Aggro ziehe. Mein Team scheint den Dungeon schon etwas besser zu kennen. Über eine Abkürzung erreichen wir einen kleinen See. Weil die Demo ein Zeitlimit hat, springen wir sofort hinein und merken, dass das ein Fehler war. Ein riesiger Hai schwimmt auf uns zu, der mich und die anderen in einem Haps zurück an den Levelanfang schickt.

Quelle: Blizzard
Dort verabschiedet sich mein Team mit einem «Bye Guys, thank’s for playing», bei dem ich nicht sicher bin, ob es sarkastisch gemeint ist. Da fällt mir ein, dass ich die neuen Skills noch gar nicht angeschaut habe. Die hat Blizzard ebenfalls überarbeitet. Um herauszufinden, welchen Einfluss sie aufs Spiel haben, bräuchte ich aber mehr Zeit – und hätte sie vor dem Dungeon aktivieren müssen. Mit meiner flachen Hand haue ich mir so laut auf die Stirn, dass sich die anderen Medienleute fragend nach mir umdrehen. Mir wird nämlich erst jetzt klar, dass ich meine Talentpunkte gar nicht verteilt habe. Das dürfte erklären, warum wir ständig gewiped sind.
Sorry Team!
Insgesamt stehen neun neue Dungeons und zwei neue Raids für 10 und 20 Personen zum Launch von «Forever» bereit. Wer lieber alleine unterwegs ist, darf sich auf über 1000 neue Quests freuen, die über ganz Azeroth verteilt sind.

Quelle: Blizzard
Lagerfeuer für mehr Geselligkeit
Auch unter der Haube verbergen sich einige Änderungen gegenüber dem Original-WoW. Kochstellen werden zu Lagerfeuern umfunktioniert. Hier kann ich eine kurze Rast machen und andere Spielerinnen und Spieler können sich dazusetzen. «Es ist eine gute Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen», findet Ana Resendez Chef-Entwicklerin bei Blizzard. Am Lagerfeuer platziere ich speziell hergestellte Gegenstände, abhängig von meinem Beruf. Schmiede haben einen Schleifstein, der die Angriffskraft erhöht, Schneider ein Fraktionsbanner, das die Willenskraft steigert, und Kräuterkundige eine Räucherkerze für mehr Intelligenz.

Quelle: Blizzard
Alle, die sich ans Lagerfeuer setzen, erhalten die Bonis. Es ist ein interessantes System, das definitiv für mehr Geselligkeit sorgen könnte.
Charakterübergreifende Vorteile
Eine weitere Neuigkeit ist das Vermächtnissystem (Legacy System). Die Punkte dafür verdiene ich durch bestimmte Herausforderungen, die laut Ana keine generischen Aufgaben sind, sondern die Reise durch Azeroth abwechslungsreicher gestalten sollen.
Das Vermächtnissystem ist charakterübergreifend. Je nachdem, ob ich primär mit einem Charakter spiele oder mit vielen Zweitcharakteren, investiere ich mehr in die Breite oder in die Tiefe. Das System besteht aus Vermächtnisbäumen. Dort gibt es beispielsweise das Talent «ausgeruht», das den Ruhebonus erhöht und mir mehr Erfahrung beschert. Mit «Reiche Ernte» wiederum erhalte ich mehr Materialien beim Bergbau.

Quelle: Blizzard
Auch beim Kampf- und Itemsystem hat Blizzard die Stellschrauben gedreht. Mir ist davon noch nicht viel aufgefallen, aber ich habe ja auch vergessen, meine Talentpunkte einzusetzen. Blizzard betont, dass sie gerade in Bezug auf das Endgame «Horizontal expandieren» werden. Vorherige Ausrüstung soll mit einem Update nicht plötzlich überflüssig werden.
Viel Jubel gab’s an der Blizzcon für die Nachricht, dass «World of Warcraft: Forever» «realmless» wird. Das heisst, ich wähle beim Start nicht mehr aus einer Reihe von Servern einen passenden aus, auf dem meine Freunde dann hoffentlich auch Platz finden. Stattdessen gibt es die Wahl zwischen «normal», «PvP», «Roleplay» und «Hardcore». Bei der Frage nach der Serverpräferenz ist der Jubel bei Letzteren zu meiner Überraschung am lautesten. Als ob die WoW-Sucht nicht anstrengend genug wäre. Immerhin darf man dort nach dem Tod einmalig den Charakter auf einen PvP-Server exportieren.

Quelle: Blizzard
«World of Warcraft» für Konsole?
Das letzte nicht unbedeutende Update betrifft den Controller. Damit lässt sich WoW ab sofort auch zocken. Ich habe es ausprobiert und erwartungsgemäss ist die Umstellung nicht ganz einfach. Gegenstände im Inventar auswählen oder den Charakter ausrüsten, wird mit der Maus wohl immer einfacher sein.
Die direkte Steuerung per Analogstick und die Auswahl der Angriffe mit RT und LT in Verbindung mit den Facebuttons funktionieren hingegen sehr gut. Ziele visiere ich mit der Schultertaste an. Für Sofazocker eine gute Alternative. Und wer zockt am ehesten auf dem Sofa? Konsolenbesitzer. Dort ist WoW, wie die meisten MMOs, aber auch 25 Jahre nach dem Launch nicht erhältlich. Ob sich das demnächst ändert, wollte Blizzard nicht beantworten. Der Weg ist schon mal geebnet.

Quelle: Blizzard
Das gilt auch für alle, die mit der Rückkehr zu «World of Warcraft» liebäugeln. «Forever» verspricht eine vertraute Erfahrung mit einem rundherum überarbeiteten System, neuen Inhalten und hübscherer Grafik. Ich werde im November definitiv reinschauen. Dann erscheint ja sonst nichts.
«World of Warcraft: Forever» erscheint am 4. November für PC. Die Beta beginnt am 17. September. Blizzard hat mich an die Blizzcon eingeladen und alle Kosten übernommen.
Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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