Literarisches Pingpong – Kapitel 4
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Literarisches Pingpong – Kapitel 4

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 17.12.2020
Bilder: Clémence Censi, Barbara Schuler
Ein Krimi, zwei Autorinnen. Kollegin Carolin und ich schreiben eine Kurzgeschichte und wechseln uns dabei Kapitel für Kapitel ab. Diese Woche warten auf unseren Protagonisten unangenehme Annäherungsversuche und eine noch unangenehmere Erkenntnis.

Im Intro-Artikel haben euch Carolin und ich die Regeln zu unserer neuen Serie erklärt und euch über Genre, Zeit und zu integrierendes Produkt abstimmen lassen. Deshalb schreiben wir nun jeden Donnerstag abwechselnd an einem Krimi, der in der Gegenwart spielt. Der Clou: Du kannst über Abstimmungen am Ende jedes Kapitels selbst ins Geschehen eingreifen. Als Leser oder Leserin entscheidest du nämlich, welches Produkt aus einer zufälligen Vorauswahl die Autorin in ihrer Fortsetzung sinnvoll unterbringen muss. Quasi als Mini-Challenge aus der Community.

Was bisher geschah

Ephraim ist einsam, seit sein Hund Hannibal bei einem Nagelbombenanschlag getötet wurde. Bei diesem Attentat auf seine Werkstatt kam auch ein hochrangiges Mitglied der PdA ums Leben. Auf Ermittlungsergebnisse von Kommissar Magenta und seiner Safttruppe wartet der Sonnenstorenweber vergeblich. Nach dem Fund einer beängstigenden Botschaft in seinem Briefkasten entwendet er bei seinem Besuch auf dem Polizeipräsidium heimlich ein schwarzes Notizbuch und ein Antragsformular zur Hausdurchsuchung. Mit seinem Diebesgut und einem giftgrünen Verdacht macht er sich auf den Weg ins Malergeschäft «Lack und Eder», wo er auf Antworten hofft.

Alle bereits erschienenen Kapitel findest du ganz unten in diesem Beitrag zum Nachlesen.

Kapitel 4

Sündhafte Absichten

Es ist kurz vor Ladenschluss und im «Lack und Eder» erinnert nichts mehr an den chaotischen Vorfall von heute Morgen. In den Regalen, die mittlerweile wieder senkrecht stehen, reiht sich wie gewohnt Malerfarbe an Malerfarbe. Auch der Boden strahlt. Fast so sehr wie Angred, als sie Ephraim hereinkommen sieht. Er atmet tief ein und widersteht dem Drang, auf der Stelle kehrtzumachen. Er braucht Antworten. Für Hannibal. «Na soll's noch eine weitere Dose Rhabarberrot sein?», fragt Angred und klimpert mit ihren verklumpten Wimpern. «Ich bin wegen einer ernsten Angelegenheit hier. Dürfte ich dir ein paar Fragen stellen?» Angred scheint verwirrt, fängt sich aber wieder mit einem Lächeln. «Ich könnte den Laden früher schliessen. Mein Mann Diethard ist ohnehin nicht da. Bei einem Gläschen prickelndem Sekt oben in der gemütlichen Stube redet es sich doch gleich besser, oder?» Ohne Ephraims Antwort abzuwarten, dreht Angred das «Geöffnet»-Schild an der Ladentüre um und lässt den Schlüssel im Schloss mehrfach um die eigene Achse tanzen.

«Für mich bitte ein Wasser», ruft Ephraim Angred zu, die in der Küche bereits eine Sekt-Flöte bis zum Anschlag gefüllt hat und gerade bei der zweiten ansetzen will. An allen vier Wänden hängen bemalte Keramikteller unterschiedlicher Herkunft. Mindestens 70 Stück. Alles Souvenirs. Angred scheint ein Faible fürs Sammeln zu haben. Im Setzkasten über dem lodernden Kaminfeuer hängt ein Arsenal an Fingerhüten.

Zurück auf dem Sofa rückt die Frau mit der lila Strähne so nahe an Ephraim heran, dass ihm der Geruch ihres Billig-Parfüms die Nasenschleimhäute verätzt. «Du weisst doch, was bei mir in der Werkstatt passiert ist?», fängt Ephraim zögerlich an und versucht dabei mit seitlich abgedrehtem Gesicht genügend parfümfreien Sauerstoff einzuatmen, um die nächsten paar Sätze herauswürgen zu können. «Schreckliche Sache», erwidert Angred. Ephraim senkt seinen Kopf und fährt in gedämpfter Stimme fort: «Was weisst du über diesen Typen im giftgrünen Kapuzenpulli, der heute den Laden aufgemischt hat? Ich habe das Gefühl, er könnte etwas über die Sache mit Hannibal wissen.» Ephraim bleibt vage. Schliesslich will er ihr nicht zu viel von seiner Mission verraten. Bei ihrem losen Mundwerk dürfte es maximal eine Stunde dauern, ehe das gesamte Dorf Bescheid wüsste.

Angred leert das Sektglas in einem Zug und stellt es auf den Couchtisch neben eine flackernde Kerze. «Das ist Eddie. Ein Junge aus dem Nachbardorf. Aber ich kann dich beruhigen, Eddie hat bestimmt nichts damit am Hut. Er hat nicht mehr alle Malerdosen im Regal, wenn du verstehst, was ich meine.» Angred zwinkert ihm kichernd zu und scheint auch noch stolz auf die Anspielung zu sein. «Der Junge schaut einmal wöchentlich bei uns vorbei. Stundenlang studiert er die Farbkataloge. Buntes fasziniert ihn. Und wenn er mal nicht Farben anstarrt, durchstöbert er Mülltonnen. Der Polizei ist er bereits bekannt.» Enttäuschung macht sich in Ephraim breit, was Angred nicht entgeht. «Du siehst aus, als könntest du eine Aufmunterung vertragen», raunt ihm Angred ins Ohr. Ephraim steht wie von der Tarantel gestochen auf. «Dürfte ich kurz auf die Toilette?» – «Natürlich, mach dich ruhig frisch mein Grosser. Den Gang runter.»

Ephraims Herz pocht. Nein zu sagen, war noch nie seine Stärke. Generell ist er kein Mann der grossen Worte. Während er sich überlegt, wie er aus dem Schlamassel wieder herauskommt, findet er sich in einem engen, muffigen Büro wieder. Definitiv kein WC hier drin. Ordner und Papierstapel säumen den kleinen Holzpult in der Ecke. Diethard und Angred scheinen von Ordnung nicht besonders viel zu halten. Als Ephraim sich umdreht, um das Zimmer wieder zu verlassen, bleibt sein Blick an einem Zettel an der Magnettafel neben der Türe hängen. Er ist mit einem bunten Magneten aus dem Kinderspiel Klack! auf Ephraims Augenhöhe befestigt. Er hasst dieses hektische Spiel. Seine Nichten zwingen ihn jedes Mal, es mit ihnen zu spielen, wenn er auf Besuch ist. Auf dem Zettel steht mit grüner Tinte und in krakeliger Schrift «Joachim Schüberle» geschrieben, gefolgt von einer Telefonnummer. Ist das nicht der Journalist, der in der örtlichen Lokalzeitung «Kaff Aktuell» bereits mehrfach über das Attentat auf seine Werkstatt berichtet hat?

Der Zettel erinnert Ephraim daran, dass sich in seiner Hosentasche ein weiterer befindet. Der Antrag zur Hausdruchsuchung, den er bei der Polizei gemopst hat. Vor lauter Aufregung hat er noch keinen Blick darauf geworfen. Vorsichtig faltet er den Zettel auseinander.

... das Betreten und die Durchsuchung des Hausgrundstücks an der Frevelstrasse 99 nebst dazugehörender Ladenfläche und angemieteter Garage.

Er kennt die Adresse. Es ist das Haus der Eders.

«Na, hast du dich verlaufen mein Grosser?»

Fortsetzung folgt am 24.12.2020

Stimme jetzt ab

Welches Produkt soll Carolin in den nächsten Teil der Geschichte einbauen?

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Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Abstimmen kannst du bis zum 20.12.2020 um 23:59 Uhr. Das Produkt, das zu diesem Zeitpunkt die meisten Votes hat, wird im nächsten Teil in die Geschichte eingebaut. Folge dem Thema «Serie» hier oder uns als Autorinnen, um keine Folge zu verpassen.

Alle bisher erschienenen Teile

Wir schreiben Geschichte – *Kapitel 1**
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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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