Wir schreiben Geschichte – Kapitel 3
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Wir schreiben Geschichte – Kapitel 3

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 10.12.2020
Bilder: Clémence Censi
Ein Krimi, zwei Autorinnen. Kollegin Natalie und ich schreiben eine Kurzgeschichte und wechseln uns dabei Kapitel für Kapitel ab. Diese Woche geht’s um arbeitsscheue Polizisten und eine Spur, der es sich zu folgen lohnt.

Im Intro-Artikel haben euch Natalie und ich die Regeln zu unserer neuen Serie erklärt und euch über Genre, Zeit und zu integrierendes Produkt abstimmen lassen. Deshalb schreiben wir nun jeden Donnerstag abwechselnd an einem Krimi, der in der Gegenwart spielt. Der Clou: Du kannst über Abstimmungen am Ende jedes Kapitels selbst ins Geschehen eingreifen. Als Leser oder Leserin entscheidest du nämlich, welches Produkt aus einer zufälligen Vorauswahl die Autorin in ihrer Fortsetzung sinnvoll unterbringen muss. Quasi als Mini-Challenge aus der Community.

Was bisher geschah

Ephraim, ein Sonnenstorenweber mit der Seele eines Künstlers, ist einsam, seit sein Hund Hannibal bei einem Nagelbombenanschlag getötet wurde. Um über den Verlust hinwegzukommen, beschliesst er seine Werkstatt neu zu streichen. Doch eine unmissverständliche Botschaft auf einer Heizdecke im Briefkasten bringt ihn aus der Fassung.

Alle bereits erschienenen Kapitel findest du ganz unten in diesem Beitrag zum Nachlesen.

Kapitel 3

Auf grüner Spur

Einen Moment lang scheint die ganze Welt um ihn herum zu verschwinden, sein Denken verlangsamt sich, sein Herz schlägt wie wild. Dann rennt Ephraim los. Los in Richtung Garten. Neben dem Stamm des alten Apfelbaums, dort wo die kleinen Schneeglöckchen gerade anfangen zu blühen, beginnt er mit blossen Händen zu graben. Er stösst auf den Holzsarg und etwas weiter links auf Leder. Das Halsband, das er damals zusammen mit dem Kadaver vergraben hat, ist noch da. Erleichtert, aber verdutzt schaut er sich das Exemplar aus dem Briefkasten nochmals an. Erst jetzt bei näherem Betrachten fällt ihm auf, dass es gar nie das echte sein konnte. Dem fehlte das dritte Loch für die goldene Schnalle, deshalb sass Hannibals Halsband immer etwas locker.

Jetzt, wo die Spannung abfällt, schafft sich die Wut Raum. Die Wut, die er sich tagelang ausredete und sich stattdessen einredete, dass die Zeit schon alle Wunden heile. Was für ein Schwachsinn. Er hat seine Gefühle, sein Leiden so sehr verdrängt, dass er sogar eine Begegnung mit Angred Eder im Malergeschäft «Lack und Eder» auf sich nahm. Und das alles nur, weil die Gesellschaft den Stoiker idealisiert, weil schon die Kirche lehrt, lieber die andere Wange hinzuhalten, als etwas gegen Ungerechtigkeit zu tun. Das ist kein Zeichen von Grösse, das ist bloss Resignation. Im Kleid der Religion.

In der Werkstatt pfeffert er die frisch gekauften Farbdosen mit Schwung in eine Ecke. Sogar Lyrik vermochte ihn dieses Mal nicht aus dem Loch zu holen, wie soll das denn mit einem albernen Renovationsprojekt gelingen. Mit dieser Werkstatt ist optisch nichts falsch. Ihr fehlt das Herz, das ihr mit dem Mord an Hannibal grausam entrissen wurde. Dieses Herz lässt sich mit keinem Rot auf dem Pantone-Spektrum einfach zurück an die Wand malen. Nein, der Täter muss vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden und er, Ephraim, wird die Beweise dafür liefern. Er ist beinahe froh, dass irgendein Arschloch, das sich einen makaberen Scherz erlauben wollte, seine Emotionen wieder zum Kochen gebracht hat.

Befeuert vom Wunsch nach Gerechtigkeit geht er hinüber zum Spiegel, der über einem kleinen Waschbecken ganz hinten im Raum hängt, um seine Schrundensalbe aufzutragen. Seine Hände wird er noch brauchen. Sein Gesicht könnte auch mal wieder etwas Pflege vertragen, fahl und müde schaut es ihn an. Als er gerade seine Furchen betrachtet, flackert ein Bild vor seinem inneren Auge auf. Es lässt sich nicht ganz fassen und je mehr er es zu greifen versucht, desto weiter rückt es weg. Dann ist es ganz weg. Ephraim schert sich nicht weiter drum und wäscht sich stattdessen flüchtig sein Gesicht. Er wirft seinen Mantel über, schliesst die Dreifachverriegelung der schweren Metalltüre und steigt in seinen alten Land Rover. Ersteinmal stattet er dem örtlichen Polizeiposten einen Besuch ab. Er geht nicht davon aus, dass Kommissar Magenta und seine Safttruppe in den letzten Wochen irgendwas zustande gebracht haben und mit neuen Erkenntnissen aufwarten. Dafür sind ein Hund und ein Mitglied der Partei der Arbeit nicht wichtig genug. Aber vielleicht hilft ihm eine kurze Zusammenfassung der gesammelten polizeilichen Versäumnisse bei seinen eigenen Ermittlungen.

«Nichts Neues», sagt ein speckiger Beamter gelangweilt, während er ein überbackenes Sandwich fixiert, das angebissen auf einem Stapel Akten liegt. Ephraim ist kurz davor, eine Szene zu veranstalten und die unmögliche Arbeitsweise anzuprangern, kann sich aber beherrschen. In dem hellen, gedrängten Grossraumbüro scheint sich niemand um irgendetwas ausserhalb des eigenen Kubus zu scheren. Ein Mann sitzt mit überschlagenen Beinen da und feilt sich die Nägel, eine Frau kaut mit halboffenem Mund Kaugummi und schielt immerzu auf ein Anglermagazin auf ihrem Schoss. An der Kaffeemaschine entdeckt Ephraim Kommissar Magenta, der früher für eine Verhaftung nach der anderen sorgte. Unterdessen hat er seine Pitbull-Attitüde zwar weitgehend abgelegt, doch ab und an glänzt er noch immer mit seinem Instinkt. Jetzt gerade scheint er eher mit dem schlechten Espresso aus einer Kapselmaschine zu hadern. Weil Magenta abgelenkt ist, schnappt Ephraim unbemerkt ein Antragsformular zur Hausdurchsuchung und ein schwarzes Notizbuch inklusive blauem Kugelschreiber vom Schreibtisch des Kommissars zu entwenden.

Auf dem Weg nach Hause bremst ihn eine rote Ampel an der Kreuzung neben der Primarschule aus. Genervt schaut er zum leeren Spielplatz hinüber, der sich in knapp zwanzig Minuten zur grossen Pause mit einer Horde Kinder füllen wird. Ihm war die Nestschaukel immer am liebsten. Früher war die Sitzfläche aus einer maschigen Seilkonstruktion, unterdessen werden sie aus grünem Kunststoff gefertig. Plötzlich ist das Bild von vorhin wieder da, ganz klar dieses Mal. Der Typ mit dem giftgrünen Kapuzenpulli, den er erst den halben Laden von Angred verwüsten sah und dann unbewusst hinter einer Mülltonne entdeckte. Sofort setzt er zum U-Turn an. Er muss nochmal zurück zu «Lack und Eder» und sich dieses Mal auf die unmoralischen Angebote von Angred einlassen.

Fortsetzung folgt am 17.12.2020

Stimme jetzt ab

Welches Produkt soll Natalie in den nächsten Teil der Geschichte einbauen?

  • Eine Tagungsmappe
    22%
  • Eine Pool-Abdeckplane
    27%
  • Das Gesellschaftsspiel Klack
    50%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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7

Abstimmen kannst du bis zum 13.12.2020 um 23:59 Uhr. Das Produkt, das zu diesem Zeitpunkt die meisten Votes hat, wird im nächsten Teil in die Geschichte eingebaut. Folge dem Thema «Serie» hier oder uns als Autorinnen, um keine Folge zu verpassen.

Alle bisher erschienenen Teile

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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