Wir schreiben Geschichte – Kapitel 7
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Wir schreiben Geschichte – Kapitel 7

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 07.01.2021
Bilder: Clémence Censi
Ein Krimi, zwei Autorinnen. Kollegin Natalie und ich schreiben eine Kurzgeschichte und wechseln uns dabei Kapitel für Kapitel ab. Diese Woche manifestiert sich eine Vermutung in einem alkoholfreien Bier.

Im Intro-Artikel haben euch Natalie und ich die Regeln zu unserer neuen Serie erklärt und euch über Genre, Zeit und zu integrierendes Produkt abstimmen lassen. Deshalb schreiben wir nun jeden Donnerstag abwechselnd an einem Krimi, der in der Gegenwart spielt. Der Clou: Du kannst über Abstimmungen am Ende jedes Kapitels selbst ins Geschehen eingreifen. Als Leser oder Leserin entscheidest du nämlich, welches Produkt aus einer zufälligen Vorauswahl die Autorin in ihrer Fortsetzung sinnvoll unterbringen muss. Quasi als Mini-Challenge aus der Community.

Was bisher geschah

Ephraim ist einsam, seit sein Hund Hannibal bei einem Nagelbombenanschlag getötet wurde. Bei diesem Attentat auf seine Werkstatt kam auch der kantonale Parteipräsident der PdA, Xavier Ambühl, ums Leben. Auf Ermittlungsergebnisse von Kommissar Magenta und seiner Safttruppe wartet der Sonnenstorenweber vergeblich. Nach dem Fund einer beängstigenden Botschaft in seinem Briefkasten entwendet er bei seinem Besuch auf dem Polizeipräsidium heimlich ein Antragsformular zur Hausdurchsuchung, welches die Vermutung nahe legt, dass das Malergeschäft «Lack und Eder» etwas mit der Sache zu tun hat. Um sich Klarheit zu verschaffen, sucht Ephraim Eddie auf. Einen Jungen, der häufig bei den Eders herumlungert und der ein Gespräch zwischen Angred und Diethard Eder belauscht hat. Die Spur führt Ephraim in die Redaktion zu Joachim Schüberle, dem Inhaber der Lokalzeitung «Kaff Aktuell» und ehemaligem Kapitalisten, nun aber Mitglied der «Partei der Arbeit». Dort erfährt er von der Rezeptionistin, dass der Kapitalist Diethard Eder seit einiger Zeit stiller Teilhaber der Zeitung ist und entdeckt einen Karton mit Flyern, die für Schüberle als kantonaler Parteipräsident werben.

Alle bereits erschienenen Kapitel findest du ganz unten in diesem Beitrag zum Nachlesen.

Kapitel 7

Der Wahn der Vergeltung

Gute Frage. Was will Ephraim denn nun von dem Journalisten nach all den neuen Erkenntnissen. Er muss seine Frage mit Bedacht wählen. Schüberle soll keinen Verdacht schöpfen, trotzdem muss er mehr über die Verstrickung zwischen ihm, Diethard Eder und Kommissar Magenta herausfinden. «Sie wollen also Bündner PdA-Präsident werden?», sagt Ephraim mit möglichst gleichgültiger Stimme und deutet mit dem Kopf auf den Karton mit Flyern unter Schüberles Pult. «Ja, da Xavier, Gott hab ihn selig, nicht mehr antreten kann und sich kein anderer geeigneter Kandidat finden liess, habe ich mich bereit erklärt. Das wird aber erst morgen verkündet, also bitte ich Sie um Stillschweigen.» Der Journalist wirkt völlig gelassen, keine Spur von Nervosität. Ob sich Ephraim doch getäuscht hat und getrieben von seiner Wut überall böse Geister und Muster sieht? Vielleicht, aber einen Versuch muss er noch wagen.

«Was ich Sie eigentlich fragen wollte. Sie haben ja die Neueröffnung des Malerladens ‘Lack und Eder’ mit einigen Artikeln in Ihrer Zeitung begleitet. Ist Ihnen da ein Junge im Kapuzenpulli zwischen den Regalen aufgefallen?» Joachim Schüberle schaut mit stutzigem Blick hinter seiner übergrossen Kaffeetasse hervor. Die Frage war nicht klug formuliert. Alles an ihr klingt nach Verhör, das merkt Ephraim sofort und entscheidet sich für die Flucht nach vorne. «Mein Hund ist ja bei dem Anschlag auf Xavier Ambühl umgekommen und erst vor ein paar Tagen fand ich eine Drohbotschaft im Briefkasten. Etwa gleichzeitig ist mir dieser Junge aufgefallen. Die Polizei hat mir leider bisher nicht weiterhelfen können.» Schüberles Gesicht erhellt sich. Er stellt seine Tasse auf den Tisch und setzt sich hin. «Ja, den Jungen habe ich gesehen. Der stand ständig zwischen den Regalen und hat sich Farbeimer angeschaut. Unter uns. Die Eders stehen mir weder politisch noch persönlich nahe, vor allem Angred kann mit ihrer Art sehr anstrengend sein, aber um den Jungen haben sie sich rührend gekümmert. Dauernd haben sie sich nach seinem Wohlbefinden erkundigt und ihm Farbbüchsen geschenkt.» Diese Aussage überrascht Ephraim. Bisher hat Angred so getan, als ob sie Eddie sich selbst überlassen habe. Aber anscheinend ist er dem Ehepaar doch ziemlich nah, wenn er dem Journalisten glauben will. Etwas ist faul im Staate Dänemark…

Ephraim bedankt sich höflich bei Schüberle, verspricht bald einmal wieder eine Anzeige für seinen Sonnenstorenladen zu schalten und verlässt das Büro. Auf dem Weg aus der Redaktion lächelt er noch kurz der Rezeptionistin Jennifer Bieri zu, die gerade mit einer Milchpumpe zu kämpfen scheint. Er fährt nach Hause in seine Werkstatt, er muss das Gehörte irgendwie in Einklang bringen. Wie ihm Wahn notiert er alles auf einem kleinen karierten Notizblock:

Joachim Schüberle: Journalist, Diethard Eder stiller Teilhaber von «Kaff Aktuell», PdA oder Kapitalist?

Angred und Diethard Eder: Kapitalisten, Malerladen, Stammkunde Eddie

Eddie: Psychische Probleme, Farben sind grosse Leidenschaft, Schüberle angeschwärzt

Kommissar Magenta: Polizist, Alt-Kapitalist, Durchsuchungsbefehl für Eders

Minutenlang starrt Ephraim die Worte an, als würde sich aus ihnen auf einmal eine Botschaft formen. Bevor er verrückt wird, steht er auf, geht zum Kühlschrank und holt sich ein alkoholfreies Bier. Ihm fällt ein, dass er Schüberle vor ein paar Jahren einmal bei einem Treffen der «Anonymen Alkoholikern» getroffen hat. Etwa zu der Zeit, als er seine Mitgliedschaft bei der «Partei der Arbeit» verkündete. Was, wenn sein Sinneswandel echt ist? Wenn er damals einen Neubeginn gewagt hat? Wie dem auch sei, Diethard scheint ein ziemlich lauter stiller Teilhaber zu sein. Das lässt sich an der veränderten Berichterstattung der letzten Monate ablesen, bemerkt Ephraim jetzt, wo er sich das alles recht überlegt. Die ist doch etwas wirtschaftsliberaler ausgefallen, als gewohnt.

Er stellt das Bier zur Seite und betrachtet erneut seinen Notizblock. Die Eders, Magenta und Eddie. Kapitalismus und Farben. Jede Spur, jeder neue Fakt, jede Person führt zurück zu den Eders. Nur mit einer Gesellschaft, die auf Konsum getrimmt ist, wird ihre Gier nach immer mehr Geld gestillt. Letztes Jahr wollten sie sogar expandieren und einen Laden in Chur eröffnen, doch die sozialistische Kantonspolitik mit ihren Auflagen hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch Magenta wünscht sich das alte kapitalistische System zurück. Schwindende Armut und wachsende Solidarität lassen die Kriminalitätsrate ins Bodenlose fallen und machen seinen Job unattraktiv. Eddie hingegen liebt die Farbbüchsen im Laden der Eders. Es wäre ein Leichtes, die beiden Männer als Verbündete zu gewinnen. Schüberle dagegen wurde vielleicht einfach die Liebe zu seiner Lokalzeitung zum Verhängnis. Um sie zu retten, liess er sich finanziell vom politischen Feind unterstützen.

Er denkt alles noch dreimal durch, ordnet jedes Detail ein, geht sicher, nichts übersehen zu haben. Er ist sich seiner Theorie sicher. Er ist bereit, sie zu verfolgen, öffentlich zu machen, endlich Vergeltung für Hannibal zu üben. Doch auch er braucht Verbündete. «Kaff aktuell» wird die Beiträge über Hasenzüchter und Hobbybastler erst einmal verschieben müssen. Der letzte Teil folgt am 14.01.21

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  • Filzgleiter
    41%
  • Pfannendeckel
    33%
  • Servierwagen
    25%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

Möbelgleiter + Schutzpuffer/>
Filzgleiter (Filzgleiter, 64 Stück)
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19
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Servierwagen
BRW Servierwagen
16

Abstimmen kannst du bis zum 10.01.21 um 23:59 Uhr. Das Produkt, das zu diesem Zeitpunkt die meisten Votes hat, wird im nächsten Teil in die Geschichte eingebaut. Folge dem Thema «Serie» hier oder uns als Autorinnen, um keine Folge zu verpassen.

Alle bisher erschienenen Teile

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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