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Evolving a Timeless World, BlizzCon 2026
Meinung

Wir müssen über «World of Warcraft: Forever» reden

Luca Fontana
17.9.2026

Blizzard verspricht mit «World of Warcraft: Forever» das Gefühl von 2004 zurück, ohne dessen Mühsal. Was nach einem netten Nostalgie-Projekt klingt, könnte zum ehrlichsten Eingeständnis werden, das Blizzard je über sein eigenes Hauptspiel gemacht hat.

Ich vermisse das alte «World of Warcraft». Nur spielen möchte ich es eigentlich nicht mehr.

Das merke ich jedes Mal, wenn mich die Nostalgie zurück auf einen Classic-Server zieht. Am Anfang ist alles wieder da: das riesige Azeroth, die langsame Reise und das Gefühl, dass hinter jedem Hügel etwas Neues warten könnte. Bis ich zum gefühlt hundertsten Mal durch das Brachland stapfe und aus «Wow, ist diese Welt riesig» längst «Muss ich da jetzt wirklich nochmals durch?» geworden ist.

Das Brachland, tausendfach durchquert, und trotzdem der Ort, an dem meine Nostalgie am zuverlässigsten anklopft.
Das Brachland, tausendfach durchquert, und trotzdem der Ort, an dem meine Nostalgie am zuverlässigsten anklopft.
Quelle: Luca Fontana

An der BlizzCon 2026 hat Blizzard nun «World of Warcraft: Forever» angekündigt: ein drittes, dauerhaftes WoW neben Retail, der laufenden modernen Version, und Classic. Heute startet sogar die Beta, und offiziell beschreibt Blizzard das Projekt so: Die Welt soll wieder «im Zentrum stehen», die Gemeinschaft an erster Stelle kommen und die Reise ebenso zählen wie das Ziel.

Darüber hat mein Kollege Philipp eine komplette BlizzCon-Berichterstattung gemacht. «Forever» klingt dabei nach einem netten Zusatzangebot für Nostalgikerinnen und Nostalgiker. Ist es aber nicht. Je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr wird daraus für mich die spannendste WoW-Ankündigung seit Jahren.

Und das liegt nicht an den über 1000 neuen Quests oder der neuen Elfenrasse Skyborne.

Vielleicht vermisse ich gar nicht Classic

«Forever» setzt beim ursprünglichen Azeroth an, hält die Levelgrenze dauerhaft bei 60 und erweitert die Welt stattdessen mit neuen Gebieten, Dungeons und Raids. Gleichzeitig modernisiert Blizzard dort, wo Classic heute schlicht angestaubt wirkt: Nutzlose Talente fliegen raus, Spezialisierungen sollen alle brauchbar werden und spätere Zweit- und Dritt-Charaktere bekommen über ein accountweites Legacy-System spürbare Erleichterungen.

Genau darin liegt die eigentlich schwierige Frage. Vieles, was wir heute mit wohliger Nostalgie verbinden, war schon damals mühsam, nur haben wir es anders wahrgenommen. Wenn ich 2005 zwanzig Minuten durch eine Zone lief, kannte ich den Weg nicht, entdeckte vielleicht eine Höhle oder traf eine fremde Spielerin. Die Welt fühlte sich riesig an, weil ich sie tatsächlich durchqueren musste. Beim fünften Charakter (sogenannte «Twinks») wird aus Entdeckung aber nervige, repetitive Arbeit.

Retail hat viele dieser Probleme gelöst. Der Dungeon Finder erspart die mühsame Gruppensuche, Flugreittiere verkürzen Wege, schnelleres Leveln bringt mich schneller zum «heiligen» Endgame. Alles nachvollziehbare Verbesserungen. Nur hat Blizzard dabei manchmal nicht bloss das Problem entfernt, es hat auch gleich das Erlebnis mitentsorgt. Wer per Knopfdruck in einen Dungeon teleportiert, muss niemanden mehr fragen, wo der Eingang liegt. Und wer über jeden Berg fliegt, verwandelt eine Landschaft in eine Kulisse unter sich.

Sowas Prägendes wie meine epische Reise von der Menschenstadt Stormwind bis nach Ashenvale, das verwunschene Reich der Nachtelfen, bietet «Retail» heutzutage schlicht nicht mehr:

Genau hier liegt der Verdacht, der «Forever» erst wirklich interessant macht: Ich vermisse gar nicht Classic mit seinen zähen Talentbäumen und seiner «LFM UBRS tank!!»-Gruppensuche per Weltchat. Ich vermisse nur, wie Classic sich angefühlt hat, bevor ich jeden Weg auswendig kannte.

Und was, wenn «Forever» das bessere WoW ist?

Nun wird die Sache für Blizzard heikel. Ion Hazzikostas, seit Jahren Chef-Tüftler hinter dem modernen «WoW» und aktuell auch Director der laufenden Erweiterung «Midnight», ist zugleich das Gesicht von «Forever».

Im Interview mit dem «Men's Journal» beschreibt er die Ambition so: Blizzard wolle «das beste MMO aller Zeiten nehmen und es noch besser machen». Zur Zielgruppe zählt er ausdrücklich jene Spielerinnen und Spieler, die Classic ausprobiert, es genossen, aber dann wieder zu Retail zurückgewechselt haben.

Also mich.

Bemerkenswert daran: Derselbe Mann, der seit Jahren für Retail verantwortlich zeichnet, positioniert sich nun als Kurator eines Spiels, das explizit verspricht, all das zurückzubringen, was Retail unterwegs verloren hat.

Ion Hazzikostas verantwortet gleichzeitig Retail und «Forever» – eine Doppelrolle mit einiger Symbolkraft.
Ion Hazzikostas verantwortet gleichzeitig Retail und «Forever» – eine Doppelrolle mit einiger Symbolkraft.
Quelle: What's Next Panel, BlizzCon 2026

Auch im Kleinen zeigt sich diese Schieflage. «Forever» bekommt von Anfang an offizielle Controller-Unterstützung. Für Retail bleibt das laut Associate Game Director Paul Kubit ein unverbindliches «Sag niemals nie», weil die moderne Version mit ihren zahllosen Tasten schlicht komplizierter sei. Ein kleines Detail, das trotzdem etwas Grösseres verrät: Das neue, nostalgische Projekt bekommt Zuwendung, die dem etablierten Hauptspiel gerade verwehrt bleibt.

Die Community hat diese Ironie längst bemerkt. Im grössten WoW-Forum, MMO-Champion, läuft seit der Ankündigung ein Thread mit dem Titel «Blizzcon 2026: The worst blizzcon for retail-players ever». Darin bringt ein Nutzer den Widerspruch auf den Punkt: Man feiere ein «Classic+», entwickelt vom selben Studio, dem viele die Verwässerung von Retail vorwerfen, während die eigentliche, laufende Version bei derselben BlizzCon fast leer ausging.

Ob Blizzard das je offen zugeben wird, ist eine andere Frage. Doch die Existenz von «Forever» wirkt fast wie eine leise Kritik an der eigenen Gegenwart. Okay, streich das «fast». Und «leise» vielleicht gleich mit.

Das «echte» WoW

Klar, Blizzard sagt nirgends, das moderne «WoW» sei zu stark aufs Endgame fokussiert, aber «Forever» erklärt die Reise wieder zum Spiel. Blizzard sagt auch nirgends, Azeroth sei zur Kulisse verkommen, aber «Forever» macht die Welt wieder zum Hauptcharakter. Und schliesslich sagt Blizzard nirgends, 20 Jahre vertikale Progression würden Inhalte zu schnell entwerten, aber «Forever» friert die Levelgrenze bei 60 ein und schwört auf «horizontale» Progression.

Was auch immer das heissen mag.

Zurück zum Loch Modan, als es noch voller Wasser war. Ach, was freue ich mich auf diese Rückkehr!
Zurück zum Loch Modan, als es noch voller Wasser war. Ach, was freue ich mich auf diese Rückkehr!
Quelle: Evolving a Timeless World, BlizzCon 2026

Das Ironische daran: Blizzard hat die meisten dieser Entwicklungen selbst vorangetrieben, oft auf Wunsch der eigenen Community. Schnellere Wege, komfortablere Gruppensuche und mehr Fokus aufs Endgame lösten reale Probleme. «Forever» ist deshalb kein Eingeständnis, dass Retail grundsätzlich falsch abgebogen ist. Aber unterwegs sind beim Modernisieren zweifelsohne Dinge verloren gegangen. Alles im Namen von Komfort und Effizienz.

Deshalb ist die Sorge, die gerade durch Retail-Communitys geistert, mehr als blosser Nostalgie-Trotz. Wenn «Forever» tatsächlich hält, was es verspricht, konkurriert es nicht einfach freundlich neben Retail um etwas Aufmerksamkeit. Es beantwortet die Frage, welches dieser drei «World of Warcrafts» laut Blizzard das beste Erlebnis bietet.

Retail-Spielerinnen und -Spieler haben allen Grund, sich davor zu fürchten. Wandern genug von ihnen ab, kannibalisiert Blizzard damit sein eigenes Hauptprodukt. Weniger Spielende bedeuten weniger Ressourcen für die Retail-Entwicklung und leerere Server, ein Teufelskreis, der ausgerechnet das schwächt, was eigentlich das grössere, etablierte Spiel bleiben sollte.

Neue Beleuchtung, neue Partikeleffekte, alte Texturen: So will «Forever» frisch aussehen, ohne seinen alten Charme zu verlieren.
Neue Beleuchtung, neue Partikeleffekte, alte Texturen: So will «Forever» frisch aussehen, ohne seinen alten Charme zu verlieren.
Quelle: Evolving a Timeless World, BlizzCon 2026

Ob Blizzard selbst schon weiss, was künftig das «WoW» sein soll, bezweifle ich. Zurück ins Jahr 2004 will ich trotzdem nicht, dafür fehlt mir die Geduld, und Blizzard hat seither zu viele echte Probleme gelöst. Ich möchte aber wieder verstehen, warum ich damals stundenlang von Stormwind bis Ashenvale laufen konnte, ohne mich je zu fragen, wann endlich das eigentliche Spiel, das Endgame, beginnt.

Gefühlt war ich nämlich schon mittendrin. Und genau das ist es, was uns «WoW: Forever» verspricht.

Glaubst du, «Forever» kann dieses Gefühl tatsächlich zurückbringen, oder unterschätze ich, wie sehr wir uns selbst verändert haben? Schreib's in die Kommentare.

Titelbild: Evolving a Timeless World, BlizzCon 2026

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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